Polizei-Attacken bei G-20-Protest: Scotland-Yard-Chef gerät unter Druck

Es wird eng für Londons Polizeichef Paul Stephenson: Die unabhängige Aufsichtsbehörde IPCC kritisierte das brutale Vorgehen der Einsatzkräfte bei den G-20-Protesten. Einige hätten absichtlich ihre Kennmarken verborgen - laut IPCC ist schlampige Führung daran Schuld.

London - Zweieinhalb Wochen nach dem G-20-Gipfel in London mehren sich die Belege dafür, dass Polizisten brutal gegen Gipfelgegner vorgegangen sind. Nach neuen Videos und Vorwürfen hat die unabhängige Polizeiaufsicht ihre Untersuchungen ausgeweitet und prüft mittlerweile eine dritte Attacke auf einen Demonstranten. Zudem zeigt neues Videomaterial, wie ein Beamter einem Gipfelgegner mit einem Schutzschild auf den Kopf schlägt und wie ein anderer Polizist einem Demonstranten einen Kinnhaken versetzt. Beide Opfer waren in den Sequenzen nicht aggressiv.

Der Chef der unabhängigen Polizeiaufsicht IPCC, Nick Hardwick, äußerte harsche Kritik am Vorgehen der Sicherheitskräfte und forderte eine Debatte im Parlament. Scotland-Yard-Chef Paul Stephenson gerät weiter unter Druck.

Hardwick kritisierte, dass mehrere Polizisten während des Einsatzes beim G-20-Gipfel absichtlich ihre Erkennungsnummern verborgen hätten. Damit hatten sie gegen eine Anweisung von Scotland-Yard-Chef Stephenson verstoßen. "Da muss man sich über die Aufsicht der Vorgesetzten ernsthaft Gedanken machen. Das ist nicht hinnehmbar. Es geht darum, Diener zu sein, nicht Herrscher", sagte er der Sonntagszeitung "The Observer".

Am Dienstag wird Hardwick den Stand der Ermittlungen dem Innenausschuss des Parlaments präsentieren. Insgesamt registrierte die Polizeiaufsicht 185 Beschwerden zum Einsatz der Polizei bei den G-20-Protesten am 1. und 2. April. 90 davon drehen sich um angebliche Polizeigewalt. Bei dem neuen Fall, den die Polizeiaufsicht nun unter die Lupe nimmt, handelt es sich um die Beschwerde eines 23-jährigen Mannes, der von einem Beamten auf den Kopf geschlagen und zu Boden geworfen worden sein soll. Wegen anderer Übergriffe, die auf Videos zu sehen sind, waren in den vergangenen Tagen bereits zwei Polizisten suspendiert worden.

Gegen einen Beamten laufen Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung, nachdem ein Mann wenige Minuten nach einer Polizei-Attacke tot zusammengebrochen war. Nachdem der Tod des 47-jährigen Ian Tomlinson zunächst mit einem Herzinfarkt begründet worden war, kam eine zweite Obduktion zu dem Ergebnis, dass er an inneren Blutungen starb. Bei dem zweiten Fall, in dem ein Polizist suspendiert wurde, handelt es sich um einen Übergriff auf die 35 Jahre alte Nicola Fisher.

Prügel-Opfer Fisher kritisierte den Einsatz der Polizei als "sehr gewalttätig". Ein Beamter hatte ihr erst mit der Hand ins Gesicht und dann mit einem Schlagstock auf die Beine geschlagen. "Es war nicht nur ein Klaps, er hat seine ganze Kraft hineingesteckt. Es war sehr gewalttätig, aggressiv und unnötig", sagte sie der BBC. Zu dem Vorfall war es am 2. April während einer Mahnwache für den 47-Jährigen gekommen, der am Vortag wenige Minuten nach der Polizei-Attacke tot zusammengebrochen war.

Fisher gab zu, vor der Attacke auch den Polizisten geschubst zu haben, allerdings als Reflex auf dessen Einsatz. "Plötzlich kamen mehrere Beamte und bildeten eine Reihe vor uns, und der Polizist vor mir schrie 'Haut ab' und schob mich weg, bevor ich überhaupt die Möglichkeit hatte zu reagieren." Als Reaktion darauf habe sie zurückgeschoben, worauf ihr der Polizist ins Gesicht geschlagen habe. Als sie den Beamten dann angeschrien habe, habe dieser mit dem Schlagstock zugeschlagen.

ffr/dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
G20: Kostüme, Knüppel, eingeschlagene Fensterscheiben