Ahmed al-Dschabari: Das Ende des Hamas-Generals

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Getroffen von einer Rakete explodierte sein Wagen in einem Feuerball: Gezielt liquidierte Israels Luftwaffe Ahmed al-Dschabari in Gaza. Der Chef der Hamas-Kämpfer stand schon lange auf der Todesliste, denn er war für eine der größten Demütigungen Israels verantwortlich - die Entführung des Soldaten Gilat Schalit.

Militärschlag gegen Hamas: Israel tötet Militärkommandeur Fotos
AP Photo/ IDF video via APTV

Die Bilder zeigen ein brennendes Auto, das Fahrzeug des Hamas-Militärchefs Ahmed al-Dschabari wurde von einer israelischen Rakete getroffen. Auch sein Sohn soll nach Angaben des militärischen Flügels der Hamas ums Leben gekommen sein.

Mit Ahmed al-Dschabari eliminierte Israel einen der hochrangigsten Hamas-Führer: Er war Militär-Chef der palästinensischen Partei und Miliz im Gaza-Streifen und damit der wohl wichtigste Hamas-Mann neben Premierminister Ismail Hanija. Die Al-Kassam-Brigaden der Radikalislamisten, die er anführte, sollen zwischen 10.000 und 20.000 Kämpfer haben. Sowohl der politische als auch der militärische Teil der Hamas gilt bei der EU als Terrororganisation.

Dschabari stand schon länger auf Israels Todesliste. Er soll die Entführung des israelischen Soldaten Gilad Schalit 2006 zu verantworten haben. Hamas-Kämpfer, die durch unterirdische Tunnel nach Israel eingedrungen waren, kidnappten Schalit und hielten ihn fünf Jahre lang gefangen. Der israelischen Armee gelang es nicht, ihn wieder zu befreien. Erst im Oktober 2011 wurde Schalit von der Hamas an Israel übergeben - im Austausch für die Freilassung von 1000 palästinensischen und israelisch-arabischen Gefangenen.

Der sonst so diskrete Militärchef zeigte sich stolz vor den Kameras

Bei der Freilassung Schalits an der ägyptischen Grenze zum Gaza-Streifen trat Dschabari erstmals in der Öffentlichkeit auf. Der sonst überaus diskrete 51-Jährige zeigte sich lässig im hellblauen Hemd mit Brille in der Hemdtasche - und dem hageren Schalit an seiner Seite. Das Foto des selbstbewussten, vor Kraft strotzenden Palästinensers neben dem ausgemergelten Israeli war eine symbolische Ohrfeige für Jerusalem.

Dschabari (links im Bild) 2011 mit Soldat Schalit: Vor Kraft strotzender Palästinenser Zur Großansicht
AFP

Dschabari (links im Bild) 2011 mit Soldat Schalit: Vor Kraft strotzender Palästinenser

Dieser öffentliche Auftritt blieb jedoch eine Ausnahme. Als Chef der Hamas-Kämpfer war sein Leben in ständiger Gefahr, und das wusste er. Seine Vorgänger waren nicht freiwillig abgetreten, sondern durch israelische Attacken ausgeschaltet worden. Dschabari soll daher nie ein Handy bei sich getragen haben, damit man ihn nicht so leicht orten konnte. Einen israelischen Anschlag auf ihn hatte er 2004 bereits überlebt. Bei dem Luftangriff auf sein Zuhause wurden sein Bruder, sein ältester Sohn und mehrere seiner Cousins getötet.

Der Mann, der im Gaza-Streifen auch "der General" genannt wurde, vertrat meist radikalere Positionen als der politische Flügel der Hamas. Während sich die Hamas-Regierung bereit erklärte, mit der israelischen Regierung einen Waffenstillstand abzuschließen, hielt der Hardliner Dschabari wenig davon. "Unser Widerstand wird so lange weitergehen, wie die Zionisten bleiben", schrieb er 2009 in einem Brief, den eine Hamas-Zeitschrift veröffentlichte. Die Israelis hätten zwei Möglichkeiten: "den Tod - oder die palästinensischen Länder zu verlassen".

Von der säkularen Fatah zur radikal-islamischen Hamas

In Gaza-Stadt geboren, schloss sich Dschabari während seines Geschichtsstudiums der säkularen Fatah-Organisation von Jassir Arafat an. Als 22-Jähriger wurde er von den israelischen Behörden festgenommen und für 13 Jahre verhaftet. Im Gefängnis soll er in Kontakt mit der radikal-islamischen Hamas gekommen sein und die Fatah verlassen haben. Später heiratete er die Tochter von Salah Schehade, dem Chef der Hamas-Truppen bis zu dessen Ermordung 2002 durch einen israelischen Bombenabwurf auf sein Haus.

Schon kurz nach seiner Freilassung durch die Israelis im Jahre 1998 schloss sich Dschabari im Gaza-Streifen der Hamas-Miliz an. Prompt wurde er erneut für ein Jahr festgenommen - diesmal durch die Palästinensische Autonomiebehörde. Nach seiner Freilassung 1999 konnte er schnell in den Kassam-Brigaden Karriere machen - erst wurde Schehade getötet und wenige Monate später dessen Nachfolger Mohammed Deif schwer verletzt.

Dschabari wurde zur neuen Nummer Eins, der die militärischen Operationen der Hamas lenkte, während Deif zwar offiziell Chef war, jedoch offenbar bis heute gehandicapt ist. Wie es um Deif genau steht, ist unklar. Auf späteren Videoaufnahmen wurden weder sein Körper noch sein Gesicht ganz gezeigt.

Wer Nachfolger von Dschabari an der Spitze der Al-Kassam-Brigaden wird, ist noch unklar. Die Organisation soll stark dezentral organisiert sein, mit Zellenchefs, deren Identität möglichst geheim gehalten wird.

Dass die Ermordung Dschabaris ein Ende der Gewalt bedeutet, ist unwahrscheinlich.

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