Panne um Geheimoperation Polizist gibt Verhaftungsplan für Assange preis

Peinliche Panne bei Scotland Yard: Ein Londoner Polizist hat versehentlich einen geheimen Plan für die mögliche Verhaftung von WikiLeaks-Gründer Assange enthüllt. Schon einmal gab es einen ähnlichen Patzer der Sicherheitsbehörden - mit weitreichenden Folgen.

Notizen auf dem Klemmbrett eines Londoner Polizisten: "Aktion erforderlich"
AP

Notizen auf dem Klemmbrett eines Londoner Polizisten: "Aktion erforderlich"


London - In lässiger Haltung steht der uniformierte Polizist vor der Botschaft Ecuadors in London-Knightsbridge, in der Julian Assange seit nun mehr fast zwei Wochen Asyl gewährt wird. Der Beamte unterhält sich mit einem seiner Kollegen der Londoner Polizeibehörde, unter seinem linken Arm hält er ein einfaches Klemmbrett mit einigen Zetteln. Doch was aus der Ferne wie harmlose Notizen aussieht, birgt bei genauer Betrachtung brisanten Stoff. Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AP zoomt mit seiner Linse auf das Blatt und schießt ein Bild, das für Scotland Yard nun peinlich wird.

"Unter allen Umständen", so ist dort in Handschrift zu lesen, sei Assange zu verhaften, falls er die ecuadorianische Botschaft verlassen sollte. Darunter sind verschiedene Wege gelistet, wie der WikiLeaks-Gründer versuchen könnte, unbemerkt aus der Botschaft zu entkommen.

Ecuador gewährte dem 41-jährigen, der seiner Auslieferung an Schweden entgehen will, am 16. August Asyl. Seit Monaten beharrt die schwedische Justiz darauf, dass sich Assange in Schweden den Vorwürfen zweier Frauen stellt, die ihm sexuelle Übergriffe beziehungsweise Vergewaltigung zur Last legen. Die britische Regierung lehnt es ab, Assange freies Geleit nach Ecuador zu gewähren. Vielmehr will sie ihn beim Verlassen der Botschaft sofort festnehmen und an Schweden ausliefern.

Polizeibehörde fürchtet Ablenkungsmanöver

Wie diese Operation ablaufen könnte, steht auf dem Papier des Polizisten, das als "geheim" markiert ist. Ebenso ist darauf die Warnung vor einem möglichen Ablenkungsmanöver vermerkt. Demnach geht die Londoner Polizeibehörde offenbar davon aus, Assanges Unterstützer könnten eine Art Tumult vor der Botschaft vortäuschen, um eine Flucht zu ermöglichen.

Weiterhin ist vom "Tagesgeschäft" der Botschaft die Rede und der etwaigen Notwendigkeit von "zusätzlicher Unterstützung" durch eine unbekannte Einheit namens SS10. Wie der "Daily Telegraph" berichtet, habe Scotland Yard auf Anfrage erklärt, man wisse nicht, worauf sich dieses Kürzel bezieht.

Die Panne erinnert an einen Vorfall, der sich 2009 ereignete: Der Anti-Terror-Chef Großbritanniens, Bob Quick, musste sein Amt niederlegen, nachdem er ebenfalls mit Geheimdokumenten unterm Arm fotografiert wurde. Darauf zu sehen waren Namen von Fahndern und Details zu einem Anti-Terror-Einsatz.

In der Zwischenzeit scheint der Streit der Regierungen um den WikiLeaks-Mitbegründer etwas abzuklingen: Großbritannien hat Ecuador nach Angaben seines Präsidenten Rafael Correa zugesichert, die Immunität seiner Botschaft in London nicht zu verletzen. In einer Fernseh- und Rundfunkansprache sagte Correa am Freitagabend, er begrüße, dass das britische Außenministerium eingelenkt habe. Ecuador werde "niemals jemanden um Erlaubnis zur Ausübung seiner Souveränität bitten und stets die Menschenrechte eines jeden verteidigen, der darum bittet", sagte der Präsident.

Wenige Stunden zuvor hatte Correas Außenminister Ricardo Patiño auf einer einberufenen Dringlichkeitssitzung der Organisation amerikanischer Staaten (OAS) in Washington eine "öffentliche Entschuldigung" Großbritanniens für das von London angedrohte Eindringen in die ecuadorianische Botschaft gefordert. Der britische Beobachter bei der OAS, Philip Barton, versicherte, Großbritannien habe die ecuadorianische Botschaft "zu keinem Zeitpunkt bedroht". Zugleich rief er die ecuadorianische Regierung zu einem "konstruktiven Dialog" auf.

Das Treffen der OAS-Außenminister und -Vertreter rief London und Quito zur "Fortsetzung des Dialogs" auf. Zugleich wandte sich die Versammlung gegen "jeden Versuch, der die Unverletzlichkeit der diplomatischen Vertretungen gefährden könnte". "In diesem Zusammenhang" erklärte sie ihre "Solidarität und Unterstützung für Ecuador", heißt es in einer Resolution, die per Konsens verabschiedet wurde - ungeachtet der deutlichen Vorbehalte der USA und Kanadas.

