Polizeigewalt in Istanbul: Mit Knüppeln gegen die Wutbürger vom Gezi Park

Von Maximilian Popp und

In Istanbul schlägt die Polizei friedliche Proteste von Umweltschützern brutal nieder. Nun solidarisieren sich Zehntausende mit den Demonstranten. Die Revolte eskaliert - und bringt die Regierung von Premier Recep Tayyip Erdogan in Bedrängnis.

Istanbul - Der Ort, der in den vergangenen Stunden zum Symbol wurde für den Aufstand der türkischen Zivilgesellschaft gegen staatlichen Despotismus und Polizeigewalt, ist nicht sehr viel größer als ein Fußballfeld. Breite Verkehrsstraßen und Hotels umschließen den Gezi Park am Taksim-Platz, mitten in Istanbul, fast vollständig. In der Vergangenheit trafen sich hier Männer, um Tee zu trinken, Verliebte knutschten auf Parkbänken.

Doch nun ist der Park Schauplatz für einen der heftigsten Zusammenstöße zwischen Staatsmacht und Bürgern, den die Türkei in den vergangenen Jahren erlebt hat. Seit einigen Tagen protestieren Naturschützer, Studenten, Menschenrechtsaktivisten gegen die Abholzung der Bäume. Der Park soll nach dem Wunsch der Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan einem Einkaufszentrum weichen. Zunächst gingen dagegen nur einige hundert Menschen auf die Straße, inzwischen sind es Tausende und für heute Abend werden rund um den Gezi Park Zehntausende Demonstranten erwartet.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um den Erhalt einiger hundert Bäume in Istanbul. Die Revolte richtet sich zunehmend gegen den autoritären Stil der Regierung Erdogan, die unliebsame Journalisten verfolgt, und Oppositionelle verhaften lässt.

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Türkische Polizeigewalt: Krieg um Bäume
Der Staat geht mit großer Härte gegen den Protest vor

Der Staat reagiert mit aller Härte auf "Occupy-Gezi". Die Polizei geht mit Wasserwerfern und Pfefferspray gegen die Demonstranten vor, Beamte knüppeln Bürger nieder. Übers Internet verbreiteten sich in den vergangenen Stunden hässliche Bilder: Menschen liegen blutüberströmt am Boden, die Straßen sind von Tränengas vernebelt, Verwundete werden vom Ort des Geschehens geschleppt. Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen haben das Vorgehen der Sicherheitskräfte bereits verurteilt. Premier Erdogan hingegen glaubt offensichtlich, die Proteste auf diese Weise ruhigstellen zu können. Die Abrissarbeiten im Park würden fortgesetzt, egal, was die Demonstranten tun, sagte er bereits vor einigen Tagen.

In der Vergangenheit war er mit dieser kompromisslosen Strategie meist erfolgreich. Studenten, die gegen Studiengebühren protestieren, wurden verhaftet, Journalisten, die die Regierung kritisierten, unter Terrorverdacht gestellt. In kaum einem anderen Land der Welt sitzen mehr Journalisten im Gefängnis als in der Türkei. In Istanbul wurden ganze Stadtteile plattgemacht, um sie kommerziell zu nutzen. Vor kurzem hat das Parlament überdies beschlossen, Alkohol quasi zu verbannen. Für Kritiker Erdogans ein weiteres Indiz für eine fortschreitende Islamisierung der Türkei.

Bei der Opposition hat sich viel Wut angestaut

Der Beliebtheit des Ministerpräsidenten hat dies nicht geschadet. Erdogan wird dafür verehrt, dass er das Land modernisiert hat. Die Wirtschaft wächst, die Türkei ist als Regionalmacht international anerkannt und selbst der Konflikt mit den Kurden, der über Jahrzehnte hinweg mehrere zehntausend Tote gekostet hat, steht kurz vor dem Ende.

Doch unter Oppositionellen, Liberalen, Linken und Säkularen hat sich Wut angestaut. Sie sind unzufrieden, mit der Richtung, in die sich das Land entwickelt. Sie wenden sich gegen eine Regierung, die zwar die Wirtschaft fördert, aber Menschenrechte ignoriert.

Die Wut entlädt sich nun rund um den Gezi Park. "Mögen all die Einkaufshäuser einstürzen und Tayyip unter ihrem Schutt begraben werden", heißt es auf einem der Banner.

Der Gezi-Aufstand könnte die Regierung Erdogan erstmals seit langem ernsthaft in Bedrängnis bringen. Am Abend sprang der Protest über auf andere Städte. Selbst in Berlin versammeln sich Menschen zu Solidaritätskundgebungen. In Ankara soll die Polizei Meldungen zufolge mit Tränengas gegen Demonstranten vorgegangen sein, unter ihnen viele Anhänger der größten Oppositionspartei. Sie marschierten in Richtung AKP-Zentrale und riefen: "Der Widerstand ist überall!"

