Plünderungen und Jubel Saddams Regime ist Geschichte

Auf diesen Empfang hatten die Amerikaner lange gehofft. Immerhin einige hundert Menschen jubelten am Mittwoch vor dem Regierungsgebäude in Bagdad den US-Truppen zu. In anderen Teilen der Millionenstadt gab es Plünderungen, ohne dass Ordnungskräfte einschritten. Das Regime Saddam Husseins ist offenbar zusammengebrochen.




Bagdad: Iraker bejubeln die Ankunft von US-Marines
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Bagdad: Iraker bejubeln die Ankunft von US-Marines

Bagdad - In Bagdads Armenviertel Saddam-Stadt jubelten mehrere hundert Menschen am Morgen den US-Truppen zu. Auch an anderen Stellen der Stadt begrüßten Einwohner die amerikanischen Soldaten und winkten ihnen zu. Gruppen von Männern, einige in Fußballtrikots von westlichen Vereinen wie Manchester United, sollen den Truppen Blumen zugeworfen haben. "Wir lieben euch, wir lieben euch!", skandierte eine Gruppe, und "Nie wieder Saddam Hussein!" Verschiedene Fernsehsender zeigten Bilder von einem alten Mann in Bagdad, der mit seinem Schuh auf ein Saddam-Bild einschlug und dabei ausrief: "Du Verbrecher!"

In mehreren Stadtteilen der Hauptstadt gingen die Menschen auf die Straßen. Sie drangen in Kasernen, Behördengebäude und Forschungsinstitute ein und plünderten die Einrichtung. Gestürmt wurden unter anderem die Zentrale der Verkehrspolizei, das Büro des Olympiakomitees, Lagerhäuser des Handelsministeriums und die Zentrale der staatlichen Ölhandelsgesellschaft. Ungehindert von irakischen Sicherheitskräften zogen die Plünderer mit Computern, Fernsehgeräten, Möbeln und anderen Geräten davon.

Plünderungen in Bagdad

Irakische Zivilisten plündern ein Regierungsgebäude in einem Vorort im Südosten Bagdads. Plünderungen im Schatten von Panzern: Ein irakischer Junge bedient sich in einem Lagerhaus der Regierung in Bagdad Fette Beute: Eine irakische Frau und ihr Sohn räumen ein Regierungsgebäude aus
Monitore sind auch im Irak begehrt: Ein Mann und sein Sohn bei Plünderungen von Regierungseinrichtungen in Südost-Bagdad Das Volk nimmt, was des Volkes ist: US-Truppen sehen zu, wie Iraker ein Gebäude von Saddam Husseins Regierung plündern Saddam Hussein ist Vergangenheit: Iraker reißen ein Bild des Diktators nieder
Plündern ist harte Arbeit: Während seine Landsleute auf ein Saddam-Bild einschlagen, macht sich ein Iraker mit einem Kühlschrank davon Freudentag für die Schiiten im Nordosten Bagdads: Als US-Truppen ohne Widerstand in den Vorort einmarschierten, brachen Plünderungen aus Das Haus eines Vertreters der irakischen Baath-Partei im Norden Bagdads wird von Irakern ausgeräumt


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Eine öffentliche Ordnung scheint es in Bagdad nicht mehr zu geben: Augenzeugen berichteten, dass es keine Zeichen von einer Präsenz von Regierungsvertretern, von Polizei oder Uniformierten gab, als es zu Plünderungen in Regierungsgebäuden in mehreren Stadtteilen kam. Männer, Frauen und Kinder schleppten Kühlschränke, Vasen, Computer, Schreibmaschinen und Büromöbel aus leer stehenden öffentlichen Gebäuden.

Nur noch vereinzelt Heckenschützen

Einige Einwohner bewaffneten sich auch. Dies berichteten Reporter der Nachrichtenagentur AP. Jugendliche im Alter von 15 oder 16 Jahren zogen mit Kalaschnikow-Gewehren durch die Straßen. Vereinzelt fielen Schüsse. Einige Autofahrer und Fußgänger liefen in Panik davon.

