Politisierung in den USA Run an die Wahlmaschinen

Der Obama-Wahl in den USA hat Rekorde gebrochen. Seit Jahrzehnten haben nicht mehr so viele Wähler ihre Stimme abgegeben. Damit scheint der Trend zur Politikverdrossenheit auf dem Rückmarsch - und verdeutlicht: Für die Republikaner könnte es künftig schwerer werden, Wahlen zu gewinnen.


Washington - Jahrzehntelang ging der Trend bei der Wahlbeteiligung in den USA nur in eine Richtung: nach unten. Trauriger Tiefpunkt: Bei der Wiederwahl von Bill Clinton 1996 gaben nur 49 Prozent ihre Stimme ab. Wenn weniger als 50 Prozent zur Wahl gehen, klingen bei vielen Politikwissenschaftlern die Alarmglocken: Sie sehen die Akzeptanz der Demokratie dann in Gefahr.

Schlangen vor den Wahllokalen: Die Wahlbeteiligung war so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr
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Schlangen vor den Wahllokalen: Die Wahlbeteiligung war so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr

Zwölf Jahre später: Vor den Wahllokalen bilden sich lange Schlangen. Am Tag vor der Wahl machen sich Bürgerrechtsorganisationen Gedanken, ob die Zahl der gedruckten Wahlzettel ausreicht. Noch gibt es keine genauen Zahlen, aber die Berechnungen der Politikwissenschaftler weisen auf einen neuen Rekord hin: Auf 64,1 Prozent kommt Michael McDonald von der George Mason University.

Weil sie unterschiedliche Methoden anwenden, streiten sich die Wissenschaftler nun, wann die Wahlbeteiligung das letzte Mal so hoch war: 1964, 1960 oder 1908. Für die USA ist es auf jeden Fall ein Rekord, im internationalen Vergleich sind es dagegen keine herausragenden Werte: In Deutschland zum Beispiel beteiligten sich 77,7 Prozent der Wahlberechtigten an der Bundestagswahl 2005 - was für hiesige Verhältnisse eine eher niedrige Beteiligung war.

In den USA scheint der Trend zum Nichtwählen eindeutig gebrochen. Schon vor vier Jahren war die Wahlbeteiligung von etwa 50 auf mehr als 55 Prozent gestiegen. Die Politologen sehen zwei Gründe für den starken Anstieg bei diesen Wahlen: die wirtschaftlichen Probleme und den lebendigen Wahlkampf.

Die Strategen beider Kandidaten versuchten in der Schlussphase vor allem, ihre bereits überzeugten Anhänger zum Gang ins Wahllokal zu bewegen. Denn vor allem bei der Nicht-Wahl von John Kerry 2004, der lange in den Umfragen geführt hatte, war deutlich geworden: Es reicht nicht, viele Anhänger zu haben, sie müssen auch am Wahltag ihre Stimme abgeben.

Auch deshalb baute das Obama-Team einen so großen Wahlkampfapparat auf: Damit sie so viele Wähler mit Anrufen, Hausbesuchen und E-Mails erreichen konnten wie nur möglich. Die Demokraten hatten damit offenbar Erfolg: Bei den Republikaner-Anhängern ist die Wahlbeteiligung leicht zurückgegangen, bei den Demokraten ist sie gestiegen, erklärte Curtis Gans, Direktor des Comittee fort the Study of the American Electorate. Das ist sogar in ganzen Staaten erkennbar: In Wyoming oder South Dakota ist die Wahlbeteiligung entgegen dem US-Trend gesunken, beides sind Staaten mit einem besonders hohen Anteil an Republikaner-Wählern.

Junge Wähler stimmen für Obama

Weil insgesamt viel mehr Wähler als in früheren Wahlen abstimmten, profitierte Barack Obama weniger stark davon, dass sich mehr schwarze Wähler registriert hatten. Ihr Anteil an der Gesamtwählerschaft stieg nach den Auswertungen der "Washington Post" lediglich von 11 auf 13 Prozent. 95 Prozent der schwarzen Wähler stimmten für Obama, bei John Kerry vor vier Jahren waren es 88 Prozent.

Insgesamt schnitt McCain bei den Minderheiten schlecht ab. Das ist ein Trend, der den Republikanern Sorgen machen sollte. Schließlich wird erwartet, dass die Weißen bis 2042 ihre Mehrheit in den USA verlieren. Auch das Abschneiden bei den Jungwählern dürfte nicht gerade für Optimismus bei den republikanischen Strategen sorgen: 66 Prozent der unter 30-Jährigen stimmten für die Demokraten, zwölf Prozent mehr als vor vier Jahren. Bei den über 65-Jährigen holte McCain mehr Stimmen als Bush vor vier Jahren.

Ob in vier Jahren auch wieder so viele Wähler in die Wahlkabinen oder an die Abstimmungscomputer gehen, wird vom Erfolg Obamas als Präsident abhängen: Wenn er seine Anhänger enttäuscht, dann könnten aus Wählern wieder Nicht-Wähler werden.

sac/AP



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