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insgesamt 162 Beiträge
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1. Danke
omirus 31.05.2013
Es freund mich, dass SPON endlich auch darüber berichtet. Ich hoffe, dass es sich zu einer großen Welle in der Türkei verbreitet, die für mehr Menschenrecht, Demokratie und einen Regierungswechsel sorgt. So kann es nicht weitergehen, die Leute müssen endlich begreifen was los ist.
2. Occupy-Gezi
manukumar 31.05.2013
Hier ist die Fortschrittlichste Form der Demokratie zu sehen, das Mitbestimmen wollen über Behördliche Bauprojekte wie das Einkaufszentrum das keiner braucht. Und was macht die Polizei, die sich das überhaupt nicht vorstellen kann, das diese Menschen selber ihre Wohngegend mitgestalten wollen? Sie knüppeln. Es muss klar gesagt werden, das jede friedliche Demo von Fortschrittlichen Menschen in der Türkei von Europa aus unterstützt werden sollte, wenn wir wollen das die Türkei sich zu einer offenen Zivilgesellschaft entwickeln soll. Die Grünanlage ist wichtiger als das Einkaufszentrum. Das kann man in einer Abstimmung im Ort durch Direkte Demokratie die Menschen dann selber entscheiden lassen. Ich finde die Solidaritätskundgebungen in anderen Städten bis nach Berlin total genial, so werden Probleme in anderen Ländern zu einem verknüpften Problem der ganzen Menschheit, denn wie in Stuttgart 21, scheint hier in der Türkei ähnliches zu entstehen. Wollen wir hoffen das die Türkei die gelebte Direkte-Demokratie für sich entdeckt und bei Entscheidungen Bürger-Foren aufblühen lassen.
3. Aufruf
Izmi 31.05.2013
Zitat von sysopIn Istanbul schlägt die Polizei friedliche Proteste von Umweltschützern brutal nieder. Nun solidarisieren sich Zehntausende mit den Demonstranten. Die Revolte eskaliert - und bringt die Regierung von Premier Recep Tayyip Erdogan in Bedrängnis. Polizeigewalt in Istanbul - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/polizeigewalt-in-istanbul-a-903173.html)
Nanu - das kann doch gar nicht sein! Dass sich ein dem Westen zugehörig fühlender, in die EU orientierender Dikt - Premier sein Volk brutal niederschlägt! Deutsche Soldaten an der Grenze zu Syrien! Dreht die Raketen um! Ihr schützt die falsche Rebellion!
4. Endlich SPON
sinemaforum 31.05.2013
Der Park ist nur ein Alibi. Der Protest richtet sich gegen Erdogan und seine AKP. Die schleichende Islamisierung, Korruption und vor allem das antidemokratische Vorgehen gegen jede Art von Kritik und Protest. Im folgenden Link gibt es bewegendw Bilder: @GalaFanatic: @Vice_Germany anbei einige Bilder http://t.co/fVhLrJ6Xa7 Angeblich gibt es Tote und hunderte Verletzte.
5. Fragt nach den Nutznießern dieses Einkaufszentrums... !
supernovaiswatching 31.05.2013
Es sind dien engsten Verwandet von Herrn Erdogan, die von diesem Geschäft profitieren. Sein Sohn und auch sein Schwiegersohn haben Dank Herrn Tayyip sich ganze Stadtteile in Istanbuls Zentrum quasi illegal, ohne öffentliche Ausschreibung und per Enteignung, unter den Nagel gerissen. Und nun am Gezi-Park, dem vermutlich unbezahlbarsten Platz in Istanbul... so viel Korruption und Autokratie war noch nie in der Türkei. Journalisten, Comedians, Professoren, Menschenrechtler, Anwälte sitzen im Gefängnis... jeder, der es wagt, frei zu denken und es laut auszusprechen. Die Menschen dort müssen auf die Straße, denn ihre Bürger- und Grundrechte sind längst nicht mehr als ausgehöhlte Phrasen. Herr Erdogan und seine Entourage haben die Türkei längst in einen Gottesstaat verwandelt. Die Türkei unter Erdogan und nach Erdogans Einfluss gehört nicht in die EU. Erdogan und Assad unterscheidet nichts - Assad läßt bombardieren, Erdogan läßt niederknüppeln.
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Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 74,724 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt: Abdullah Gül

Regierungschef: Recep Tayyip Erdogan

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