Europäische Presse zu den Piraten: "Offenheit kann eine Parteilinie nicht ersetzen"

Von Carolin Lohrenz

Als angehende dritte Kraft hinter CDU und SPD bekommen die Piraten in Europas Presse immer mehr Aufmerksamkeit. "Deutschland war bereit für frische Ideen", meint die Londoner "Times". Sie punkten vor allem mit ihrer "Offenherzigkeit", schreibt die Bukarester "România libera".

Piratenchef Nerz: Politik ohne Politiker - und ohne Charisma Zur Großansicht
dapd

Piratenchef Nerz: Politik ohne Politiker - und ohne Charisma

Woher kommt der Erfolg der deutschen Piratenpartei? Die europäische Presse machte sich darüber in dieser Woche viele Gedanken.

Wie wird man drittstärkste politische Kraft in Deutschland? Und das noch ohne Politiker und ohne Charisma, staunte zum Beispiel "El Mundo" in Madrid.

"Der Schlüssel zu dem unheimlichen Erfolg, mit dem die Piraten Deutschlands Politik auf den Kopf gestellt haben, liegt darin, dass sie Politik ohne Politiker machen. [...] Ihr charismatisches Führungspersonal ist gelinde gesagt flüchtig, wie die 24-jährige Marina Weisband, die das Schiff verließ, weil sie ihren Posten nicht mit ihrem Studium vereinbaren konnte. Aber die Umfragen beweisen, dass ihr System, Stimmen mittels Twitter und Internet einzutreiben, weder Führungspersönlichkeit noch Charisma braucht." ("El Mundo", Madrid, 11. April)

Die Piraten sind auf dem Weg nach ganz oben, so sah das auch in Rumänien die Tageszeitung "România libera".

"In einem Berliner Club geboren, schaffte es die Partei in kürzester Zeit, die politische Landschaft Deutschland durcheinanderzuwirbeln. Erst galt sie als ein Sammelbecken für das Protestvotum gegenüber den Traditionsparteien, jetzt hat sie ihre Position aber nicht nur bestätigt, sondern kräftig ausgebaut. Weder Offenherzigkeit noch die jüngsten internen Streitigkeiten konnten den Piraten Schaden zufügen. Und wenn der SPIEGEL darüber berichtet, dass es in jeder Partei zehn Prozent Idioten gibt, so ist es das Verdienst der Piraten, dass sie diese Realität offen zugegeben haben." ("România libera", Bukarest, 11. April)

"Wenige Politiker, keine Stars - aber die Piratenattacke auf den Bundestag läuft",

titelte die Londoner "Times". Und das klappte bisher eben nur in Deutschland. Mit Blick auf das unglückliche Schicksal der Piratenpartei in Schweden bemerkte das Blatt:

"Andernorts kämpfte sie, um Fuß zu fassen.Aber Deutschland war bereit für frische Ideen in der Politik. Die Unterstützung für die Freien Demokraten in der Bundeskoalition brach weg und ließ eine Lücke für eine andere liberale Partei. Viele Umfragen zeigen, dass die Piratenwähler sonst gar nicht wählen würden." ("Times", London, 10. April)

In Österreich, wo die Piraten ebenfalls gerne Stimmen abräumen möchten, stellte der "Falter" fest, die Organisation sei schwieriger als gedacht.

"Während die deutschen Piraten Wahlerfolge feiern, konnten die österreichischen Kollegen nicht einmal genügend Unterstützungserklärungen für die Wienwahl auftreiben. Sie müssen zuerst diese seltsame Piratenparteibürokratie bewältigen, die Tages- und Geschäftsordnung aushandeln. Die Piraten wirken dabei so zerstritten wie die Mitglieder der Judäischen Volksfront in Monty Pythons 'Das Leben des Brian'. Die wollte Rom stürzen, die Partei das politische System in Wien." ("Falter", Wien, 4. April)

In Irland gibt es keine Piraten, und die Grünen erlebten voriges Jahr ein wahres Wahlmassaker. Die "Irish Times" schrieb:

"In vielerlei Hinsicht vereinnahmen die Piraten die grüne Basistradition für die Facebook-Generation. Ihre Politik ist ein stetes work in progress, und ebenso wichtig wie das Programm ist ihr Medium; Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, Online-Diskussionen und öffentliche Veranstaltungen. [...] Bisher sagen die Umfragen ihnen noch nach, sich auf die Proteststimmen von jungen Wählern zu stützen, die von den etablierten Parteien enttäuscht sind. Aber, wie einst die Grünen schon zeigten, Enttäuschung kann ein mächtiger Beschleuniger des Wandels sein." ("Irish Times", Dublin, 12. April)

Skeptischer zeigte sich da der "Guardian", der am Vergleich mit den Grünen zweifelt. Sicher stiegen die Piraten in der allgemeinen Verwirrung deutscher Politiker in unvermutete Höhen, aber ein wenig Inhalt müssten sie schon noch bieten, um überlebensfähig zu sein.

