Revolution in Polens Provinz Schwuler erobert Rathaus von Slupsk

Robert Biedron hat die Abstimmung um das Bürgermeisteramt der nordpolnischen 90.000-Einwohner-Stadt Slupsk überraschend gewonnen. Er ist der erste offen Schwule auf solch einem Posten - eine Revolution in dem streng konservativen Land.

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Igor Nizio

Slupsk/Hamburg - Was musste sich Robert Biedron alles anhören: "Schwuchtel" und "schwuler Wichser" waren nur einige der Bemerkungen, mit denen sich der Politiker im Wahlkampf um das Bürgermeisteramt in der 90.000-Einwohnerstadt Slupsk (Stolp) nahe der polnischen Ostseeküste konfrontiert sah. Jetzt ist dem Homosexuellen dort die Revolution gelungen. Er setzte sich am Sonntag bei der Stichwahl deutlich gegen den Kandidaten der liberalkonservativen Bürgerplattform PO durch, der in der erste Runde noch führte. Nach Angaben der städtischen Wahlkommission erhielt Biedron rund 57,1 Prozent, sein Kontrahent 42,9 Prozent der Stimmen.

Damit ist Biedron der erste offen schwule Bürgermeister in Polen - ein Zeichen, dass sich das katholische Land auch in der Provinz wandelt, was zugleich ein Verdienst des 38-jährigen Politikers ist. In polnischen Medien ist vom "Phänomen Biedron" die Rede.

Attacken und Schmähungen

Der bekannte Vorkämpfer der Homosexuellenbewegung in Polen war 2011 für die linksliberale Partei Twoj Ruch (Deine Bewegung) in das Parlament eingezogen. Den Wahlkreis in Nordpolen, der neben Slupsk auch Gdynia (Gdingen) umfasst, hatte er sich damals ausgesucht.

Seit Biedron Abgeordneter ist, wurde er viermal körperlich angegriffen, zuletzt im Sommer des vergangenen Jahres nach der Parada Rownosci, der Gleichheitsparade in Warschau. Immer wieder wurden seine Büros mit Schmähungen beschmiert. Doch aufgeben wollte Biedron nie, er sieht sich als Vorkämpfer. Der Politikwissenschaftler gehörte 2001 zu den Gründern der Kampagne gegen Homophobie. Seitdem kämpft er für die Rechte der Homosexuellen im Land - gegen den Widerstand der katholischen Kirche.

Für die ist Biedrons Wahl eine Herausforderung. "Der Herr stellt uns vor eine Prüfung", hatte ein Priester in Slupsk vor der Stichwahl im ZDF kommentiert und ergänzt: "Vielleicht haben wir nicht genug gebetet."

In der nationalkonservativen Partei PiS von Ex-Regierungschef Jaroslaw Kaczynski hieß es, Biedron kämpfe gegen die Kirche. Die Bürger sollten lieber am Sonntag zu Hause bleiben und nicht abstimmen gehen.

"Wir haben Sie gewählt, weil Sie Eier in der Hose haben"

Diesem Aufruf folgte die Mehrheit der Wähler der Stadt nicht. Auch ließen sie sich nicht von Hooligans abschrecken, die Biedron bei seinem Besuch im Fußballstadion vor wenigen Wochen bepöbelt hatten. Ein Fan sei später sogar auf ihn zugegangen, erzählte Biedron der linksliberalen "Gazeta Wyborcza". Der Fußballanhänger habe ihm nach dem erstem Wahlgang vor zwei Wochen gesagt: "Wir haben Sie gewählt, weil Sie Eier in der Hose haben."

Biedron, den seine Anhänger am Sonntagabend mit "Robert, Robert"-Rufen feierten, sprach von einem "sehr guten Zeichen" und einem "neuen Kapitel für Slupsk". Er war bei den Kommunalwahlen mit seiner unabhängigen Liste "Nareszcie Zmiana (Endlich Wechsel)" angetreten, Beobachter hatten ihm kaum Chancen eingeräumt. Doch mit seinem Slogan und einem unermüdlichen Straßenwahlkampf hatte er sich von den Kandidaten der anderen altgedienten Parteien abgesetzt. Geholfen dürfte Biedron zudem, dass der jetzige Bürgermeister von der linken Partei SLD bereits zwölf Jahre im Amt ist und aus Altersgründen nicht mehr angetreten war.

Sein Nachfolger will nun auf einen Dienstwagen verzichten. Außerdem hat Biedron versprochen, den Haushalt der verschuldeten Stadt wieder in Ordnung zu bringen und Programme für Arbeitslose aufzusetzen - dafür hat sich der ehrgeizige Politiker zwei Wahlperioden Zeit gegeben.

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