Polen Ex-Regierungschef Tadeusz Mazowiecki ist tot

Tadeusz Mazowiecki war Polens erster demokratisch gewählter Ministerpräsident nach dem Zusammenbruch des Kommunismus. Jetzt ist der katholische Bürgerrechtler im Alter von 86 Jahren gestorben.

Früherer Ministerpräsident Mazowiecki: "Vordenker der friedlichen Revolution in seiner Heimat"
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Früherer Ministerpräsident Mazowiecki: "Vordenker der friedlichen Revolution in seiner Heimat"


Warschau - Der ehemalige polnische Regierungschef Tadeusz Mazowiecki ist tot. Er starb am Montagfrüh im Alter von 86 Jahren, wie polnische Medien berichteten. Der langjährige Bürgerrechtler und katholische Publizist starb nach langer Krankheit.

Anfang der achtziger Jahre war Mazowiecki einer der wichtigsten Berater der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc. Er wurde Polens erster demokratisch gewählter Premier nach dem Ende des Kommunismus. Mazowiecki, der am 18. April 1927 in Plock an der Weichsel geboren wurde, trug maßgeblich zur Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen bei.

1958 gründete Mazowiecki die katholische Monatszeitschrift "Wiez" und wurde deren Chefredakteur. In den achtziger Jahren übernahm er als Chefredakteur die Leitung der Gewerkschaftszeitung "Tygodnik Solidarnosc". Nach Verhängung des Kriegsrechts in Polen saß Masowiecki von 1981 bis 1982 in Haft.

Er gehörte während des Streiks auf der Danziger Leninwerft im Sommer zu den Beratern des späteren Präsidenten Lech Walesa. Er nahm 1989 an den Gesprächen am Runden Tisch teil, um den friedlichen Übergang vom Kommunismus zur Demokratie zu verhandeln.

Der tiefgläubige Katholik hatte als Ministerpräsident einen "dicken Strich" unter die Vergangenheit ziehen wollen. Er hatte das Amt von 1989 bis 1990 inne. Politische Gegner im Lager der Gewerkschaft Solidarnosc warfen ihm seinerzeit vor, er verhindere mit seinem Versöhnungskurs eine Abrechnung mit der kommunistischen Vergangenheit Polens.

1990 kandidierte Mazowiecki erfolglos für das Amt des Staatspräsidenten. Er war Mitbegründer und von 1990 bis 1995 Vorsitzender der christlich geprägten Demokratischen Union. Diese wurde später in die Freiheitsunion umgewandelt. Nach deren Scheitern gründete er im Frühjahr 2005 eine neue Partei, die sozialliberalen Demokraten.

Von 1992 bis 1995 war Mazowiecki Uno-Sonderbotschafter für den Konflikt im ehemaligen Jugoslawien. Nach dem Massaker von Srebrenica, bei dem bosnisch-serbische Truppen im Juli 1995 rund 8000 Männer und Jungen ermordeten, trat er von diesem Amt zurück.

Von 2010 bis zu seinem Tod war Berater des liberalen Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski, er beschäftigte sich unter anderem mit Polens Rolle in der EU. Für sein Lebenswerk erhielt Mazowiecki viele internationale Auszeichnungen: Die Bundesrepublik Deutschland verlieh ihm im Jahr 2000 als "Vordenker der friedlichen Revolution in seiner Heimat" und für seinen Beitrag zur Überwindung der europäischen Teilung das Bundesverdienstkreuz.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso würdigte Mazowiecki als "ein Symbol für Polens friedlichen Übergang zur Demokratie" nach dem Zerfall des Kommunismus. Mazowiecki sei auch "einer der Gründungsväter des wiedervereinigten Europas", hieß es in einer Erklärung. Als erster nichtkommunistischer Regierungschef sei er 1989 "zum Inbegriff des demokratischen Übergangs in Mittel- und Osteuropa" geworden.

heb/dpa



insgesamt 6 Beiträge
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GMNW 28.10.2013
1. Trauer
Das war ein wahrhaftig aufrichtiger Mann, der sich sehr erfolgreich für die deutsch-polnische Versöhnung eingesetzt hat! Vielleicht gibt es irgendwo in Berlin, Bonn oder Frankfurt/O eine Straße, die man nach ihm benennen sollte! Ruhe in Frieden!
beutedeutsche 28.10.2013
2. Ein grosser Europaeer
Ein Visionaer und grosser Europaer starb. Ein Mann von seltener unter Politiker Integritaet... Requiescat in pace!
chrimirk 28.10.2013
3. Eine große Persönlichkeit!
Es gab und gibt nur wenige seines Formats. Katholisch, aber aufrichtig, um Ausgleich und Verständnis bemüht, den Nachbarn zugetan und europäisch denkend. Ein Verlust für ganz Europa. Lebe wohl Herr Tadeusz!
weißer_rabe 28.10.2013
4.
Herr Mazowiecki, vielen Dank für einen dicken Strich (gruba kreska), den Sie unter Kommunismus gezogen haben. Die Ex-Kommunisten und ehemalige Sicherheitsagenten sind Ihnen dankbar, dass Sie die Grundlagen unserer Oligarchie erschaffen haben...
Modest 28.10.2013
5. Fairer Streiter
Allen recht zu tun ist eine Kunst die niemand kann. Die Geschichte Polens hat eine besondere Qualität, diesbezüglich können sich alle Nachbarländer Polens Gedanken machen. Es ist eben nicht einfach, wenn es kompliziert sein soll und umgedreht. Polen schien verloren, doch es waren die "EINFACHEN KATHOLIKEN" sie gingen konkret den "GERADEN WEG" Mazowiecki hat durchgehalten, dafür gehört ihm Dank und alle Ehre.
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