Polens Sportministerin Mucha Schön und ahnungslos

Joanna Mucha sollte das Gesicht der Fußball-EM sein. Die Sportministerin des Gastgeberlands Polen ist jung, modern und attraktiv - einst posierte sie als Lara Croft. Doch die 36-Jährige wird regelmäßig verspottet. Denn von Sport hat sie keine Ahnung.

Aus Warschau berichten und


Joanna Mucha ist um Haltung bemüht. Die 36-Jährige sitzt beim Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kerzengerade am Konferenztisch in ihrem geräumigen Büro im Warschauer Sportministerium. Sie weicht mit ihren strahlendgrünen Augen keinem Blick aus. An ihrem Blazer prangen zwei große Buttons, die die Besucher auf englisch und deutsch willkommen heißen. Mucha selbst spricht beide Sprachen fließend, außerdem noch Französisch. Sie gilt als Kosmopolitin, als Weltfrau.

Aber auch als größte politische Lachnummer ihres Landes.

Warum das so ist, beweist die zweifache Mutter nach wenigen Gesprächsminuten. Die Frage ist simpel: Wer hat die größte Chance, Polens Superstar bei der EM zu werden? "Lewandowski", kommt es aus der Ministerin geschossen. Sie schaut selbstsicher. Kurze Pause. "Und äh, äh, äh, der Torwart. Ja, der Torwart ist gut", sagt sie. Ihr Gesicht sieht in dem Moment ein wenig weinerlich aus. Mucha schaut ratsuchend zu ihrer Pressesprecherin. Doch auch die senkt den Kopf. Der Name des Torwarts bleibt ungenannt.

Dabei ist Wojciech Szczesny, der Keeper des englischen Spitzenklubs FC Arsenal, so etwas wie ein polnischer Nationalheld. Sein Konterfei grüßt in der Hauptstadt von etlichen Plakaten, gegenüber vom Warschauer Bahnhof wird er auf einem metergroßen Plakat gezeigt. Jeder in Polen kennt Szczesny. Jeder - bis auf die Sportministerin.

Gesicht der polnischen EM

Das ist das Drama einer Frau, die einen der steilsten politischen Aufstiege in ihrem Land geschafft hat. Seit November 2011 ist Mucha Ministerin für Sport und Touristik. Das Kabinett von Regierungschef Donald Tusk galt damals als männerdominiert.

Eine Frau musste also her, der Quote wegen. Dafür eignete sich Mucha gut, bis dahin einfache Abgeordnete von Tusks Bürgerplattform PO. Modern, zäh, fast schon auffressend ehrgeizig - und dazu sehr hübsch. Mucha, Tochter eines Bauarbeiters und einer Schneiderin aus der Kleinstadt Plonsk (Plöhnen) nordwestlich von Warschau, passte in Tusks Pläne.

Seine Hoffnung: Die dunkelhaarige Schöne sollte das Aushängeschild der Regierung, das Gesicht der Fußball-EM werden. Für Mucha war der Wechsel auf die Regierungsbank ein gewagter Schritt, mitten hinein in die Männerdomäne.

Die Ministerin muss mit vielen Neidern kämpfen - und mit den immensen Problemen des polnischen Sports. Mucha soll in der korruptionsverseuchten Welt aufräumen, hat bisher aber nur wenig bewirkt. Kaum war sie im Amt, erschütterte ein Bestechungsskandal den polnischen Fußballverband PZPN. Verwickelt darin war auch dessen Präsident Grzegorz Lato. Die Ministerin versprach Aufklärung - und musste mitansehen, wie Lato, einer der berühmtesten Fußballer in der Geschichte des Landes, die Affäre einfach für beendet erklärte. Als er gefragt wurde, ob Mucha eine Gefahr darstelle, lachte er nur.

Wenn die Sportministerin spricht, vermittelt sie einen gelassenen, klaren Eindruck. Mucha will ernst genommen werden. Sie wehrt sich gegen den Vorwurf, sie sei "die erste Sportministerin, die keine Ahnung von Sport habe", wie es Jan Tomaszewski, legendärer Torwart und Mitglied der rechtskonservativen Kaczynski-Partei Pis, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ausdrückt. Sie erläutert dazu, dass sie selbst lange Karate gemacht habe. Ihr Fußballfachwissen hingegen ist tatsächlich beschränkt: "Gemeinsam mit meinem Verlobten sehen wir gerne Europapokal- oder Champions-League-Spiele."

Die Fettnäpfchen der Ministerin

Sportkompetenz sieht wohl anders aus. Auch Souveränität: In einem Radio-Interview wurde Mucha gefragt, wie sie die Probleme der dritten Eishockey-Liga angehen wolle. "Das ist ein Problem, das wir diskutieren werden", antwortete sie. Dumm nur, dass es diese Liga gar nicht gibt.

Als das polnische Pokalfinale anstand, fragte sie, wer denn die Mannschaften ausgewählt habe, die im Endspiel stünden. Mucha sagt dazu, sie wollte damals nur einen Witz machen.

Viele Polen zucken nur noch mit den Achseln, wenn sie vom neuesten Fettnäpfchen ihrer Ministerin hören - und sagen sarkastisch: "Wieso? Frau Mucha ist doch schön, das reicht."

Mittlerweile, das geben selbst ihre schärfsten Kritiker zu, habe Mucha einiges aufgearbeitet. Selbst sportspezifische Begriffe habe die Ministerin gelernt. Immer häufiger tauche sie zudem auf den Tribünen von Hand- und Volleyballhallen auf.

Lara-Croft-Double

Trotzdem wird Sport wohl nie ihre Hauptkompetenz. Muchas Stärken liegen vielmehr im Wirtschaftsbereich, sie hat in Gesundheitsökonomie promoviert. Organisation, Planung und Budgetierung sind ihre liebsten Gesprächsthemen. Davon hat sie Ahnung, hier kann sie brillieren.

Vor allem aber setzt sie ihre Attraktivität immer wieder gezielt ein. Mehrmals ließ sie sich in verführerischen Posen fotografieren: 2009 posierte sie sogar als Lara-Croft-Double. Im hautengem Unterhemd, mit Militärhose und Pistole räkelte sie sich auf einem Panzer.

Diese Bilder machten Joanna Mucha bekannt, sie erleichterten ihr den Zutritt auf die große politische Bühne. Heute gibt die 36-Jährige zu: "Ein attraktives Äußeres ist für Frauen in der Politik kein goldener Schlüssel." Am Anfang öffne das Äußere zwar viele Türen, "aber gleichzeitig schlägt es aufgrund von Stereotypen viele weitere zu". Mittlerweile ist Muchas Auftreten strenger geworden: Oft trägt sie nun statt Röcken und freizügiger Oberteile Hosenanzüge.

Trotzdem steht die Ministerin unter Druck. Die polnischen Medien spekulieren immer wieder über ihre Absetzung. Das Magazin "Wprost" schreibt in seiner neuesten Ausgabe, dass nach der EM das Sport- und Erziehungsministerium zusammengelegt werden könnten - was dann mit Mucha geschehen würde, bleibt offen.

Joanna Mucha hat in den vergangenen Wochen kaum noch Pressetermine gegeben. Die Ministerin erkannte wohl, dass es ratsamer ist, sich ein wenig aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Vor allem bei Sportfragen. So will die Ministerin zum Ende des Gesprächs nicht sagen, wer Europameister 2012 wird. Sie lächelt die Frage einfach weg.

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