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PR-Übung des Präsidenten: Professor Sarkozy erklärt die Welt

Von , Paris

Ungewöhnliche Übung für Frankreichs Staatschef: Bei der dritten Pressekonferenz seit Amtsantritt gibt der Präsident den weltmännischen Oberlehrer - mit Blick auf die Wiederwahl 2012. Innenpolitische Pannen und Peinlichkeiten blieben tabu.

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DPA

Staatschef Sarkozy: Pressekonferenzen sind ihm ein Gräuel

Goldene Lüster, schwere Gobelins und barockes Ambiente: Nicolas Sarkozy empfängt zur Pressekonferenz im Festsaal des Élysée und entsprechend gediegen ist der Event in Szene gesetzt. In der Mitte die Laptop-Riege der Medienvertreter, flankiert vom Nadelstreifen-Corps der Botschafter. Neben der Bühne der Premier und eine Auswahl von Lieblingsministern. Der Präsident redet, eingerahmt von der Trikolore und Europaflagge, dahinter das Thema auf blauer Projektionswand: "G20-G8 France 2011, Neue Ideen". Fast wie bei einer Oscar-Verleihung - einen Moment lang wird das Publikum mit Musik eingestimmt.

Dann mimt Sarkozy den Staatschef: Glückwünsche an die Journalisten, Beileid und Anteilnahme für umgekommene Kollegen und Journalisten in Geiselhaft. Und dann 40 Minuten Diskurs zur wirtschaftlichen Lage der Welt, danach Fragen.

Aber nicht irgendwelche. Sarkozy mag Journalisten nicht, Pressekonferenzen sind ihm ein Gräuel, das Élysée-Treffen ist erst das dritte seiner gesamten Amtszeit. Denn die Konfrontation mit den Medien könnte aus dem Ruder laufen, wie 2008 als Sarkozys Regierungsstil vor laufenden Kameras als "gewählte Monarchie" bezeichnet wurde. Von den damaligen Ankündigungen blieb nur das Eingeständnis übrig "Die Kassen sind leer" und die Ankündigung zu seiner italienischen Freundin: "Zwischen Carla und mir ist es was Ernstes." Auch die PR-Übung im Jahr darauf endete als publizistischer Flop.

Es herrscht gerüttelt Misstrauen unter den Franzosen

Diesmal ist der thematische Rahmen daher genau "abgesteckt" - kein Abstieg in die Niederungen der Innenpolitik, keine Fragen zu Skandalen, Pannen, Peinlichkeiten. Um Prioritäten von Weltrang soll es gehen, die Treffen von G8 und G20, die Frankreich gleich in doppelter Präsidentschaft führt, bieten Sarkozy die Rampe, auf der er sich mit Blick auf die Wiederwahl 2012 in Stellung bringt: Ein Staatsmann auf internationalem Parkett, ein Landesvater, der über den parteipolitischen Grabenkämpfen steht, ein gewandter Ökonom.

Deshalb macht Sarkozy jetzt erst mal den Wirtschaftsprofessor, der "in jüngster Zeit viel gelesen hat". Konsultiert hat er auch, Staatschefs, Experten oder Führer von Finanzinstituten und so stellt er fest: "Wenn der G20 legitim bleiben will, muss er effizient sein." Und dafür bedarf es, "konkreter Lösungen für ein zunehmend ungeduldige Öffentlichkeit."

Vor allem die eigene. Denn es herrscht gerüttelt Misstrauen unter den Franzosen, was die wirtschaftliche Kompetenz des Präsidenten angeht: 70 Prozent, so eine Umfrage (BVA-Absoluce-Les Echos-France Info) bewerten die Wirtschaftspolitik des Staatchefs negativ, über 80 Prozent glauben auch nicht, dass es ihm gelingen wird bei Finanzordnung und Rohstoffpreisen den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Dafür hat Sarkozy jetzt aber ein klingendes Motto bereit. Nach dem Abschluss des "kollektiven Nachdenkens" habe man sich geeinigt. "Unsere Ambition ist einfach, 'Neue Welt neue Ideen'." So steht es auch auf der blauen Leinwand hinter dem Präsidenten.

