Polit-Profi Biden als Partner: Obama scheut das Risiko

Von , Washington

Barack Obama verkündet den "Change", doch sein Vize-Kandidat gehört wie kaum ein anderer zum Washingtoner Establishment - Joe Biden soll seine Schwächen ausgleichen. Die Entscheidung für ihn zeugt allerdings nicht von Wagemut. Sondern davon, dass es auch Obama vor allem um Macht geht.

Washington - Eine Weile weigerte sich Barack Obama in diesem Wahlkampf, eine kleine US-Flagge an seinem Jackett zu tragen, wie es viele amerikanische Politiker tun. So eine Geste gelte doch mittlerweile als Ersatz für echten Patriotismus, dozierte der Kandidat. Das löste Entrüstung aus - und mittlerweile trägt Obama die kleine Flagge zu fast jedem Auftritt.

Obama, Biden im Senat (2005): Gesunder Pragmatismus
AFP

Obama, Biden im Senat (2005): Gesunder Pragmatismus

Bei der Auswahl seines Vizes ist er ähnlich pragmatisch vorgegangen. Lange hat Obama seine Kandidatur als Weg zum "Wandel in Washington" präsentiert. Doch nun holt er an seine Seite einen 65 Jahre alten Senator, der seit seinem 29. Lebensjahr in der Hauptstadt residiert, darüber prahlt, in diesen 36 Jahren nie einen Chef gehabt zu haben - und so in den Augen vieler ein Geschöpf eben dieses Polit-Molochs Washingtons ist.

Die Entscheidung zeigt die Schwäche und die Stärke Obamas, seine Wandlungsfähigkeit und seinen Wankelmut. Die Schwäche, weil der Schwung seiner Bewerbung an Grenzen gestoßen ist. Wäre die Begeisterung für ihn noch so groß wie vor einigen Monaten, hätte Obama einen Bewerber berufen können, der ihm ähnlich ist - so wie Virginias Gouverneur Tim Kaine. Ähnlich unerfahren, aber auch ähnlich inspirierend. Dieses "doubling down" - die Verdopplung der eigenen Stärke - wagte Bill Clinton 1992 erfolgreich, als der junge Südstaatler Clinton den jungen Südstaatler Al Gore auserkor.

Dass über Biden unter Obamas Anhängern ähnliche Begeisterung herrscht, ist so gut wie ausgeschlossen. Zwar honorieren die, dass er die langen Jahre in Washington ohne Skandale überstanden hat und ehrliche Hingabe für Politik zeigt. Doch sie kennen Biden auch als selbstverliebt und den Status als Senator genießend - sowie als anfänglichen Unterstützer der Irak-Invasion.

Doch die Auswahl verrät auch Stärke. Denn Obama hat nicht das größte Eingeständnis gemacht, das vorstellbar war - die Berufung seiner einstigen Erzrivalin Hillary Clinton, auf die viele ihrer Unterstützer bis zum Ende gehofft hatten. Angesichts Obamas stagnierender Umfragewerte waren die Rufe danach wieder lauter geworden.

Dennoch zeigt die Biden-Personalie gesunden Pragmatismus. Sosehr Obamas Kampagne nach einer Graswurzelbewegung aussieht, sie zeichnet sich durch extremen Professionalismus aus. Seine Helfer analysierten kühl Obamas Schwächen - in der Außenpolitik und bei Attacken auf den politischen Gegner John McCain. Dafür setzen sie Biden nun ein, der ein leidenschaftlicher Debattierer sein kann und unbestritten ein Außenpolitikexperte ist.

Schon kursieren die ersten Geschichten, wie Biden von Obamas Helfern für diese Aufgaben gecoacht werden soll. Das verweist auf einen anderen Vorteil dieser Entscheidung. Biden, dessen zwei bisherige Präsidentschaftsbewerbungen früh endeten, wird das Vize-Amt kaum als Sprungbrett für eigene Ambitionen nutzen wollen - wieder anders als Clinton. In der Biden/Obama-Beziehung ist ganz klar, wer der Boss ist.

Vielleicht die größte Stärke dieser Entscheidung ist aber, dass Obama bei seiner ersten großen Personalie nicht dem "Glamour"-Faktor erlag. Für den gibt es immer wieder Anzeichen - das abgekühlte Verhältnis zur Presse, die inszenierten Obama-Reden vor gewaltigem Publikum, etwa 200.000 Berlinern. In diese Reihe hätte sich vielleicht die Berufung des Nobelpreisträgers Al Gore gestellt, über die Gerüchte kursierten. Doch Glamour braucht Obama nicht mehr. Umfragen zeigen, dass er US-Wähler damit mittlerweile eher nervt.

Wahltaktische Überlegungen spielten auch eine Rolle. Zwar stammt Biden aus dem kleinen Bundesstaat Delaware, dessen Delegierte im Wahlkampf keine Rolle spielen. Doch der Staat grenzt auch an Pennsylvania, wo sich Obama im Vorwahlkampf gegen Hillary Clinton sehr schwer tat - und die Demokraten unbedingt gewinnen sollten. Außerdem ist der Vize-Kandidat Katholik und kommt als Sohn eines Autoverkäufers gut bei einfachen, weißen Wählern an - zwei wichtige Wählergruppen, die Obama bislang eher zögerlich unterstützen.

Zudem hat Biden öffentlich nie ein böses Wort über Hillary Clinton gesagt, was bei der innerparteilichen Aussöhnung nicht schaden kann. Clinton lobte umgehend die Auswahl ihres Senatskollegen frenetisch. Freilich dürften ihre Unterstützer enttäuscht sein, dass Obamas Team wohl noch nicht einmal erwog, Hillary zu benennen.

Die Republikaner meldeten sich auch zu Wort. Sie hatten umgehend einen TV-Spot parat, in denen Joe Biden im demokratischen Vorwahlkampf Anfang 2007 die Erfahrung für das Weiße Haus abspricht (siehe Video).

McCains Strategen ließen auch gleich durchblicken, ihr Kandidat könne nun einen Vize mit Stärken benennen, die Biden nicht beisteuert - zum Beispiel Wirtschaftskompetenz.

Immerhin wird die Wirtschaftslage die US-Wähler laut Umfragen im November am meisten umtreiben. Doch der republikanische Bewerber hat zu dem Thema derzeit genug eigene Probleme. Auf eine Reporterfrage, wie viel Anwesen er eigentlich besitze, konnte der mit einer schwerreichen Bier-Erbin verheiratete McCain nur antworten: "Dazu wird sich ein Mitarbeiter bei Ihnen melden."

Vielleicht die erste gute Vorlage für Joe Biden.

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