Radikale Kurden gegen IS-Miliz Jetzt soll es die PKK richten

Die Türkei und der Westen sind im Kampf mit dem "Islamischen Staat" überfordert. Helfen soll nun die PKK - die selbst als Terrorgruppe eingestuft wird.

Von , Istanbul 


Die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK greift in Syrien offiziell in den Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ein. Per Mitteilung verkündete sie jetzt, Kämpfer aus der Türkei nach Syrien zu schicken. Sie sollen sich dort den IS-Milizen entgegenstellen. Die Extremisten hatten in den vergangenen Tagen mehr als 60 Orte entlang der Grenze zur Türkei eingenommen.

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Heft 39/2014
Die entfesselte Seuche

Überfordert mit dem Ansturm des IS, bittet die in Syrien aktive kurdische Miliz YPG, ein Ableger der PKK, ihre türkischen Mitstreiter um Hilfe. Die rief daraufhin alle Kurden zum Kampf gegen die Islamisten auf und schickte nach eigenen Angaben etwa 300 Kämpfer zur Sofortunterstützung. Sie sollen helfen, die strategisch wichtige Grenzstadt Ain al-Arab vor einer Einnahme durch den IS zu schützen und von den Dschihadisten kontrollierte Orte zurückzuerobern.

Die immer stärkere Beteiligung der PKK im Kampf gegen den IS wird für die Türkei, aber auch für die USA und die EU zum Problem. Jahrelang bekämpfte die PKK den türkischen Staat, der seit 1984 andauernde Bürgerkrieg kostete rund 45.000 Menschen das Leben. Die PKK rechtfertigt die Gewalt mit der Unterdrückung der Kurden wie etwa dem Verbot ihrer Sprache nach dem Militärputsch von 1980. Offiziell ist die PKK in der Türkei, in den USA und in der EU immer noch als terroristische Vereinigung eingestuft. Doch nun wird sie dringend gebraucht.

Denn in der eskalierenden Lage im Irak und in Syrien könnte die kampferprobte PKK den IS-Truppen wirkungsvoll entgegentreten. Für die westlichen Staaten ein Vorteil, schließlich lehnen sie die Entsendung eigener Bodentruppen ab. Die irakische Armee scheint kaum kampfbereit, Syriens Armee steht hinter Diktator Baschar al-Assad, und die syrischen Rebellen sind untereinander zerstritten. Nun soll also die PKK helfen. Schon im irakischen Sindschar waren es eben jene Kämpfer vom Ableger YPG, die den dort bedrohten Jesiden zu Hilfe eilten.

PKK erhält offiziell keine westliche Hilfe

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Syrische Grenze: Hoffen auf die PKK
In dieser außen- und sicherheitspolitisch heiklen Lage müssen die Türkei, die USA und die EU ihre Haltung zur PKK überdenken. In der Türkei hat man damit schon begonnen, der frühere Regierungschef und jetzige Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat einen Friedensprozess angestoßen, der zu einem Waffenstillstand geführt hat. In den kurdischen Gebieten in der Türkei darf wieder Kurdisch unterrichtet werden. Führende PKK-Leute hoffen nun darauf, sogar von der Terrorliste gestrichen zu werden.

Wegen ihres Status erhält die PKK offiziell keine westliche Hilfe im Kampf gegen den IS. Waffenlieferungen aus Deutschland gehen ausschließlich an die Peschmerga-Armee der irakischen Kurden. Türkische Nationalisten, aber auch westliche Kritiker der Waffenhilfe für die Kurden befürchten, die PKK könnte das Kriegsgerät für ihre eigenen Zwecke missbrauchen.

Aber die Zeit drängt, denn aus Furcht vor den Dschihadisten sind seit Freitag mehr als 130.000 Menschen in die Türkei geflüchtet, darunter vor allem Kurden, die in der Region leben. Das kurdische Gebiet sei inzwischen weitgehend unter Kontrolle des IS, sagen Flüchtlinge türkischen Fernsehsendern. Derzeit rückt die Miliz auf die strategisch wichtige Grenzstadt Ain al-Arab vor. "Ain al-Arab ist eine Geisterstadt, jeder verschwindet von dort", sagt ein Mann, der sich mit seiner Familie in der Türkei in Sicherheit gebracht hat. Der türkische Vizepremierminister Numan Kurtulmus klagte am Montag, der Flüchtlingsstrom reiße einfach nicht ab.