Ein Iraker schmückt einen US-Soldaten mit Blumen
REUTERS

Ein Iraker schmückt einen US-Soldaten mit Blumen

Aus dem Hotel "Palestine", in dem fast alle ausländischen Journalisten untergebracht sind, waren die irakischen Beamten verschwunden, die sonst zur Kontrolle der Presse eingesetzt waren. Auch der irakische Informationsminister Mohammed Saïd al-Sahhaf, der sich sonst täglich mit der Presse traf, tauchte nicht mehr auf. Das irakische Fernsehen sendet seit Dienstag nicht mehr.

Die ausländischen Journalisten in Bagdad können erstmals ohne jegliche Überwachung durch die irakischen Behörden berichten. BBC-Korrespondent Ragee Omar sagte, das Kontrollsystem sei "völlig zusammengebrochen". BBC-Berichte brauchten deshalb künftig nicht mehr mit einem entsprechenden Zensur-Vorspann versehen zu werden.

Die Alliierten reagierten aber noch verhalten auf das Geschehen in der Hauptstadt. Die britische Regierung sprach von deutlichen Zeichen für einen Zusammenbruch der Befehlsstrukturen des irakischen Regimes. Die Fernsehbilder aus Bagdad "sprechen eine deutliche Sprache", teilte das Büro von Premierminister Tony Blair mit. Zugleich äußerte die Regierung in London aber auch die Einschätzung, dass der Widerstand der Anhänger von Saddam Hussein noch nicht bezwungen sei. Die zu erwartenden Kämpfe könnten noch hartnäckig und heftig sein.

Auch das Oberkommando der US-Streitkräfte in Katar äußerte sich zurückhaltend über die Entwicklung in Bagdad. Es sei noch mit heftigen Kämpfen zu rechnen, sagte Leutnant Mark Kitchens. Plünderungen würden von den US-Streitkräften nicht gebilligt. Die US-Truppen würden versuchen, die Einwohner davon abzuhalten.

Der Kommandeur der 3. Infanteriedivision, Generalmajor Buford Blount, besuchte am Mittwoch die US-Stellung am neuen Präsidentenpalast im Stadtzentrum. Der dort eingesetzte Oberst David Perkins sagte ihm, dass sich seine Truppen frei in der Stadt bewegen könnten und nur noch vereinzelt mit Angriffen von Heckenschützen konfrontiert seien.

Truppen des Heeres bewegten sich von Westen aus ins Stadtzentrum, Einheiten der Marine-Infanterie von Osten aus. Geplant ist, dass sie im Zentrum zusammentreffen. In den Außenbezirken von Bagdad sicherten die US-Truppen wichtige Zufahrtstraßen.

Keine Spur von Saddam

Wie es Saddam Hussein geht, ist unklar. Einen zweiten gezielten Bombenangriff der US-Streitkräfte hat er nach Informationen aus Geheimdienstkreisen offenbar überlebt.

Das US-Oberkommando berichtete am Mittwoch von Luftangriffen auf Einheiten der Adnan-Division der Republikanischen Garde bei Tikrit, 150 Kilometer nördlich von Bagdad. US-Spezialeinheiten lieferten sich dort heftige Kämpfe mit irakischen Truppen. Tikrit ist die Geburtsstadt von Saddam Hussein und gilt als Hochburg seiner Anhänger.

Auch um Mossul, das Zentrum der irakischen Ölindustrie im Norden, wurde am Mittwoch heftig gekämpft. US-Spezialeinheiten nahmen zusammen mit kurdischen Kämpfern eine Gebirgsregion nordöstlich von Mossul ein. Der Sprecher der Demokratischen Partei Kurdistans, Hoschjar Sebari, sprach von den bisher wichtigsten Geländegewinnen für die Kurden. Sebari erklärte, die kurdischen Kämpfer stimmten ihr weiteres Vorgehen mit dem Pentagon ab.

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