Assange befürchtet, von Schweden an die USA ausgeliefert zu werden, wo ihm ein Prozess wegen Spionage und damit die Todesstrafe droht. Der Australier hat den Zorn Washingtons auf sich gezogen, weil das Internet-Enthüllungsportal WikiLeaks zehntausende geheime Depeschen der US-Diplomatie sowie Dokumente zu den Kriegen in Afghanistan und im Irak veröffentlichte. Die USA haben aber bisher keinen Haftbefehl gegen Assange ausgestellt.

cib/dpa

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ziegenzuechter 25.08.2012
1. soso
"Ecuador werde "niemals jemanden um Erlaubnis zur Ausübung seiner Souveränität bitten und stets die Menschenrechte eines jeden verteidigen, der darum bittet", sagte der Präsident." lol, jaja ecuador der grosse schuetzer der menschenrechte...das sieht die presse und die opposition dort aber ganz anders. unwahrscheinlich, dass assange asyl in ecuador bekommen haette, wenn auch ueber ecuador informationen von wikileaks verbreitet worden waeren.
deali_ 25.08.2012
2.
Zitat von ziegenzuechter"Ecuador werde "niemals jemanden um Erlaubnis zur Ausübung seiner Souveränität bitten und stets die Menschenrechte eines jeden verteidigen, der darum bittet", sagte der Präsident." lol, jaja ecuador der grosse schuetzer der menschenrechte...das sieht die presse und die opposition dort aber ganz anders. unwahrscheinlich, dass assange asyl in ecuador bekommen haette, wenn auch ueber ecuador informationen von wikileaks verbreitet worden waeren.
haben sie mal in Erwägung gezogen das Ecuador nichts gemacht hat so das sich Wikileaks darum kümmern müsste?
januar63 25.08.2012
3. Assange/Beitrag von ziegenzuechter
Da hast Du sicher Recht aber letztendlich geht es in dieser Sache grundsätzlich darum, dass es wichtig ist überhaupt Asyl bekommen zu können. Ich hoffe Du kommst niemals in diese Situation. Denn, wir dürfen nicht vergessen, keiner von uns weiß, was in diesem Fall wirklich passiert ist und irgendwann wurde die Todesstrafe mal deshalb abgeschafft weil ganz viele Menschen zu Unrecht umgebracht wurden! Wenn jemand die Todesstrafe fordert, dann ist er nicht besser als der Verbrecher selbst! Und vor allem, Weiterleben "müssen", istfür einen Verbrecher die beste Strafe (in Sicherheitsverwahrung, je nach dem was er verbrochen hat), auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.
divStar 25.08.2012
4. Stimmt leider..
.. wenn man sich seiner Menschen- und Bürgerrechte nicht einmal in einer Demokratie sicher sein kann, dann eigentlich auch kaum in einem Land ohne derlei Strukturen. Allerdings kann es sein, dass gerade in einem solchen Land dies als Gelegenheit gesehen wird sich in ein besseres Licht zu stellen - und aus dieser Motivation heraus etwas getan wird. Ganz gleich, wie es um die Person Assange steht: ich finde, dass Menschen, die Verbrechen anderer Menschen aufzeigen, niemals so einer Hexenjagt unterzogen werden dürften. Dabei sollte es absolut keine Rolle spielen, ob die Verbrecher einen hohen Rang/Status/Macht genießen und ob dabei Interna Preis gegeben werden. Solange man (angebliche) Sicherheit der Freiheit vorzieht, wird man weder Freiheit, noch Sicherheit haben. Staaten, die keine Demokratie haben, zeigen ihre erpresserischen Fähigkeiten gegenüber ihrem Volk sehr eindeutig. Demokratische Staaten zeigen sie hinterrücks, denn man mag zwar in vielen Bereichen demokratisch(er) aufgestellt sein - aber vor allem Regierungen sind nicht demokratisch. Sie legen ja auch nicht lückenlos aufgeschlüsselt Informationen vor, was sie überhaupt für ihr Geld leisten. Ich muss mich aber vor meinem Arbeitgeber durchaus dafür rechtfertigen. Wie dem auch sei: solange das so ist wie es ist, finde ich es als gerechtfertigt jegliche Interna beliebiger Länder offen zu legen - bis Regierungen einsehen, dass es keinen Sinn macht das eigene Volk zu belügen, zu betrügen und dauernd für dumm zu verkaufen.
ziegenzuechter 25.08.2012
5. selbstverstaendlich
Zitat von deali_haben sie mal in Erwägung gezogen das Ecuador nichts gemacht hat so das sich Wikileaks darum kümmern müsste?
ecuador ist der perfekte staat. lol. haben sie mal in betracht gezogen, dass enthuellungen ueber ecuador fuer selbstdarsteller wie assange uninteressant sind weil sie nicht den gleichen aufschrei bringen wie bei den usa?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.