26. Januar 2013, 17:38 Uhr

Fußball-Krawalle in Ägypten

Mursi schickt die Armee nach Port Said

Von Raniah Salloum

Ägyptens Präsident Mursi entsendet das Militär in den Fußball-Krieg, der Verteidigungsrat erwägt, den nationalen Notstand auszurufen. Nach den Kairoer Todesurteilen gegen 21 Ultras haben Straßenschlachten bereits Dutzende Menschenleben gefordert.

Hunderte Menschen sind verletzt, mindestens 39 kamen ums Leben - das ist die blutige Zwischenbilanz nach der Verkündung der Todesurteile im Kairoer Fußball-Prozess.

Ägyptens Präsident Mohammed Mursi sagte seine geplante Reise nach Äthiopien ab und hat die Armee entsandt, um in Port Said am Suezkanal wieder für Ruhe zu sorgen. Selbst der Nationale Verteidigungsrat, das wichtigste Sicherheitsgremium, wurde zur Sondersitzung einberufen, um zu beraten, wie man mit den Ausschreitungen umgehen sollte. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, erwog das Gremium, eine landesweite Ausgangssperre zu verhängen oder sogar den nationalen Notstand auszurufen. Doch dann beließ es der Rat vorläufig mit einer "Verurteilung der Gewaltakte" und einem Aufruf an alle politischen Kräfte, ihre Meinung friedlich zu demonstrieren.

Die Krawalle waren für die Regierung nicht überraschend gekommen. Es war klar, dass die Gerichtsentscheidung im ersten Teil des Fußball-Prozesses politische Sprengkraft hatte - egal wie die Richter entschieden.

In dem Verfahren ging es um die Schuldfrage beim sogenannten Massaker von Port Said. Dabei kamen vor einem Jahr mindestens 79 Menschen ums Leben. Nach einem Spiel des Kairoer Spitzenclubs al-Ahly gegen den Erstliga-Verein al-Masry aus Port Said, attackierten Fans des al-Masry die Ahly-Ultras mit Messern und Flaschen. Am Samstagmorgen wurden 21 Masry-Fans von den Richtern zum Tode verurteilt.

Der harsche Urteilsspruch hätte für das Land und auch für Präsident Mursi kaum zu einem ungünstigeren Moment kommen können. Einen Tag nach dem Revolutionsjubiläum am 25. Januar war die Situation ohnehin schon angespannt. Zwar kam es nur zu verhältnismäßig kleinen Protestzügen. Doch bei den Ausschreitungen in mehreren Städten kamen mindestens acht Menschen ums Leben.

"Rache oder Blut"

Wut und Enttäuschung in Ägypten nehmen zu. Die Wirtschaft stagniert seit zwei Jahren und den meisten Menschen geht es wirtschaftlich schlechter als vor den Aufständen. Zudem hat die regierende Muslimbruderschaft ihr rücksichtsloses Verhalten viel Sympathie gekostet. Anstatt einen breiten Konsens für das neue politische System Ägyptens zu suchen, peitschte Präsident Mursi im Dezember eine umstrittene Verfassung durch und polarisierte das Land noch stärker.

Die Krawalle nach dem Urteilsspruch sind erschreckend - aber sie könnten die harmlosere Variante gewesen sein. Wären die Angeklagten freigesprochen worden, hätten wohl Zehntausende Kairoer Ahly-Ultras die Straßen der Hauptstadt in Brand gesetzt. Auf ihrer Facebook-Seite hatten sie schon seit Wochen "Rache oder Blut" angekündigt, eine klare Warnung, die heißen sollte: Schuldspruch oder Krawalle. So wurde das das Urteil nun von den im Saal anwesenden Angehörigen der Opfer mit "Gott ist groß"-Rufen begrüßt. Es kann aber allerdings angefochten werden.

Vor der Revolution war Fußball das einzige Thema, mit dem sich in Ägypten Zehntausende zu Protestmärschen mobilisieren ließen, was immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften führte. Während den ersten Tagen der Revolution spielten die kampferprobten Ultras dann eine wichtige Rolle dabei, den Tahrir-Platz in Kairo von den Sicherheitskräften zu erobern und zu halten.

Mursi wird zum Buhmann

Daher wird in Ägypten auch gemunkelt, dass die Sicherheitskräfte das Massaker von Port Said unterstützt haben sollen - gewissermaßen als Rache für die revolutionäre Rolle der Ultras. Letztlich führten die Ausschreitungen im Stadion von Port Said vor einem Jahr zu einer noch stärkeren Solidarität zwischen dem ägyptischen Revolutionslager und den Ultras.

Für Mursi ist der Fußball-Prozess brandgefährlich. Zwar fand das Massaker am 1. Februar 2012 und damit vor seiner Amtszeit statt. Doch wird er nun zum Buhmann für die juristischen Entscheidungen und die damit verbundenen Ausschreitungen gemacht. Greifen Militär und Polizei nun hart durch, wird es ihm angerechnet.

Bis zur letzten Minute hatte Präsident Mursi versucht, die Bombe Fußball-Prozess zu entschärfen. Am Donnerstagabend hatte der Präsident seine Landsleute noch einmal beschworen, das Revolutionsjubiläum friedlich zu begehen. Er forderte die Ägypter auf, ein "Klima zu schaffen, das neue Investitionen begünstigt" - und eben keine Ausschreitungen anzuzetteln, die Ausländer abschrecken.

Zusätzlich erklärte er die Opfer der Ausschreitungen zu "Märtyrern der Revolution" und veranlasste, dass die Angeklagten am Entscheidungstag nicht vor Gericht in Kairo erscheinen, sondern im Gefängnis in Port Said blieben. So hoffte der Präsident ein Überschwappen der Gewalt auf die Hauptstadt zu verhindern, wo es für ihn gefährlicher würde - offenbar hatte diese Strategie bislang Erfolg.

Außerdem wurde der Prozess zweigeteilt - der schwierigste Teil steht Ägypten noch bevor. Am 9. März soll das nächste Urteil verkündet werden, vor den Richtern stehen dann die im Port-Said-Verfahren angeklagten Sicherheitskräfte. Werden sie freigesprochen, muss Mursi mit dem Zorn der Ultras rechnen, und mit wütenden Vorwürfen, er sei ein Handlager des alten Regimes. Sollte das Gericht dagegen überraschenderweise die Polizisten für schuldig erklären, könnte der Sicherheitsapparat aufbegehren.

mit Material von dpa und dapd


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