Ungleiche EM-Gastgeber Ukrainische Eskapaden frustrieren Polen

Einst verfolgte Polen mit der Fußball-EM einen politischen Plan: Das Fußballfest sollte dem Nachbarn Ukraine den Weg in die EU bahnen. Doch das Projekt ist gescheitert - an Kiews autoritärer Führung. Jetzt droht auch das Musterland Polen im Strudel der schlechten Nachrichten unterzugehen.

Ukrainischer Premier Azarow (l.), polnischer Kollege Tusk: Warschau versucht einen Spagat
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Ukrainischer Premier Azarow (l.), polnischer Kollege Tusk: Warschau versucht einen Spagat

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Kiew/Warschau - Es sind nur noch wenige Tage bis zur Fußball-Europameisterschaft - und Bronislaw Komorowski sendet immer deutlichere Mahnungen in Richtung Kiew. Polens Präsident, eigentlich für seine Zurückhaltung gegenüber dem Nachbarland bekannt, redet der ukrainischen Führung ungewohnt scharf ins Gewissen.

Öffentlich kritisierte der 59-Jährige, die schwierige Situation um die inhaftierte Ex-Ministerpräsidentin Julija Timoschenko wäre zu vermeiden gewesen, wenn die veralteten Strafgesetze aus der Sowjetzeit rechtzeitig geändert worden wären. Darauf habe er seinen Amtskollegen Wiktor Janukowitsch bereits im August vergangenen Jahres aufmerksam gemacht, so Komorowski. Am Rande des Nato-Gipfels in Chicago wurde das polnische Staatsoberhaupt dann noch eindringlicher: Die innenpolitische Entwicklung in der Ukraine würde als "ernste Gefahr" für die Integration des Nachbarlandes in Europa gesehen. Dabei hatte Warschau eben jene Integration über viele Jahre unterstützt.

Noch rund zwei Wochen, dann richten Polen und die Ukraine ab 8. Juni gemeinsam die Fußball-Europameisterschaft aus. Der offizielle Slogan: "Gemeinsam Geschichte schreiben". Bei den Polen heißt er: "Gemeinsam Zukunft schreiben". Doch davon ist nicht mehr viel zu spüren.

Land der schlechten Nachrichten

Enttäuscht verfolgen die Polen, die sich seit Jahren für eine West-Integration der Ukraine einsetzen, was sich im Land neben ihnen abspielt. Der Kontrast zwischen den beiden Gastgeberländern könnte deutlicher nicht sein: Auf der einen Seite Polen, der selbstbewusste EU-Musterknabe mit seinen europafreundlichen Bürgern und einem Wirtschaftswachstum von stolzen 4,4 Prozent allein im vergangenen Jahr. Auf der anderen Seite die Ukraine, die wegen ihrer autoritären Regierung, Menschenrechtsverletzungen und der schlechten Behandlung der erkrankten Oppositionsführerin Timoschenko in Dauerkritik steht. Auch wirtschaftlich kommt der östliche Nachbar kaum voran.

Der Ukraine ist es seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nie gelungen, sich aus dem Schwebezustand der wirtschaftlichen und politischen Transformation zu befreien. Der Staat östlich der EU hat sich zum Land der schlechten Nachrichten entwickelt, in deren Strudel die Erfolge Polens untergehen könnten:

  • Nach Gutsherrenart schanzt Präsident Janukowitsch Vertrauten und Verwandten Posten zu. Oligarchen aus seinem Umfeld sichern sich die Kontrolle über immer mehr Bereiche der Wirtschaft. Im Korruptionsindex von Transparency International hat sich das Land binnen Jahresfrist von Rang 134 auf Platz 152 verschlechtert. Die Ukraine rangiert nun zwischen Uganda und Kongo. Polen dagegen liegt auf Platz 41 - und damit noch weit vor alten EU-Ländern wie Italien (61) und Griechenland (80).
  • In der Ostukraine detonieren Sprengsätze.
  • Verbrechersyndikate bringen mit Hilfe von Schlägertrupps Hotels unter ihre Kontrolle.
  • Und im März sorgte der Fall von Oxana Makar für Empörung: Die 18-Jährige wurde im südukrainischen Nikolajew vergewaltigt, angezündet und in eine Baugrube geworfen. Sie starb wenig später. Ihre Peiniger wurden verhaftet - dann wieder laufen gelassen, weil sie einflussreiche Verwandte haben.

"Während Polen glänzt, geht die Ukraine unter", konstatiert der britische Historiker Timothy Garton Ash im "Guardian".

