Polit-Mord in Holland Karims Rose für Theo van Gogh

Nach dem Mord an dem kontroversen Filmemacher Theo van Gogh herrschte in den Niederlanden zunächst Wut und Bestürzung. Nun aber sieht sich die Nation mit der Frage nach einer falschen Einwanderungspolitik konfrontiert. Minderheiten fürchten brutale Racheakte für die Tat eines Islamisten, und der Geheimdienst gerät in Erklärungsnot.

Aus Amsterdam berichtet


Blumen vor van Goghs Haus: "Theo, we loved you"
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Blumen vor van Goghs Haus: "Theo, we loved you"

Amsterdam - "Wir dürfen jetzt nicht leise sein", schreit ein junger Mann mit langen Haaren, "das hätte Theo niemals gewollt!" Er und seine Freunde machen sich wieder an die Arbeit. Sie haben Absperrgitter, Einkaufswagen und Ölkanister auf dem Dam, einem großen Platz in der Amsterdamer Innenstadt, zusammengeschoben. Mit Eisenstangen hämmern sie auf das Metall ein, springen über ein Lagerfeuer und schreien ihre Wut laut in die Nacht hinaus. Zwei Polizisten stehen daneben. Doch obwohl es schon 3 Uhr ist, schreiten sie nicht ein. "Der Protest ist doch verständlich", sagt einer der Uniformierten, "da müssen wir heute mal wegschauen."

Einige Meter von den Tanzenden entfernt haben Trauernde für den am Dienstagmorgen ermordeten Filmemacher Theo van Gogh einen provisorischen Altar errichtet. Ein Bild des Holländers klebt an einer Statue. Davor liegen viele Blumen, eine Filmrolle, ein Babyschnuller, Hunderte von Zigaretten, einige Schnapsflaschen und auch viele Joints. Auf einen kleinen Pappzettel schreibt ein Mädchen den Satz "Theo, we loved you". Kurz zuvor hat einer der rund 20.000 Demonstranten seine Interpretation des Mordes per Plakat vor den Altar gestellt. "Nun haben wir unser 2/11", hat er in Anspielung auf den 11. September 2001 in großen schwarzen Lettern auf die Pappe geschrieben, die nun an der Säule steht.

Was ist nun zu tun?

Auch einen Tag nach dem brutalen Mord an dem umstrittenen Filmemacher Theo van Gogh steht Holland noch immer unter Schock. Auf allen Tageszeitungen des Landes prangt das Foto des auf der Straße sterbenden Künstlers van Gogh, den ein 26-jähriger Islamist mit niederländischer und marokkanischer Staatsbürgerschaft mit Schüssen und Messerstichen mitten in der Innenstadt der Grachtenmetropole getötet hatte. "Abgeschlachtet", titelt der eher boulevardesque "Telegraaf" und berichtet jede Einzelheit der Verfolgungsjagd durch einen beliebten Park in Amsterdam. "Verdächtiger beim Geheimdienst bekannt", lautet die etwas mehr an den Fakten orientierte Zeile des seriösen "De Volkskrant".

Eine Nation unter Schock: Spontane Demo gegen Gewalt
DPA

Eine Nation unter Schock: Spontane Demo gegen Gewalt

Doch die Diskussion unter den Holländern ist schon einen Schritt weiter. Sie wollen wissen, wie es zu dem Mord kommen konnte, was er für die niederländische Gesellschaft bedeutet - vor allem aber, was nun zu tun ist. Zu sehr erinnert die Bluttat an die Ermordung von Pim Fortuyn im Jahr 2002. Auch er wurde auf offener Straße erschossen. Wie van Gogh musste auch Fortuyn sterben, da seine scharfen Ansichten einigen in Holland nicht passten. Fast tragisch wirkt in diesem Zusammenhang, dass gerade van Gogh - ein Urgroßneffe des weltberühmten Malers - kürzlich einen Film über die Verschwörung hinter dem Mord an Fortuyn gedreht hatte. Dieser hatte in Holland für einiges Aufsehen gesorgt und van Gogh reichlich Drohbriefe und Hassanrufe beschert.

