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Extremisten an Polens Nationalfeiertag: "Es ist eine Schande"

Ein Interview von , Warschau

Nationalfeiertage in Polen: Krawalle in Warschau Fotos
AP

Polen feiert seine Unabhängigkeit. Doch der Tag spaltet die Gesellschaft. Der Soziologe Rafal Pankowski erklärt, wie radikale Nationalisten die Erinnerung instrumentalisieren - und warum die Konservativen sich nicht klar vom Rechtsextremismus abgrenzen.

Zur Person
  • Rafal Pankowski
    Rafal Pankowski, 38, Professor am Collegium Civitas in Warschau. Der Soziologe gilt als einer der führenden Experten in Polen für Nationalismus und Rechtsextremismus. Bei der Organisation "Nigdy Wiecej" (Nie wieder) engagiert er sich seit 1996 gegen Rassismus und Fremdenhass.
SPIEGEL ONLINE: Herr Pankowski, an diesem Dienstag erinnert Polen an den Tag, an dem das Land 1918 seine Unabhängigkeit wiedererlangte. Zehntausende Menschen werden auf die Straßen gehen - doch getrennt. In Warschau gibt es zwei Märsche: den von Präsident Bronislaw Komorowski und den der Nationalisten. Warum wird nicht zusammen gefeiert?

Pankowski: Das ist der traurige Prozess der vergangenen Jahre. Die radikal-nationalistische Bewegung hat den Feiertag vereinnahmt. 2009 waren es noch wenige hundert Rechte, die sich versammelten. Im vergangenen Jahr waren es rund 50.000 - und immer wieder kam es zu Straßenschlachten: Extremisten attackierten Polizisten und Gegendemonstranten, im vergangenen Jahr griffen sie die russische Botschaft an.

SPIEGEL ONLINE: Was hat das noch mit Feiern zu tun?

Pankowski: Nicht mehr viel, es ist eine Schande. Zum Marsch des Präsidenten unter dem Motto "Zusammen für die Unabhängigkeit" kommen leider viel weniger Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind die Leute, die am Umzug der Nationalisten teilnehmen?

Pankowski: Der Marsch ist ein Magnet für Nationalisten, Rechtsextremisten und Hooligans aus Polen und Europa. Es sind vor allem junge Männer, gerade die Fußballfans treten sehr aggressiv auf. Im ganzen Land werben Hooligangruppen von Vereinen wie Lech Poznan oder Widzew Lodz für die Demonstration. Organisiert wird sie von Mitgliedern der Gruppen "Mlodziez Wszechpolska" (Allpolnische Jugend) und "Oboz Narodowo-Radykalny" (Nationalradikales Lager). Allein diese Namen zeigen, wo sie zu verorten sind. Sie knüpfen an radikale, antisemitische und faschistische Vereinigungen der Zwischenkriegszeit an. Darüber mag auch nicht hinwegtäuschen, dass sich die Mitglieder heute als national-konservativ bezeichnen, was nichts als eine Beschönigung ist.

SPIEGEL ONLINE: Es wirkt, als seien die Rechtsextremisten gegen alles und jeden: religiöse Minderheiten, Homosexuelle, Migranten, die EU, die Linke. Was sind die Ziele?

Pankowski: Die Rechtsextremisten sehen sich als die "wahren Polen" an. Parolen wie "Polen für die Polen" sind typisch und rassistisch, denn sie grenzen Minderheiten aus, die als Feinde der Nation angesehen werden. Dabei war Polen über Jahrhunderte ein Vielvölkerstaat, ein multikulturelles Land. Diese Tradition aber verdrängen viele, die meinen, "perfekte Patrioten" zu sein, wenn sie am 11. November beim Marsch mitlaufen. Eines der Idole ist Roman Dmowski, einflussreicher Politiker in den Dreißigerjahren. Er forderte nicht nur die nationale Wiedergeburt Polens, sondern drängte auch Minderheiten ins Abseits. Dmowski ist für mich der Begründer des modernen Antisemitismus.

SPIEGEL ONLINE: Die polnischen Rechtsextremisten haben starke Verbindungen zur ungarischen Nazi-Partei Jobbik. Ist sie ihr Vorbild?

Pankowski: Ja, sie ist ein wichtiger Bezugspunkt für die "Ruch Narodowy" (Nationale Bewegung), eine rechtsextreme Partei, die vor zwei Jahren von Mitgliedern der Marsch-Organisationen gegründet wurde. Die Zusammenarbeit zwischen den polnischen und ungarischen Extremisten ist eng, es gibt Trainings und Konferenzen. "Ruch Narodowy" versucht, den Erfolg von Jobbik auf Polen zu übertragen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das gelungen?

Pankowski: Bisher kaum. Bei den Europawahlen hat "Ruch Narodowy" eine herbe Niederlage mit 1,9 Prozent erlitten. Aber das kann sich in Polen schnell ändern, wie das Beispiel der Konkurrenzpartei "Kongres Nowej Prawicy" (Kongress der neuen Rechten") zeigt, die plötzlich über sieben Prozent bekam - und das vor allem von jungen Leuten.

SPIEGEL ONLINE: Die konservative Oppositionspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) von Jaroslaw Kaczynski veranstaltet einen eigenen Marsch, allerdings in Krakau. Warum?

Pankowski: Anders als in Deutschland gibt es in Polen keine klare Grenze zwischen Konservativen und Rechtsextremisten. Kaczynski hat zwar nie an der Veranstaltung der Nationalisten teilgenommen, Parlamentsabgeordnete seiner Partei aber schon. Damit haben sie den Marsch legitimiert. Die Konservativen sind nicht stark genug, eine eigene große Gegenveranstaltung in Warschau zu organisieren. Kaczynski weiß ganz genau, dass viele seine Wähler zu den Rechtsextremisten gehen. Der PiS-Umzug in Krakau ist also ein Zeichen der Schwäche.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist das Risiko, dass es wieder Krawalle gibt?

Pankowski: Das besteht schon allein durch die gewaltbereiten Hooligans. Die Organisatoren des Marsches sind sich im Klaren, wen sie da einladen und dass sie diese Leute kaum kontrollieren können. Sie gehen ganz bewusst ein Risiko ein. Ihnen geht es nur darum, möglichst viele auf die Straße zu bringen, um Stärke zu demonstrieren.

SPIEGEL ONLINE: Sind sie für ein Verbot der Demonstration?

Pankowski: Ja, für mich gehört der Marsch verboten. Jedes Jahr diese Gewalt, dieser Rassismus - ich glaube, dass eine demokratische Gesellschaft das Recht hat zu sagen: Stopp, jetzt ist es genug. Ich weiß, dass das nicht jeder so sieht. Dafür sind der Feiertag und der Patriotismus hier zu wichtig. Aber es gibt Grenzen, und die müssen wir endlich deutlich machen.

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Fläche: 312.679 km²

Bevölkerung: 38,419 Mio.

Hauptstadt: Warschau

Staatsoberhaupt:
Andrzej Duda

Regierungschef:
Beata Szydlo

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