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Polonium-Vergiftung: Litwinenkos Kontaktmann Scaramella will auspacken

Möglicherweise kommt bald etwas mehr Klarheit in die Affäre um den vergifteten Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko. Sein Kontaktmann, Mario Scaramella, will "auspacken". Der ebenfalls mit Polonium verseuchte italienische "Sicherheitsberater" will all sein Wissen über russische Spionage öffentlich machen.

London/Rom - Mario Scaramella, der derzeit in einem Londoner Krankenhaus liegt, ist nach eigenen Angaben mit einer tödlichen Strahlendosis vergiftet worden. "In meinem Körper befindet sich eine Polonium-Menge, die fünfmal über der tödlichen Dosis liegt", sagte der 36-Jährige am Sonntagabend in einem Telefoninterview des italienischen Fernsehens RAI. Seinen derzeitigen Gesundheitszustand schilderte er als gut. Die Londoner Universitätsklinik, in der Scaramella behandelt wird, widersprach Zeitungsberichten, wonach er sich in Lebensgefahr befindet.

Will auspacken: Mario Scaramella
AP

Will auspacken: Mario Scaramella

Scaramella steht weiter unter strenger Kontrolle der Ärzte. Sein Anwalt erklärte dem italienischen Fernsehen, der Geheimdienst-Experte wolle "alle ihm verfügbaren Namen und Daten öffentlich bekannt geben". Darunter seien "alle Informationen, die Litwinenko ihm im Laufe der Zeit gegeben habe". Es gehe um Namen von Politikern und Journalisten, die mit der Spionagetätigkeit der ehemaligen Sowjetunion in Verbindung gestanden hätten, sagte Anwalt Sergio Rastrelli. Scaramella verfüge unter anderem über entsprechende Tonbänder.

Scaramella hatte sich mit Litwinenko am 1. November in einer Londoner Sushi-Bar getroffen. Kurz darauf erkrankte Litwinenko. "Meine Vergiftung kann mit Informationen zusammenhängen, die Litwinenko mir seit Monaten zukommen ließ", hatte Scaramella bereits zuvor erklärt. Er hoffe zu überleben, "um alle Dinge, die über mich gesagt und geschrieben werden, zu widerlegen".

Inzwischen hat sich in die Ermittlungen zum Gifttod Litwinenkos auch die US-Bundespolizei FBI eingeschaltet. Nach Informationen der Sonntagszeitungen "The Observer" und "Sunday Mirror" vernahmen Beamte von FBI und Scotland Yard in Washington einen Agenten des früheren sowjetischen Geheimdienstes KGB namens Juri Schwets. Er soll angeblich über Informationen verfügen, wonach die Gift-Affäre im Zusammenhang mit der Zerschlagung des russischen Ölkonzerns Yukos steht. Solche Spekulationen gibt es seit längerem. Scotland Yard verfolgt auch mehrere andere Spuren.

Der britische Innenminister John Reid kündigte an, dass die Ermittlungen "innerhalb und außerhalb von Großbritannien" ausgeweitet würden. Nach Informationen des britischen Senders BBC sollen mehrere Beamte in den kommenden Tagen auch nach Moskau reisen. Die russischen Behörden haben bereits mehrfach Hilfe bei der Aufklärung zugesagt. Alle Vorwürfe, der Kreml oder andere staatliche Stellen stünden hinter dem Mordkomplott, werden in Russland zurückgewiesen.

Die Obduktion des Leichnams Litwinenkos, die unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen stattfand, ist inzwischen abgeschlossen. Nach Informationen des "Guardian" enthielt der Körper eine 100fache tödliche Polonium-Dosis. Auf dem Schwarzmarkt hätte die Menge rund 20 Millionen Pfund (fast 30 Millionen Euro) gekostet. Das genaue Obduktionsergebnis soll erst in einigen Tagen veröffentlicht werden.

ler/dpa/AFP

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