Powells Kriegsrede im Sicherheitsrat: "Alles oberflächlicher Bullshit"

Lawrence Wilkerson wird heute noch übel, wenn er an Colin Powells Rede vor dem Sicherheitsrat denkt: Die Informationen über rollende Biowaffenlabore kamen von einer Quelle des BND - die unzuverlässig war. Die Geheimdienste hätten versagt, sagt Powells einstiger Stabschef im SPIEGEL-Interview.

SPIEGEL: Es ist nun gut fünf Jahre her, dass Außenminister Colin Powell seine Irak-Brandrede vor dem Uno-Sicherheitsrat gehalten hat. Wie bewerten Sie seinen Auftritt heute?

Wilkerson: Ich kann mich gut erinnern: Ich kam an diesem Februartag aus der Uno-Zentrale ins eiskalte Manhattan, hundemüde und ziemlich enttäuscht. Es war das erste Mal, dass ich die komplette Rede im Zusammenhang gehört habe, ich habe die ganze Zeit den irakischen Botschafter beobachtet, und ich dachte: Oha, das ging total daneben, das ist alles oberflächlicher Bullshit. Dann habe ich darüber geschlafen, die Zeitungen gelesen und die Umfrageergebnisse gesehen, und mir gesagt, wow, die Rede hat gezündet. Seither hatte ich viel Zeit, nachzuforschen und darüber nachzudenken - und bin wieder bei meinem spontanen Urteil. Nein, es ist noch schlimmer: Dieser Morgen war der Tiefpunkt meiner politischen Karriere.

SPIEGEL: Sie haben mit an dieser Rede gearbeitet. Wie wichtig waren die Informationen, die von Curveball kamen?

Wilkerson: Sie waren absolut essentiell, denn sie waren die zentrale Stütze für den Vorwurf, Saddam habe mobile Bio-Giftküchen. Und die wiederum waren eine der zentralen Säulen der gesamten Rede, neben den Aluminium-Rohren, die angeblich für ein laufendes irakisches Nuklearprogramm gedacht waren. Und neben der Behauptung, es gebe enge Verbindungen zwischen al-Qaida und dem Irak. Beides Punkte, die sich als ebenso falsch erwiesen wie die Biowaffen-Geschichte.

SPIEGEL: Wussten Sie, dass es im Vorfeld im US-Geheimdienst massive Zweifel an Curveball gab und die CIA nie direkt mit der Quelle gesprochen hatte?

Wilkerson: Das ist es ja. Wir wussten nicht einmal, dass diese Informationen aus Deutschland kamen. Das hat die CIA schlicht unterschlagen. CIA-Diretor George Tenet und sein Team präsentierten uns angeblich todsichere Informationen über mobile Biolabore, deren Existenz angeblich vier verschiedene Quellen unabhängig bestätigt hätten. Einem Geheimdienstmitarbeiter rutschte mir gegenüber noch heraus, die wichtigste Quelle sei ein Ingenieur, und der habe mit eigenen Augen einen tödlichen Unfall beobachtet. Kein Wort des Zweifels, von niemandem. Das werfe ich der CIA bis heute vor.

SPIEGEL: Und der Geheimdienst hätte Gelegenheit dazu gehabt?

Wilkerson: Eine? Unzählige. Wir haben fünf Tage und Nächte mit ihnen zusammengesessen, wir waren geradezu "embedded", wie man heute sagt. Niemand hat nur ein Wort in dieser Richtung gesagt oder auch nur einen Hinweis geflüstert.

SPIEGEL: Wann haben sie erfahren, dass es mit Curveball erhebliche Probleme gibt?

Wilkerson: Das war viel später, erst im August oder September. An den mobilen Biolaboren hat die CIA ja bis zuletzt festgehalten. Ich weiß noch genau, wie es war, als der Anruf kam. Außenminister Powell und ich hatten damals angrenzende Büros. Er stand plötzlich in der Tür und sagte so etwas wie: Jetzt zieht die CIA auch noch die mobilen Labore zurück. Er war total niedergeschlagen und ging in sein Büro zurück.

SPIEGEL: Und Sie?

