Warschau - Es ist ein polnisches Trauma: Am 10. April 2010 stürzte in der Nähe der russischen Stadt Smolensk die polnische Präsidentenmaschine ab. Das Flugzeug zerschellte beim Landeversuch. Alle 96 Insassen, darunter der damalige polnische Präsident Lech Kaczynski und zahlreiche Mitglieder der politischen und militärischen Elite des Landes, kamen bei dem Unglück ums Leben. Seitdem gibt es viele Verschwörungstheorien, warum sich die Tragödie ereignen konnte. Es ist sogar die Rede davon, dass Kaczynski ermordet worden sei.
Diese Spekulationen werden nun durch einen Bericht der konservativen Tageszeitung "Rzeczpospolita" befeuert. Das Blatt berichtet, dass an dem Flugzeug Sprengstoffspuren gefunden worden seien. An 30 Sitzen und an der Verbindung zwischen Rumpf und Flügel der Maschine seien Spuren von TNT und Nitroglyzerin nachgewiesen worden.
Der Bericht bezieht sich auf neue Untersuchungen der Wrackteile, die polnische Experten und die Staatsanwaltschaft durchgeführt haben. Eine Quelle für die Informationen nannte das Blatt nicht. Direkt nach dem Absturz waren polnische und russische Ermittler zu dem Schluss gekommen, dass der Absturz nicht durch Sprengstoff verursacht wurde.
Eine Erklärung für ihren Fund hätten die Ermittler bislang nicht, hieß es in dem Zeitungsartikel weiter. Es sei aber möglich, dass die Sprengstoffspuren von Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg stammten, die nach wie vor in der Umgebung von Smolensk lägen.
Der polnische Regierungssprecher Pawel Gras sagte dem Sender TVP, er wolle sich zunächst nicht äußern. Die Regierung warte zunächst auf eine Erklärung der Staatsanwaltschaft. Tusk werde den Generalstaatsanwalt am Dienstag treffen.
"Weder TNT noch anderes explosives Material"
Der Leiter der Militärstaatsanwaltschaft in Warschau, Ireneusz Szelag, meldete sich am Dienstagmittag zu Wort. Er widersprach dem Bericht der Zeitung, wie die linksliberale "Gazeta Wyborcza" meldete. Experten hätten an dem Wrack "weder TNT noch anderes explosives Material" gefunden, so Szelag. Es bleibe dabei, es habe kein Attentat gegeben. Der Staatsanwalt sprach von "haltlosen Spekulationen".
Viele Polen sind von der bisherigen Darstellung des Unglücks nicht überzeugt. Der im Juli 2011 vorgelegte Untersuchungsbericht kam zu dem Schluss, die schlecht ausgebildete Besatzung sei für den Absturz verantwortlich. Der Absturz erfolgte bei dichtem Nebel.
Ein im Januar 2011 vorgestellter Bericht der russischen Ermittler hatte den polnischen Pilotendie Hauptschuld am Absturz gegeben. Demnach sollen ranghohe Vertreter an Bord Druck auf die Crew ausgeübt haben, trotz schlechter Sicht zu landen. Die russischen Fluglotsen wurden in diesem Bericht von aller Verantwortung freigesprochen. Nach den Ermittlungen der polnischen Regierungskommission konnte der Vorwurf nicht belegt werden, Kaczynski und andere Fluggäste hätten den Piloten gegen seinen Willen zur Landung in Smolensk gezwungen.
Leichen der Absturzopfer nicht korrekt identifiziert
Lech Kaczynskis Zwillingsbruder Jaroslaw ist Anführer der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Diese befasste sich in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss mit dem Absturz des Flugzeugs. Das Gremium kam zu dem Ergebnis, die russischen Behörden hätten die Aussagen von Fluglotsen in Smolensk manipuliert, die den Piloten falsche Hinweise gegeben hätten.
Präsident Lech Kaczynski und seine hochrangig besetzte Delegation waren damals im April 2010 auf dem Weg zu einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Massakers von Katyn. Dort waren 1940 Tausende polnische Offiziere ermordet worden. Die Sowjetunion hatte über Jahrzehnte bestritten, dass die Massaker vom sowjetischen Geheimdienst verübt wurden. Erst 1990 wurde dies vom Kreml eingestanden.
Für Unmut sorgten in den vergangenen Wochen Berichte in Polen, dass die Leichen der Absturzopfer nicht korrekt identifiziert worden. Ende September war herausgekommen, dass die sterblichen Überreste der Solidarnosc-Mitbegründerin Anna Walentynowicz bei der Identifizierung in Moskau im April 2010 verwechselt worden waren. Das ergaben DNA-Tests. Die Ermittler ließen mehrere Leichen exhumieren.
heb/AFP/dapd
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Flugkatastrophe von Smolensk | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH