Porträt von Bassajew Tod eines Terrorfürsten

Er war Russlands Staatsfeind Nummer 1: Schamil Bassajew - der Drahzieher der blutigen Geiseldramen im Moskauer Musical-Theater "Nordost" und der Schule von Beslan wurde von einer Spezialeinheit der russischen Armee getötet.

Von Lukas F. Streiff


Hamburg - Schon sein Vorname schien ihn zum Kampf gegen Russland prädestiniert zu haben: "Schamil" - so hieß auch der legendäre Tschetschenenführer an der Spitze der islamischen Region im Kampf gegen die Truppen des Zaren im 19. Jahrhundert. Wie auch sein Vorfahr blieb Schamil Bassajew letztlich erfolglos: In der Nacht zum Montag stirbt er, als weltweit gefürchteter Terrorist, der auch bei den Seinigen stets umstritten war.

Bassajew gehört zu denjenigen, die im Chaos des Untergangs der UdSSR zu Macht und Einfluss kamen. Dem Chaos war er verschrieben - er erzeugte es, und er brauchte es. Mehrmals hatte man versucht, ihn durch politische Ämter zu mäßigen, doch der Anführer der brutalsten Attentate im russisch-tschetschenischen Konflikt ließ sich nicht fesseln.

Als die Sowjetunion kollabierte sah Bassajew die Chance, seine Heimat in die Unabhängigkeit zu führen. Er kandidierte für das Amt des Präsidenten des einseitig für unabhängig erklärten Tschetschenien, doch der ehemalige Luftwaffengeneral Dschoschar Dudajew gewann die Wahl ebenso souverän, wie er in den nächsten Jahren den Widerstand gegen die neu formierten Russen führte. Bassajews Zeit war noch nicht gekommen.

Die neue russische Regierung vermied in ihren jungen Jahren den offenen Konflikt, und so zog es Bassajew in Nachbarländer, die im Chaos versanken. So kämpfte er mit Truppen der Region Abchasien im Jahre 1992 gegen die Regierung von Georgien. In diesem Konflikt fand eine Vertreibung der georgischen Bevölkerung von Abchasien statt, die von vielen als ethnische Säuberung bezeichnet wurde. Bassajews Einheit wird vorgeworfen, in zwei Dörfern tausende Zivilisten getötet zu haben.

Luxuriöser Lebensstil

Wenig ist darüber bekannt, wo Bassajew in den folgenden Jahren aktiv war. Einige Quellen schreiben ihm Mithilfe in Widerstandskämpfen in Aserbaidschan zu. Auch soll Bassajew in Afghanistan gereist sein, wo er mit al-Qaida in Kontakt gekommen sein soll. Außerdem wird Bassajew nachgesagt, er sei in diesen Jahren mit illegalen Geschäften in Tschetschenien beschäftigt gewesen. So soll er mehrere Züge gestohlen und verkauft haben, sowie am sehr lukrativen Drogengeschäft von Tschetschenien beteiligt gewesen sein. Bassajew gelangte zu beträchtlichem Reichtum, mit dem er sich in diesen Jahren einen luxuriösen Lebensstil leistete, und der ihm später die Finanzierung eigener Miliz-Einheiten ermöglichte. Pro-tschetschenische Quellen beschuldigten den russischen Geheimdienst, diese Gerüchte zu verbreiten, und beziehen sich auf die Aussage Bassajews, er habe millionenschwere Spenden von weltweit verteilten tschetschenischen Geschäftsleuten erhalten.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1994 bewegte sich Tschetschenien in Bassajews Richtung: Krieg. Im Sommer hatte es noch so ausgesehen, als könnten die von Russland unterstützten Tschetschenen die Widerständler vertreiben. Doch am 11. Dezember eskalierte der Konflikt durch den Einmarsch von bis zu 40.000 russischen Truppen. Bassajew stieg zu einem der obersten Kommandeure auf.

In den ersten Monaten des Jahres 1995 verloren die Rebellen die Kontrolle über die Hauptstadt Grosny und wurden in die Berge vertrieben. Bassajew erlitt auch furchtbare persönliche Verluste: bei einem Bombenangriff auf sein Heimatdorf kamen elf Mitglieder seiner Familie um, darunter seine Frau und Kinder.

Der Kampf im Untergrund hatte begonnen, und entpuppte sich schnell als Bassajews besondere Expertise. Erstmalig erreichte er weltweite Aufmerksamkeit, als er im Juni 1995 ein Geiseldrama in einem Krankenhaus in Budjonnowsk anführte, bei dem mehr als hundert Menschen ums Leben kamen. Als Bassajew sich erfolgreich nach Tschetschenien zurückziehen konnte, wurde er in Tschetschenien über Nacht zum Volksheld. Diesen Ruf zementierte er, als seine Truppen im August 1996 die Russen aus der Hauptstadt Grosny vertreiben konnten.

Blutiger Sommer 2004

Mit dem Ende des ersten Tschetschenienkrieges hatte die Region weitgehende Unabhängigkeit von Russland erlangt. Als aber im September 1999 einige Appartmentblocks explodierten und 293 Russen unter sich begruben, versprach Präsident Putin Vergeltung an den Tschetschenen und an Bassajew. Obwohl er sich nie zu diesen Anschlägen bekannte, wird ihm von vielen Tschetschenen die Verantwortung am Ausbruch des zweiten Krieges zugeschrieben.

Bassajews Anschlagserie erreichte am 23. Oktober 2002 ihren ersten Höhepunkt: Tschetschenische Rebellen nahmen die Besucher des Musical-Theaters "Nordost" als Geisel. Während der Erstürmung des Theaters durch russische Spezialeinheiten unter Verwendung eines Spezialgases starben 129 Geiseln und 50 Rebellen.

Dieser Anschlag blieb nicht der einzige, woraufhin Bassajew im August 2003 von der Uno auf die "Schwarze Liste" der meistgesuchten Menschen der Welt aufgenommen wurde. Doch Bassajews Blutspur wurde länger und länger. Sogar einen Moskau-treuen Präsidenten Tschetscheniens ließ der Terrorfürst töten: Am 9. Mai 2004 stirbt Achmad Kadyrow bei einem Attentat während Feierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Der Sommer 2004 sollte den brutalen Höhepunkt von Bassajews Werk bilden. Innerhalb einer Woche fanden Selbstmordanschläge in zwei Passagierflugzeugen sowie in der Moskauer U-Bahn statt, die insgesamt 99 Menschen das Leben kosten. Tage darauf ereignete sich dann der schwerwiegendste Anschlag des Tschetschenien-Konflikts: Beslan. Am 1. September 2004 stürmen schwer bewaffnete Rebellen eine Schulfeier und nahmen rund 1200 Kinder, Eltern und Lehrer als Geisel. Bei der Befreiung starben mehr als 360 Menschen, darunter 30 Terroristen. Der Anschlag löste weltweite Empörung aus. Auf dem Roten Platz in Moskau demonstrierten über 100.000 Menschen gegen den Terrorismus.

Obwohl Moskau eine Prämie von zehn Millionen US-Dollar auf die Ergreifung von Bassajew ausgesetzt hatte, konnte er bis zu seinem Tod nicht gefasst werden. Daher war es besonders demütigend, als der US-Fernsehsender ABC Bassajew im vergangenen Sommer zu einem Interview traf. Der Journalist brauchte nicht lange, um seinen Interviewpartner in den Bergen zu finden. In dem Gespräch drohte Bassajew mit weiterem Terror wie in Beslan, wenn Russland nicht den "Völkermord" in Tschetchenien stoppe.

Erst am 27. Juni war Bassajew laut einer tschetschenischen Website zum Vize-Präsident der Rebellen ernannt worden. Auch wenn der Terror des Tschetschenien-Konflikts nicht aufhören wird, so hat er doch einen seiner berüchtigtsten Paten verloren.



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