Post aus Washington US-Präsident schreibt ans iranische Volk

Barack Obama sucht den Kontakt zu Iran. Ein Team des US-Präsidenten arbeitet daran, einen Brief zu formulieren: Washington wolle mit dem Regime in Teheran sprechen - und es nicht etwa stürzen, lautet die Botschaft.


Hamburg - Seit 30 Jahren herrscht diplomatische Eiszeit zwischen den USA und Iran. Für Barack Obamas Vorgänger George W. Bush zählte die Führung in Teheran zur "Achse des Bösen", und der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad ließ selten eine Gelegenheit aus, Amerika zu beschimpfen.

In Teheran wird die US-Flagge mit Füßen getreten: Symbol der anhaltenden Eiszeit zwischen den USA und Iran
REUTERS

In Teheran wird die US-Flagge mit Füßen getreten: Symbol der anhaltenden Eiszeit zwischen den USA und Iran

Aber jetzt regiert ein neuer Mann im Weißen Haus, und der hat schon in seiner Antrittsrede verkündet: Er wolle einen neuen Kurs einschlagen und strebe direkte Gespräche mit Iran an. Wer seine Faust öffne, versprach Barack Obama den bisherigen Gegnern Amerikas, dem werde er die Hand reichen.

Im Fall von Iran wollte er diese Geste offenbar gar nicht erst abwarten. Direkt nach seiner Wahl, berichtet jetzt die britische Tageszeitung "Guardian", habe Barack Obama ein Team bestimmt, das einen Brief an das iranische Volk verfassen sollte. Als Antwort auf die ausführlichen Gratulationen des iranischen Präsidenten, aber auch, um eine neue Phase der Beziehungen vorzubereiten.

Tauwetter statt Eiseskälte

Obamas Ghostwriter haben laut Recherchen des "Guardian" bereits drei verschiedene Fassungen des Briefes aufgesetzt. Zentraler Punkt der freundlichen Grüße aus Washington ist demnach die Versicherung der US-Regierung, man arbeite nicht an einem Regimesturz, wünsche sich lediglich eine Änderung des Verhaltens in strittigen Punkten, bei der Anreicherung von Uran etwa oder bei der Unterstützung des Terrorismus.

An wen der Brief adressiert wird und wie er überhaupt verschickt werden soll, steht dabei noch nicht fest. Wie erreicht man eigentlich das iranische Volk? Muss man über den geistlichen Führer Ajatollah Ali Chamenei gehen? Soll man das Schreiben als offenen Brief über die Medien verbreiten?

Noch haben sich Obama und seine Außenministerin Hillary Clinton nicht entschieden, welche Version des Schreibens sie verschicken wollen. Eine Fassung soll laut "Guardian" die Empfehlung enthalten, das Volk möge seine materielle Lage doch einmal mit der in den benachbarten Ländern vergleichen, die deutlich besser gestellt seien. Könnte es sich nicht lohnen, den Status des politischen Paria endlich abzulegen?

Auch Iran bekommt seinen Sonderbeauftragten

Für Hillary Clinton ist der Brief ein wichtiges Instrument bei der Neuausrichtung der Iran-Politik; sie nimmt die verschiedenen Versionen jetzt noch einmal unter die Lupe und wird dann gemeinsam mit Obama entscheiden, welcher Wortlaut auf die Reise geht. Parallel dazu hat der US-Präsident in seinem ersten Fernsehinterview - für den arabischen Sender al-Arabija - angekündigt, dass man eine neue Politik gegenüber der islamischen Republik anstrebe.

Präsident Ahmadinedschad antwortete prompt, wenn auch in der für ihn typischen polternden Art: "Wir werden genau beobachten, was sie tun. Und wenn wir wirkliche Fortschritte erkennen, werden wir sie begrüßen." Vorher müsse sich Washington allerdings erst einmal für die vergangenen 60 Jahre verfehlter Iranpolitik entschuldigen , den Regierungsumsturz von 1953 etwa, als man dem Schah wieder auf den Thron verhalf, oder den Abschuss eines iranischen Verkehrsflugzeugs 1988.

Ob das im Brief schon Erwähnung findet? Der "Guardian" weiß es nicht, und das US-Außenministerium will noch kein offizielles Statement zum Inhalt des Schreibens abgeben.

Das britische Blatt hat allerdings einen Politologen in Teheran befragt, wie man dort wohl auf Post aus Washington reagieren könnte. Saeed Leylaz glaubt, dass es "ein entscheidender Schritt sein könnte, die Beziehungen zu verbessern". Doch die USA sollten nicht erwarten, dass sie schnell Antwort bekommen würden. Denn: "Es wird eine große Debatte geben, wie man reagieren soll", sagte Leylaz dem "Guardian". "Es gibt etliche Radikale, die überhaupt kein Interesse an einer Normalisierung der Beziehungen haben. Der Brief muss schon eine sehr deutliche Botschaft enthalten, dass man nicht versuchen werde, die iranische Führung zu stürzen."

Um die Angelegenheit zusätzlich zu beschleunigen, hat Obama jetzt einen weiteren Sonderbeauftragten benannt. Ebenso wie George Mitchell in Nahost vermittelt, soll Dennis Ross versuchen, den Dialog mit Teheran in Gang zu bringen. Ross ist ein Veteran der Nahostpolitik; er bemühte sich schon unter Bill Clinton, die verfeindeten Parteien an einen Tisch zu bringen.

Eile scheint geboten. Denn über den Versuchen aus Washington, 60 Jahre Krawallpolitik zu beenden, schwebt die Drohung Israels, auch ohne die Amerikaner zu handeln - und die iranischen Atomanlagen zu bombardieren.

Das wäre das schnelle Ende der Tauwetterphase.

oka



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