"Piraten und Grüne können nicht so einfach verglichen werden. Die Grünen hatten in ihren Anfängen eine eher schwache Struktur, dafür aber viele Inhalte. Sie versammelten die wichtigsten Bewegungen nach 68, wie beispielsweise die Atomkraftgegner, die Feministen und darüber hinaus die Friedensbewegung als eine der größten Gruppen. All diese Faktoren ermöglichten den Durchbruch der Grünen 1983. Nichts davon kann über die Piraten gesagt werden. Deren Schwäche besteht darin, dass sich ein politisches Programm nicht durch eine bloße Stimmung ersetzen lässt. Aktivismus allein bringt nicht das nötige Gespür für politische Entscheidungsprozesse, und Offenheit kann eine klare Parteilinie nicht ersetzen." ("Guardian", London, 11. April)

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1.
marthaimschnee 13.04.2012
Ich lach mich eckig! Die kapieren alle tatsächlich nicht, daß die Piraten eine gewaltige Protestwelle sind. Und demzufolge ist es auch logisch, daß sie in Skandinavien bereits wieder verschwunden sind, dort gibt es sehr viel weniger Gründe, zu protestieren, als hier. Und wo wir dann hier sind: Abseits der Jubelarien, die in der Presse tagtäglich zum ach so tollen Zustand und der Stabilität der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes gesungen werden, gibt es inzwischen Millionen Menschen, die stinksauer sind, weil all der Erfolg auf ihren Knochen gebaut und aus einem schamlosen Griff in ihre Lohntüten finanziert wird. Darum ist der Zuspruch gerade hierzulande so groß! Aber wiegt euch nur weiter im Sonnenschein und redet euch ein, daß 40% der Wähler nicht zur Wahl kommen, weil das Wetter zu schön/schlecht war, oder der Termin ungünstig, oder was weiß ich warum ... aber nicht, weil sie das Gefühl haben, keine Wahl zu haben! Das wird ein böses Erwachen geben, spätestens wenn die die Lunte anzünden. Den Sprengstoff, der dann hochgeht, habt IHR mit euren Asozialreformen aufgetürmt!
2. Wir sind nicht doof
RaMaDa 13.04.2012
Zitat von sysopAls angehende dritte Kraft hinter CDU und SPD bekommen die Piraten in Europas Presse immer mehr Aufmerksamkeit. "Deutschland war bereit für frische Ideen", meint die Londoner "Times". Sie punkten vor allem mit ihrer "Offenherzigkeit", schreibt die Bukarester "România libera". Europäische Presse zu den Piraten: "Offenheit kann eine Parteilinie nicht ersetzen" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,827320,00.html)
-------------------------------------------------------------------------------- Jede Partei ist für das Volk da und nicht für sich selbst. (Konrad Adenauer) Leider haben das CDU/CSU/SPD/FDP/Die Grünen/Die Linken schon lange aus ihren Parteibüchern gestrichen. Und weil wir, das Volk, doch nicht so doof sind, wie Politiker gemeinhin denken, werden die Piraten noch sehr viele Wählerstimmen gewinnen.
3.
syracusa 13.04.2012
Zitat von RaMaDaJede Partei ist für das Volk da und nicht für sich selbst. (Konrad Adenauer)
Der Adenauer-Spruch war schon damals falsch, und er ist heute noch viel falscher. Ihm liegt eine irrsinnige völkische Vorstellung zugrunde, derzufolge sich Politiker für das Gemeinwohl zu interessieren hätten. Letztlich ist das Nazi-Denke. Schon im Wort "Partei" steckt drin, dass sie unmöglich das ganze Volk repräsentieren kann. Parteien haben den allerersten Zweck, durch Abgrenzung von anderen Parteien parteiliche Interessen zu verfolgen. Politik in einer demokratischen Gesellschaft ist nur durch diese parteiliche Interessenvertretung denkbar.
4. ohne Titel
turo 13.04.2012
Zitat von RaMaDa-------------------------------------------------------------------------------- Jede Partei ist für das Volk da und nicht für sich selbst. (Konrad Adenauer) Leider haben das CDU/CSU/SPD/FDP/Die Grünen/Die Linken schon lange aus ihren Parteibüchern gestrichen. Und weil wir, das Volk, doch nicht so doof sind, wie Politiker gemeinhin denken, werden die Piraten noch sehr viele Wählerstimmen gewinnen.
rtricker Wenn eine aufstrebende Partei von sich selbst behauptet, sie habe zu wichtigen Problemen noch zu wenig an Erkenntnissen, dann schreckt mich diese Aussage ab, und ich wäre mit dem Klammerebeutel gepudert, diese Partei zu wählen. Unsere Strickerinnen und Stricker hatten als Gründungsmitglieder der Grünen feste Ziele im Auge gehabt.
5.
Cotti 13.04.2012
Zitat von sysopAls angehende dritte Kraft hinter CDU und SPD bekommen die Piraten in Europas Presse immer mehr Aufmerksamkeit. "Deutschland war bereit für frische Ideen", meint die Londoner "Times". Sie punkten vor allem mit ihrer "Offenherzigkeit", schreibt die Bukarester "România libera". ...Wie wird man drittstärkste politische Kraft in Deutschland? Und das noch ohne Politiker und ohne Charisma...
Genau deswegen. Aber eines ist schon heute klar, sobald sie sich von einer anderen Partei zu einer Koalition bequatschen lassen, ist es mit ihnen aus. Die Piraten könnten sich ebenso auch "Nichtwähler-Partei" nennen und versprechen, nur als Wahlalternative für Protestwähler da zu sein und auch keine Abgeordneten in die Parlamente zu entsenden, was zur faktischen Verkleinerung des Parlaments führen würde - dann wäre sie sogar für mich eine Wahlalternative.
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