"Wir widmen die EM 2012 der Einigung Europas"

An der Weichsel herrscht mittlerweile Frust über den Nachbarn. Dabei war vor fünf Jahren der Jubel noch groß, als Uefa-Chef Michel Platini in Cardiff - für viele überraschend - die Namen Polen und Ukraine verkündete. Der Zeitpunkt schien günstig für das erste Fußballturnier mit Beteiligung eines ehemaligen Sowjet-Landes, das nach der Orangen Revolution 2004 in Richtung Demokratie und Westen strebte und eigentlicher Motor der EM-Bewerbung war.

"Ich bin überzeugt, dass die Ukraine und Polen den hohen Erwartungen bei der Austragung dieses wichtigen Ereignisses gerecht werden", sagte etwa der ehemalige ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko, einer der Helden der Revolution in Orange. Er versprach: "Wir widmen die EM 2012 der Einigung Europas." Und Lech Kaczynski, damals polnischer Präsident, prophezeite gar: "Wir sollten uns jetzt auf die Olympischen Spiele einstellen, 2020, vielleicht 2024."

Kaczynski, der später beim Flugzeugabsturz von Smolensk starb, war einer von Juschtschenkos wichtigsten Verbündeten im Westen. Die gemeinsame EM sollte den Plan der beiden Staatschefs flankieren: Eine Annäherung zwischen den beiden slawischen Staaten sollte der Ukraine den Weg nach Europa ebnen.

Amtsverständnis eines mittelalterlichen Despoten

Von dem Vorhaben ist kaum etwas geblieben: Wohl selten zuvor hat sich eine Revolution in so kurzer Zeit so zu Grunde gerichtet wie die in der Ukraine. Deren Anführer sind in weiten Teilen der Bevölkerung wegen ihrer Unfähigkeit verhasst. Juschtschenko wurde mit schmächlichen sieben Prozent der Stimmen bei der Präsidentenwahl 2010 aus dem Amt gejagt. Unter Nachfolger Janukowitsch entwickelt sich die Ukraine seitdem wieder in Richtung Autokratie.

Der Staatschef beteuert zwar in Sonntagsreden gern seinen Willen zur EU-Integration der Ukraine, setzt aber auf Russland als Partner und pflegt das Amtsverständnis eines mittelalterlichen Despoten. Janukowitsch hat nicht nur seine Rivalin Timoschenko ins Gefängnis geworfen, sondern mit der Ex-Regierungschefin gleich ihr halbes Kabinett. Sie werden zwar pro forma der Veruntreuung und des Amtsmissbrauchs beschuldigt, verfolgt werden sie aber von ihm vor allem aus persönlicher Rache. Für die Führung in Warschau ein Dilemma.

Polen, dessen Regierungen seit Ende des Kalten Kriegs allesamt für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte gekämpft haben, ist nun gezwungen, einen Spagat zu vollbringen: Einerseits verurteilt das Land Timoschenkos Drangsalierung durch das Kiewer Regime. Andererseits hält Warschau an dem gemeinsamen Turnier fest - trotz der Menschenrechtsverletzungen und den lauten Appellen, den Mit-Gastgeber zu boykottieren. Gerade auch aus Deutschland kamen solche Boykottaufrufe.

Polens besondere Position

Adam Michnik, ehemaliger Bürgerrechtler und Chefredakteur der "Gazeta Wyborcza", der Timoschenkos Freilassung fordert, drückt es so aus: "Wir wissen, dass Polens Position als Co-Partner der Ukraine bei der Austragung der EM 2012 eine besondere ist."

Niemand an der Weichsel will die gemeinsame Sportveranstaltung in Frage stellen. Zu groß sind die Erwartungen in Polen: Die Organisatoren rechnen mit rund einer Million Fußball-Touristen. Sie haben vier moderne Stadien aus dem Boden gestampft, Autobahnen gebaut, Hotels auf Vordermann gebracht, Bahnstrecken und Flughäfen saniert. Die Regierung von Premier Donald Tusk versucht nun das Unmögliche - Sport und Politik zu trennen.

