Portugals Schulschiff "Sagres" Gorch Focks brave Schwester

Es geht auch anders: Das portugiesische Schulschiff "Sagres" ist der "Gorch Fock" sehr ähnlich. Doch die Ausbildung der Kadetten folgt anderen Leitlinien als auf dem deutschen Skandalschiff.

REUTERS

Von Tilo Wagner, Lissabon


Die Weltumseglung steckt dem portugiesischen Segelschulschiff "Sagres" in den Planken. Im Marinehafen vor den Toren Lissabons bessert die Mannschaft die Schäden aus, die auf der 11-monatigen Fahrt über die Weltmeere entstanden sind. Luís Proença Mendes erzählt, wie die Rückkehr vor Weihnachten fast am schlechten Wetter gescheitert wäre: "Ausgerechnet im Mittelmeer kamen wir in mehrere schwere Stürme. Da wir pünktlich ankommen wollten, konnten wir uns nicht einfach treiben lassen, sondern mussten dagegen ankämpfen. Die Besatzung hat sich hervorragend geschlagen. Bei haushohen Wellen haben sie ein zerrissenes Segel runtergeholt und in Minuten geflickt."

Seit 1962 ist die "Sagres" im Besitz der portugiesischen Marine. Gebaut wurde die Drei-Mast-Bark vor dem Zweiten Weltkrieg auf der Werft Blohm & Voss in Hamburg. Sie gehört zu einer Reihe von baugleichen Segelschulschiffen, darunter die "Gorch Fock 1" und die "Eagle" - das Schulschiff der US-Küstenwache -, die nach der Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschlands in die Hände der Alliierten fielen. Die "Gorch Fock 2", das Schiff, das nach den Vorkommnissen der vergangenen Monate in die Kritik geraten ist, wurde Mitte der fünfziger Jahre nach dem Vorbild dieser Segelschiffe gebaut.

Auch die portugiesische Marine nutzt ihr Schiff, um angehende Offiziere zu schulen. Kapitän Mendes hat keinen Zweifel daran, dass die Ausbildung auf der "Sagres" ein Schlüsselerlebnis für portugiesische Kadetten ist: "Offiziere, die auf einem Segelschiff lernen, sind besser qualifiziert. Sie lernen auf unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren, haben bessere Führungsqualitäten und wissen die Kraft von Wind und Meer einzuschätzen. Das sind Dinge, die ihnen auf allen Positionen in der Marine weiterhelfen werden."

Größere Stammbesatzung, weniger Druck auf den Kadetten

Ähnlich wie im Fall der "Gorch Fock" schreibt auch die portugiesische Marine der "Sagres" eine diplomatische Mission zu. Die ehemalige Seefahrernation Portugal scheut keine finanziellen Kosten, um sicherzugehen, dass die repräsentativen Aufgaben des Schulschiffes jederzeit erfüllbar sind. Die "Sagres" unterhält deshalb eine Stammbesatzung von 139 Mann, das sind 54 feste Mannschaftsmitglieder mehr als auf der "Gorch Fock". Das portugiesische Schiff ist damit unabhängig vom Einsatz der Kadetten voll funktionsfähig. Im Ernstfall übernehmen die Profis. Der Druck auf die Kadetten ist so insbesondere in Extremsituationen nicht unerträglich hoch.

Vor zehn Jahren überschattete ein Unglück die Ausbildungsfahrt der "Sagres" auf die Azoreninseln. Ein Matrose fiel bei einer Routineaufgabe von einem Mast mit dem Rücken auf die Reling und dann ins Meer. Der Tod des Besatzungsmitglieds hinterließ tiefe Spuren. Bootsmann Carmo Meireles erinnert sich: "Die Stimmung und die Moral der Mannschaft waren auf dem Nullpunkt. Einige Kadetten weinten und mussten vom Schiffsarzt betreut werden. Der Kapitän sagte, dass niemand mehr in die Takelage hinaufsteigen müsste, der sich nicht wohl fühlen würde." Alle offiziellen Termine wurden abgesagt. Das Schiff kehrte nach Lissabon zurück, gefahren von der Stammbesatzung.

Blick für individuelle Schwächen

Die große Besatzung der "Sagres" erlaubt es Kapitän Mendes, auf die individuellen Stärken und Schwächen der Kadetten einzugehen, ohne die Manövrierfähigkeit des Schiffes zu gefährden: "Alle Kadetten gehen in die Takelage. Sie werden an den ersten Ausbildungstagen begleitet und ihnen werden die Sicherheitsvorkehrungen erklärt. Um Unfälle zu vermeiden, muss man jedoch genau beobachten, wie sich die Kadetten beim Aufsteigen in den Mast verhalten. Denn viele wollen ihre Ängste nicht zugeben und bringen sich und damit die Mannschaft in Schwierigkeiten. Wenn ich sehe, dass sich jemand in der Höhe nicht wohl fühlt, dann setze ich ihn am Fock- oder Kreuzmast ein, wo sie nicht in die Takelage steigen müssen."