Nach dem Professor kommt der Anwalt

Bevor Sarkozy sich als Retter empfiehlt, breitet er die gigantischen Herausforderungen des täglichen Öko-Horrors aus: Finanzkrise, Spekulationen um Währungen, Öl und andere Rohstoffe, Knappheit von Nahrungsmitteln, dazu Klimawandel, Umweltverschmutzung und Energieknappheit. "4000 Milliarden werden an den Finanzmärkten täglich verschoben", beschwört er mit Tremolo. "Ja die Zahlen haben für unsere Mitbürger keine Bedeutung", sagt Sarkozy beim Blick in die Glaskugel der Abgründe. "Ja, zu den Lösungen komme ich auch noch."

Und bitteschön, manches ist schon geschafft, auch wenn das in der Öffentlichkeit nicht ganz deutlich wurde. (Richtig, das belegen die Umfragen.) Was da war: Die Rettung von Institutionen und Wachstum, Auflagen für Finanzoasen und Banker-Boni. Neu hinzukommen soll ein

  • Kodex für internationale Finanztransfers, aber ohne Kontrolle und mit dem US-Dollar als bleibende Leitwährung
  • eine Steuer für finanzielle Transaktionen
  • eine weltweite Vereinbarung eines Grundstocks sozialer Sicherheiten

Noch Fragen? Ja, aber nicht irgendwelche. Nach dem Professor kommt der Anwalt. Sarkozy, gelernter Rechtsanwalt, antwortet nicht, er plädiert. Und zwar so, als sei jede Journalistenfrage ein Anwurf, jede Bitte um Stellungnahme eine Klageschrift. Kaum hat die Präsidentin des Pressekorps sich erlaubt, die präsidiale Meinung über die korrupten Regime in Nordafrika und Nahost einzuholen, wird die Kollegin von Sarkozy mit ironisch-belehrendem Ton in den Senkel gestellt. Tenor: falsch, das Thema kriegen wir später.

"Sie können denken, was Sie wollen"

Als Tunesien dann zur Sprache kommt formuliert der Präsident ein vorsichtiges Mea culpa: "Wir haben die Hoffnungslosigkeit und das Leiden des tunesischen Volkes nicht richtig eingeschätzt." Seine eigene Sprachlosigkeit angesichts der blutigen Ereignisse erklärt Sarkozy als Beispiel diplomatischer Zurückhaltung und reicht irritierte Schelte für die Kollegin nach: "Sie können denken, was Sie wollen." Schließlich dürfen die Journalisten schreiben - "Ich aber trage die Verantwortung."

Es gebe eben einen Widerspruch zwischen den eigenen Vorstellungen und der Souveränität der anderen Länder, doziert der Staatschef, der im Wahlkampf erklärt hatte, er werde künftig nicht die zivilisatorischen Werte der Republik einer falsch verstandenen Realpolitik opfern. Zu den Konsequenzen der tunesischen Revolte auf die Diktaturen in Nordafrika kann Sarkozy leider nichts sagen, weil "der Präsident der französischen Republik dem Gewicht der Geschichte Rechnung tragen muss, wenn er die Entwicklung dieser Länder bewertet".

Wie der Präsident der französischen Republik die Entwicklung dieser Länder - etwa Tunesiens - noch vor zwei Jahren bewertet hat, lässt sich auf der Internet-Seite des Élysée als Video anschauen: "In Tunesien ist das Klima so angenehm, dass man dort vergisst zu sterben", zitierte Sarkozy Flaubert, bevor er bei seinem zweiten Staatsbesuch im April 2008 das Regime in den Himmel hob - "für seinen Geist der Toleranz".

Sarkozy sagte damals ganz ohne Zurückhaltung an einen lächelnden Gastgeber Ben Ali: "Ihr Land hat sich für die Propagierung von Grundrechten und Grundfreiheiten eingesetzt. Der Raum der Freiheiten nimmt zu, das sind Zeichen, die ich begrüße."

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Fotostrecke
Präsident Sarkozy: Nur die Pose zählt

Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 64,204 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

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