Die einst als Integrationsprogramm gestartete gemeinsame EM illustriert drastisch den Riss, der östlich der EU-Grenze den europäischen Kontinent spaltet. An die Worte von Box-Champion Vitalij Klitschko, Botschafter der EM-Vergabe an die Ukraine, mag niemand mehr so recht glauben. Er hatte im Jubel von Cardiff verkündet: "Ich denke, unser Sieg erlaubt uns, die Ukraine zu einen und alle unsere politischen Probleme zu überwinden."

insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
movfaltin 28.05.2012
1. Kleiner Tipp
Zitat von sysopREUTERSEinst verfolgte Polen mit der Fußball-EM einen politischen Plan: Das Fußballfest sollte dem Nachbarn Ukraine den Weg in die EU bahnen. Doch das Projekt ist gescheitert - an Kiews autoritärer Führung. Jetzt droht auch das Musterland Polen im Strudel der schlechten Nachrichten unterzugehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834514,00.html
Ein kleiner Tipp für die ganzen Journalisten und Rezipienten, die das arg einseitige Bohei gegen die Ukraine und ihre derzeitige Führung aufgreifen: Eine sehr sachliche, ernstgemeinte Relativierung in Kommentarform findet sich ausgerechnet im aktuellen Satiremagazin Titanic - dort gibt es eine (textlastige) Rubrik, die sich jeweils mit politischen Themen beschäftigt, oft ohne den Henri-Nannen-Insinuierern auf den Leim zu gehen. Auch wenn man anderer Meinung sein darf und fast muss - immer sehr informativ und zu jeweils einem Thema weniger springeresk und agenturgefärbt als jede Tages- bis Monatszeitung. Sondern journalistisch. Wenn ernsthaftes Kommentieren nur noch die Juxköppe aus der Sophienstraße können - tragisch. Kurz zusammengefasst: So einseitig ist die Causa Timoschenko, ist die ukrainische Führung nicht zu bewerten.
radio.engineer 28.05.2012
2. Wer will die Ukraine in der EU ? Druck aus den USA ?
Zitat von sysopREUTERSEinst verfolgte Polen mit der Fußball-EM einen politischen Plan: Das Fußballfest sollte dem Nachbarn Ukraine den Weg in die EU bahnen. Doch das Projekt ist gescheitert - an Kiews autoritärer Führung. Jetzt droht auch das Musterland Polen im Strudel der schlechten Nachrichten unterzugehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834514,00.html
Der Ukraine den "Weg in die EU" bahnen ? Wozu brauchen wir überhaupt die Ukraine in der EU, jetzt wo dieser Verein hoffentlich langsam zerbröselt ? In Brüssel scheint man inzwischen Größenwahnsinnig geworden zu sein, und D. als größter Nettozahler würde natürlich alles abwinken und gutheißen, ....unsere historische Vergangenheit ist verpflichtend. Ich kann diesen Stuss nicht mehr hören. Wann sind eigentlich wieder sog. EU Wahlen um nicht hinzugehen ?
anon11 28.05.2012
3. .
Zitat von sysopREUTERSEinst verfolgte Polen mit der Fußball-EM einen politischen Plan: Das Fußballfest sollte dem Nachbarn Ukraine den Weg in die EU bahnen. Doch das Projekt ist gescheitert - an Kiews autoritärer Führung. Jetzt droht auch das Musterland Polen im Strudel der schlechten Nachrichten unterzugehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834514,00.html
Was hat die Ukraine denn in der EU verloren? Ein weiteres Land welches nur an die Geldtöpfe der EU und damit der Steuergelder der Geberländer möchte, ist das letzte was die EU braucht. Daran ändert auch eine EM nichts.
Kurt2.1 28.05.2012
4. Zum Glück....
Zitat von sysopREUTERSEinst verfolgte Polen mit der Fußball-EM einen politischen Plan: Das Fußballfest sollte dem Nachbarn Ukraine den Weg in die EU bahnen. Doch das Projekt ist gescheitert - an Kiews autoritärer Führung. Jetzt droht auch das Musterland Polen im Strudel der schlechten Nachrichten unterzugehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834514,00.html
So ehrenhaft die Absichten Polens auch waren, bin ich froh, dass sie gescheitert sind. Wir haben wahrhaftig schon genug Staaten in der EU, die es zu alimentieren gilt. Ein solch großes, politisch völlig unberechenbares Mitglied kann die EU sicher nicht brauchen.
pleuran 28.05.2012
5. Lieber nicht !!
Ich würde Raten nicht zum EM zu fahren !! die infrastruktur ist sehr mangelhaft an jeder Ecke der der Hauptstadt versuchen kleinkriminelle den Touristen das geld aus der Tasche zu klauen Nahrung scheint in diesem Land auch mangelware zu sein imbiss stände gibt es zwar aber für ein Deutschen Magen ist es nichts einfach ekelhaft. Die Ukrainer möchten auch garnicht das die EM in ihrem land stattfindet es Herrscht eine Aggresive Stimmung in der Bevölkerung !! Also wer dort trotzdem da hin will sollte sich was zu essen mitnehmen und vorsicht vor der Strtassenhändlern
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