Bei Fortuyn war der Täter ein radikaler und geistig verwirrter Umweltaktivist. Bisher aber schweigt die Polizei zu den genauen Hintergründen der Tat an van Gogh. Am späten Dienstagabend teilten die Behörden lediglich mit, dass der mutmaßliche Täter dem Geheimdienst bereits einige Zeit als Anhänger radikal-islamischer Gruppen bekannt war. Er sei auch durch mehrere kleinkriminelle Delikte auffällig geworden, berichteten holländische Medien am Mittwoch. Schnelle Spekulationen über ein Versagen der Behörden wiesen diese aber zurück. Der Mann gehöre keinesfalls zu den 150 Personen, welche der holländische Geheimdienst und die Polizei wie in Deutschland als so genannte "Gefährder" aus der radikalen Szene ständig beobachten. Bisher habe man den Verdächtigen nicht befragen können, da er sich bei seiner Flucht entweder selbst ins Bein geschossen hat oder von den ihn verfolgenden Polizisten angeschossen wurde.

Täter aus der radikal-islamischen Szene

Die dünnen Mitteilungen der Behörden lassen die Zweifel eher wachsen. So haben sie bisher noch kein Detail aus dem arabischsprachigen Schreiben, das der Täter bei dem sterbenden van Gogh niederlegte, bekannt gegeben. Das Schreiben sorgte in der Presse für Schlagzeilen, da der Täter es angeblich mit einem Messer am Körper van Goghs befestigt haben soll. Der Text jedoch sei noch nicht abschließend analysiert, so die Polizei. Gleichwohl hegt kaum jemand einen Zweifel, dass der Täter den Filmemacher wohl wegen seiner kritischen Filme über islamische Familienväter umgebracht hat. Fraglich bleibt nur, ob er allein handelte oder hinter der Tat ein Plan oder gar eine Gruppe steckte. Ebenso fragen viele, ob die Behörden bei der Verfolgung von radikalen Islamisten nicht scharf genug agieren.

Die emotionalen Reaktionen auf die Tat halten sich jedoch kaum an die Untersuchungsergebnisse der Polizei. Sofort nach der Tat kam in der Öffentlichkeit die Frage auf, ob Holland nicht hart genug mit islamistischen Tendenzen umgehe. Zwar gelten nur etwa fünf Prozent der rund eine Million Muslime in den Niederlanden als radikal. Doch schon in der Vergangenheit waren immer wieder Fragen nach der richtigen Strategie mit extremen Koranschülern aufgekommen. "Haben wir sie sich zu lange zusammenrotten lassen", fragt beispielsweise "De Volkskrant" in seinem Leitartikel. Experten kommen zu Wort und beschreiben Holland "als Frontstaat des Kampfes der Kulturen". Andere sehen vermeintliche Fehler bei der holländischen Immigrationspolitik, die bisher eher freizügig als begrenzend war.

Provokation als Beruf: Theo van Gogh
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Provokation als Beruf: Theo van Gogh

Auch im Fernsehen wurde die politische Frage in der Nacht zum Mittwoch eingehend diskutiert. In seiner Tradition als Einwanderungsland gilt Holland jeher als offenes Einwanderungsland mit erfolgreichen Programmen zur Integration. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wurde hier auch nach dem 11. September die Frage nach einer schärferen Politik gegenüber Islamisten nicht so heftig diskutiert. Ebenso klar ist jedoch, dass auch Holland diese Szene hat. Mit dem Mord an Van Gogh aber reißt plötzlich ein bisher gut versiegelter See an Vorurteilen und den Rufen nach schnellen Maßnahmen auf, der gefährlich werden könnte. Schon deshalb riefen Politiker aller Parteien ihre Anhänger zu Diskussionen statt zu eigenmächtigen Taten auf.