Wilkerson: Ich wollte kündigen. Es war ja nicht der erste Rückzieher. Auch die anderen zentralen Vorwürfe wie die angeblichen Raketenbauteile und die Verbindungen zu al-Qaida hatten sich ja schon als nicht stichhaltig erwiesen. Ich hatte mein Kündigungsschreiben zu diesem Zeitpunkt schon in der mittleren Schreibtisch-Schublade. Ich habe es ab und zu rausgeholt und ein wenig massiert, auch an jenem Tag. Ich wünschte, ich hätte es damals direkt eingereicht.

SPIEGEL: Sie haben seither selbst eine Fehleranalyse betrieben und eigene Nachforschungen angestellt. Wie bewerten sie die Rolle der Deutschen?

Wilkerson: Ich kann den Deutschen in dieser Misere keinen Freibrief ausstellen, sie tragen zumindest eine Mitschuld. Sie haben ihre Informationen und ihre Einschätzung zu Curveball nicht zufällig geliefert, sondern mit Bedacht, da wurde jedes Wort auf die Waage gelegt. Schon um die Zusammenarbeit der Geheimdienste nicht zu gefährden. Machen wir uns nichts vor. Da ist ein regelrechter Handel im Gang, und fast alle befreundeten Nationen sind von den Informationen der US-Dienste abhängig - beispielsweise von Satellitenbildern. Das will niemand gefährden. Und da muss man auch selbst ab und an etwas Saftiges liefern.

SPIEGEL: Wollen Sie behaupten, die Deutschen haben ihre Quelle aufgebauscht und sexier gemacht, als sie war?

Wilkerson: Das müssen andere beurteilen. Auf unserer Seite tragen der damalige CIA-Chef George Tenet und sein Vize John McLaughlin die Hauptverantwortung. Sie müssen sich nicht nur vorwerfen lassen, die Informationen ungeprüft übernommen zu haben. Sie haben sogar warnende Stimmen im eigenen Apparat geflissentlich überhört, etwa den CIA-Europachef Tyler Drumheller. Es wäre ihre Pflicht und Verantwortung gewesen, unserem Außenminister diese Bedenken vorzutragen. Dazu fehlte ihnen offensichtlich der Mut. Stattdessen taten sie so, als handle es sich um absolut abgesicherte Tatsachen.

SPIEGEL: Machen Sie sich auch selbst Vorwürfe?

Wilkerson: Natürlich, es geht mir heute noch schlecht, wenn ich nur daran denke. Ich hatte damals schon das Gefühl, einen schlechten Job gemacht zu haben. Es ging alles viel zu schnell, geradezu gehetzt. Warum haben wir uns darauf eingelassen, dass Powell die Rede hält und nicht unser Uno-Botschafter John Negroponte - wie damals Adlai Stevenson während der Kuba-Krise? All das kam ja zusammen, ich hatte einfach damals schon ein schlechtes Gefühl. Aber ich weiß auch nicht, was ich hätte besser machen sollen - wir hingen ja von den Geheimdienstinformationen ab.

SPIEGEL: Haben Sie je daran gedacht, der Außenminister könnte bewusst hinters Licht geführt und selbst instrumentalisiert worden sein?

Wilkerson: Zumindest glaube ich inzwischen, dass es Teile dieser Regierung gab, für die angebliche Massenvernichtungswaffen des Irak nur Camouflage für ihre eigentlichen Ziele waren und es ganz andere Gründe für diesen Krieg gab.

SPIEGEL: Nämlich?

Wilkerson: Ich bin inzwischen überzeugt, dass die reichen Ölfelder des Irak eine größere Rolle gespielt haben, als ich damals für möglich gehalten hätte.

SPIEGEL: Und wen meinen Sie konkret? Den Präsidenten selbst?

Wilkerson: Da bin ich gar nicht sicher. Aber ich hätte gern die Gespräche gehört, die Vizepräsident Dick Cheney im Vorfeld des Krieges mit den amerikanischen Ölmultis geführt hat. Vielleicht werden Historiker eines Tages ihr Urteil darüber fällen können, wenn heute noch als geheim eingestufte Papiere öffentlich zugänglich werden.

Das Interview führten John Goetz und Marcel Rosenbach

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