Kämpfer der Miliz in türkischen Krankenhäusern?

Bislang hat die Türkei mehr als anderthalb Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen. Sie kommen in Lagern unter. Viele landen aber auch auf der Straße, die Wohlhabenderen leisten sich eigene Wohnungen. An vielen Orten gibt es Spannungen. Auch an der Grenze kam es am Wochenende zu Ausschreitungen, weil manche Flüchtlinge angeblich Steine auf türkische Sicherheitskräfte warfen. Die Grenzsoldaten, behaupten wiederum Flüchtlinge, sollen die Kurden schlecht behandelt haben und hätten sie nicht sofort einreisen lassen. Am Montag berichteten mehrere Flüchtlinge, die türkische Behörde würde die Grenzübergänge nach Syrien schließen.

Doch nicht nur die Flüchtlinge sind ein Problem, auch die IS-Kämpfer selbst kommen über die Grenze. Türkische Medien berichten von IS-Kommandeuren, die sich in türkischen Krankenhäusern behandeln lassen. Eine Krankenschwester beklagte, sie habe "keine Lust, diese Leute zusammenzuflicken, damit sie zurückkehren und Menschen köpfen".

Ein weiteres Problem für Ankara: Der IS rekrutiert in der Türkei junge Kämpfer, auch in Metropolen wie Istanbul und der Hauptstadt. Seit dem Wochenende kursieren zudem YouTube-Videos, die zeigen, wie langbärtige Männer mit IS-Logos auf ihren T-Shirts unbehelligt die Straßenbahn in Istanbul nutzen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 130 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 22.09.2014
1. Alles...
...an den Haaren herbeigezogener Unsinn...heute werden Terroristen gesponsort um andere Terroristen in Zaum zu halten...und morgen hat man dann wieder die Kurden am Hals. Statt Waffen in diese Gebiete zu liefern sollte man humanitäre Hilfe leisten, den Flüchlingen helfen und diese schützen...das kann man nicht irgendwelchen ominösen Kurden Batallionen überlassen. Die USA hat diesen ganzen Mist angezettelt...den Irak Krieg vom Zaun gebrochen....jetzt sollen die auch sehen wie sie das Ganze wieder hinbiegen. Deutschland sollte sich da tunlichst raushalten. Aber wir haben leider zu viele Klugschwätzer in der Regierungen mit Profilneurosen...
waswuerdeflassbecksagen 22.09.2014
2. Ich freue mich auf das Ergebnis ...
Egal ob IS oder PPK, diejenige Gruppierung, die sich in Syrien/Türkei/Irak durchsetzen wird, wird über mehrere Jahre nicht mehr aus der Region zu verdrängen sein und dann beginnt das Spiel von vorn, wir unterstützen jemanden anderen, der wird zum Diktator, dann gefällt der uns nicht mehr und wir wollen diesen wieder "revolutionieren" und dann wird wieder eine andere Gruppierung unterstützt, usw., die Frage beim allem ist nur, wann wird dieser Konflikt auf europäischen Boden getragen, lange wirds nicht mehr dauern... (be continued)
materialist 22.09.2014
3. Richtigstellung
Die Türkei ist nicht mit dem Kampf gegen ISIS überfordert da sie ISIS noch NIE bekämpft sondern eher noch unterstützt hat.
missbrauchtewähler 22.09.2014
4. Glückwunsch nach Berlin
Na, dann kommen ja jetzt die deutschen Waffen in die richtigen Hände. Auf das Terror mit Terror vergolten werde...
jofuss 22.09.2014
5. Genau richtig!
Die Kurden sind ortskundig, beherrschen die Sprache(n) und haben den Mut, Daß die PKK eine Terrororganisation ist und ein türkischer Minister die ISIS als ein Haufen wütender Jungs betitelt , ist ein Witz. Die Deutschen müssen in ihrer 'Political Correctness' bleiben, unglaublich. Everybodies Darling is everybodies ass-hole.
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