Erste Zeichen der Wut

Nicht jeder hielt sich daran. Schon am Dienstagabend kam es in Den Haag zu ersten ausländerfeindlichen Demonstrationen, welche die Polizei allerdings schnell durch Festnahmen beendete. In Bahnhofsnähe hatten rechte Jugendliche Parolen wie "Ausländer sind Parasiten" gerufen. Um ähnlich Ausfälle zu vermeiden, erhöhte die Polizei sowohl in Amsterdam als auch in Den Haag ihre Kontrollen. Berittene Beamte kontrollieren in den Innenstädten und den Parks, zusätzlich sind nach Medienberichten zivile Ermittler den ganzen Tag auf Tour. Mit allen Mitteln wollen die holländischen Politiker und Behörden verhindern, dass es zu massiven oder gar gewalttätigen Ausschreitungen gegen Minderheiten kommt. Deshalb werden in Amsterdam auch gerade die Viertel mit einem hohen Ausländeranteil und die Moscheen extra bewacht.

Der 40-jährige Koch Karim kennt diese Sorgen. "Ich bin extra erst heute Nacht hierher gekommen", sagt er, "denn ich wusste nicht, wie die Menschen auf der Demonstration auf mich reagieren würden". Karim lebt seit 16 Jahren in Amsterdam, hat einen holländischen Pass wie seine ganze Familie. Gekommen ist er aus Pakistan. Auf den kleinen Altar für den Filmemacher legt er eine Rose. "Denjenigen, der das getan hat, sollten sie auch töten, wenn sie in haben", sagt der sonst fast schüchterne Mann plötzlich. Karim hat Angst, seit er die Bilder im Fernsehen gesehen hat. "Plötzlich sind wir alle, jeder Muslim, ein Feind für die Holländer", fürchtet er. Als sich plötzlich eine Gruppe kurzhaariger Männer mit Bomberjacken nähert, geht er schnell weg.

Auch die muslimische Gemeinde distanzierte sich umgehend von der Tat und warnte vor einer generellen Verurteilung aller Muslime in Holland. Viele Moscheen aus Amsterdam entsandten Gruppen zu der Großdemo am Dienstagabend. Andere Vertreter mühten sich im Fernsehen für Verständnis und eine differenzierte Betrachtung. Allen gemeinsam ist die Furcht vor Angriffen oder massiven staatlichen Repressalien gegen Muslime nach der Bluttat. Im Internet jedoch kamen auf den radikalen Seiten wie "al-Qalem" auch andere Töne auf. Dort schrieb einer der radikalen Autoren, dass er sich nicht verantwortlich fühle. "Wir demonstrieren nicht", so seine Argumentation, "der Tod von 40.000 tschetschenischen Kindern ist sehr viel schlimmer als der eine Tod von Theo van Gogh".

"Die müssen sich erst mal abreagieren

Am Tatort selbst stoßen die beiden Gruppen direkt zusammen. Erst vor einigen Minuten ist Khaled mit seinen drei Freunden zu der Straße gekommen, in der sich der Mord ereignete. "Ich wollte eigentlich nur schnell ein paar Blumen dorthin legen", sagt der junge Mann aus Algerien. Nun findet er sich eingepresst in eine Gruppe von Holländern und diskutiert hitzig. "Ihr dürft nicht alle Muslime gleichsetzen", ruft er immer wieder. Ein etwa gleichaltriger Holländer hält dagegen, dass Allah doch sage, dass alle Ungläubigen getötet werden müssten. "Das ist doch Quatsch, das glauben nur diejenigen, die morden wollen", schreit Khaled, doch sein Gegenüber hat sich schon abgewandt. Wenige Minuten und viele verbale Angriffe später gibt auch Khaled auf. "Das hat jetzt noch keinen Sinn, die müssen erst mal ihre Wut abreagieren", sagt er und geht.



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