Dass durch diese Vorsichtsmaßnahme der Mannschaftsgeist und die Disziplin gestört werden könnten, bezweifelt der Kapitän: "Die 'Sagres' ist kein Kinderspielplatz. Wir können militärische Übungen nicht frei von Adrenalin durchführen. Wir müssen herauskriegen, wie die Kadetten mit Risikosituationen umgehen. Und das tun wir. Doch ich bin mir vollends bewusst: Ein Unglücksfall zerstört das Zusammengehörigkeitsgefühl der Kadetten, aber auch der festen Mannschaft. Und setzt eine enorme Investition von Seiten des Staates, der Marine und der betroffenen Familien aufs Spiel. Deshalb geht mir die Sicherheit über alles."

Nur halb so viele Auszubildende

Mendes glaubt, dass das Schwesterschiff aus Deutschland vor allem aus finanziellen Gründen mit einer kleineren Crew fährt. Doch diese Einschätzung ist wohl etwas einseitig. Denn je größer die feste Mannschaft ist, um so kleiner der Anteil der Kadetten an der Besatzung. Die "Sagres" bildet pro Fahrt maximal 63 Kadetten aus, also nur knapp die Hälfte der Offiziersanwärter, die auf der "Gorch Fock" geschult werden. Nationen mit einer größeren Truppenstärke wie Deutschland oder die USA sind auf mehr Ausbildungsplätze angewiesen.

Auf dem US-Segelschulschiff "Eagle" sind teilweise sogar bis zu 150 Kadetten an Board. Einige von ihnen sind schon das dritte Mal dabei und können wichtige Funktionen in der Mannschaft übernehmen. "Die Kadetten aus dem Abschlussjahrgang, die mehr Verantwortung auf dem Schiff übernehmen, werden von der Marine nach bestimmten Kriterien ausgewählt," sagte der Erste Offizier der "Eagle", Kapitänleutnant Jorge Martinez, SPIEGEL ONLINE. So hat die "Eagle" während der Ausbildungsfahrten zwar eine ähnlich große professionelle Besatzung wie die "Gorch Fock". Da Kadetten mit unterschiedlichem Erfahrungshintergrund an Bord sind, kann im Notfall jedoch die Last von den Schultern der Neulinge genommen werden.

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Seite 1
almabu! 01.02.2011
1. Die beiden Beispiele bei vergleichbaren Schiffen zeigen,
Zitat von sysopEs geht auch anders: Das portugiesische Schulschiff "Sagres" ist der*"Gorch Fock" sehr ähnlich. Doch die Ausbildung der Kadetten folgt anderen Leitlinien als auf dem deutsche Skandal-Schiff. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742408,00.html
dass das deutsche Ausbildungssystem dringend hinterfragt werden muss! Besonders Portugal – eine der berühmtesten Seefahrernationen überhaupt – wird deshalb sicher keine schlechteren Seeoffiziere produzieren (ausbilden) als Deutschland!
Keule³ 01.02.2011
2.
ich finde es eine Frechheit, die GF als Skandalschiff zu titulieren und einem Spiegel nicht würdig
wanderprediger, 01.02.2011
3. Na, es geht auch anders
Zitat von sysopEs geht auch anders: Das portugiesische Schulschiff "Sagres" ist der*"Gorch Fock" sehr ähnlich. Doch die Ausbildung der Kadetten folgt anderen Leitlinien als auf dem deutsche Skandal-Schiff. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742408,00.html
Eine Reform für das Schulschiff Gorch-Fock ist dringend Notwenig. Interessant gewesen wäre, wenn der Artikel über evtl. Rituale auf der Sarges berichtet hätte.
Leuchtturm 01.02.2011
4. Schmierentheater
Zitat von sysopEs geht auch anders: Das portugiesische Schulschiff "Sagres" ist der*"Gorch Fock" sehr ähnlich. Doch die Ausbildung der Kadetten folgt anderen Leitlinien als auf dem deutsche Skandal-Schiff. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742408,00.html
wann hört endlich dieses Schmierentheater über unbewiesene Behauptungen auf - es reicht!!!
MikeNixda 01.02.2011
5. Spiegel Populismus
Es nervt, das in jeder SPON Überschrift zum Thema Gorch Fock das Wort "Skandalschiff" reingefrickelt wird. Derartige Wörter erwartet man in den ...-Blättchen des Springerverlages, aber nicht hier. Derartige Berichterstattung hat nichts mehr mit dem ehmaligen "Urgestein des Journalismus" zu tun. Ich bin mal gespannt, wie lange es noch dauert, bis in SPON-Artikeln das Wort "irre" auftaucht. Spätestens dann sollte man aber die URL in http://www.spiegelBILD.de ändern.
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