Polizei in Mumbai Antiterror-Kampf mit Gewehren aus dem Ersten Weltkrieg

Zehn Männer überziehen eine 20-Millionen-Metropole mit Terror - mehr als 60 Stunden lang. Bei ihrem blutigen Angriff auf Mumbai kommen 16 Polizisten um. Sie mussten sich den schwerbewaffneten Attentätern mit einer miserablen Ausrüstung entgegenstellen.


Berlin - Das Video der Überwachungskamera aus dem Bahnhof Chhatrapati Shivaji zeigt die Kräfteverhältnisse deutlich: Zu sehen ist der Auftakt der blutigen Terrorserie in der indischen Metropole Mumbai in der vergangenen Woche, Menschen, die um ihr Leben rennen, und zwei einsame Polizisten, die die beiden Attentäter stoppen wollen - und dabei keine Chance haben.

Die Bahnhofshalle ist bereits menschenleer, als die beiden Uniformierten hinter einer Säule Deckung suchen und das Feuer der gnadenlosen Angreifer erwidern wollen. Einer macht einen Schritt in den Gang, bekommt von seinem Kollegen ein Gewehr gereicht. Nur für eine Sekunde kann der Beamte anlegen, dann muss er wieder hinter die schützende Mauer springen. Währendessen sind im Hintergrund die beiden Attentäter zu sehen, wie sie ohne Deckung mitten in der Bahnhofshalle stehen und wahrscheinlich auf die Polizisten zielen.

Die Videosequenz hat Symbolwert, so ähnlich wiederholten sich sie Szenen an den anderen Tatorten: Schwerbewaffnet gingen die Terroristen auf Menschenjagd, mit automatischen Gewehren, Pistolen, Handgranaten und Sprengsätzen. Die Polizei von Mumbai musste sich ihnen mit altertümlichen Gewehren vom Typ A303 entgegenstellen - Waffen, die mit den britischen Lee-Enfield-Büchsen der britischen Armee aus dem Ersten Weltkrieg vergleichbar seien und die Indien in den fünfziger Jahren von den Briten übernommen habe. Das berichtet die britische "Times" unter Berufung auf Quellen in der indischen Polizei.

Auch die Schutzausrüstung der Sicherheitskräfte war demnach erbärmlich. Die angeblich kugelsicheren Westen seien mangelhaft gewesen, manche Polizisten trugen nur Plastikhelme und Körperprotektoren, die gerade einmal Schläge mit Stöcken oder Steinen aushalten - gemacht für den Einsatz gegen rabiate Demonstranten.

16 Polizisten starben bei der Terrorwelle. "Das sind 16 zu viel", zitierte die "Times" Maxwell Pereira, einen früheren Verbindungskommissar der Polizei von Neu-Delhi. "Diese Opfer hätten vermieden werden können, wenn die Männer richtig ausgerüstet gewesen wären." So aber konnten zehn Terroristen eine Stadt von 20 Millionen Einwohnern über 60 Stunden lang in Atem halten.

Dabei hat der Bundesstaat Maharashtra, dessen Hauptstadt Mumbai ist, angeblich noch eine der besseren Polizeitruppen Indiens, das Ajay Sahni vom in Neu-Delhi ansässigen Institut für Konfliktmanagement als eines der Länder mit der geringsten Polizeidichte überhaupt bezeichnet. Auf 100.000 Einwohner kämen nur 126 Beamte - in den meisten, westlichen Staaten seien es 225 bis 550.

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Interaktiv: Wie der Terror über Mumbai kam - und Anschläge in Indien seit 2005...
J.P Singh, ein ehemaliger Polizeibeamter in Maharashtra, der 2005 nach 20 Jahren Dienstzeit in den Ruhestand ging, berichtete der "Times" von zwei Lieferungen fehlerhafter Schutzwesten. Diese hätten in den Jahren 2001 und 2004 die vorgeschriebenen Belastungstests nicht bestanden. Sie hätten die Kugeln von - nun auch bei den Terrorattacken verwendeten - AK-47-Gewehren nicht aufhalten können. Der pensionierte Beamte glaubt, die Polizei von Maharashtra habe die Westen dennoch gekauft und an ihre Einsatzkräfte verteilt.

Die Terroristen hatten am Mittwoch auch den Chef von Mumbais Anti-Terror-Einheit in einem Auto mit mehreren Schüssen in die Brust ermordet. Fernsehbilder zeigten ihn kurz zuvor mit einer vermeintlich kugelsicheren Weste und Helm. Zwei weitere, ebenfalls mit Schutzwesten bekleidete Beamte starben im selben Wagen. "Wenn sie angemessen ausgerüstet gewesen wären, wären sie möglicherweise nur verletzt worden", mutmaßt Singh in der "Times".

Am Geld soll es übrigens nicht liegen, das hätten alle Sicherheitskräfte betont, mit denen die "Times" sprach. Allein in den beiden vergangenen Jahren habe die indische Regierung 154 Millionen Pfund für die Modernisierung der Polizei bereitgestellt. Die Millionen kommen aber offenbar nicht an - weil, so behaupten die befragten Beamten, das meiste in korrupten Kanälen des zuständigen Ministeriums versickert.

phw

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