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06. Mai 2012, 22:30 Uhr

Machtwechsel im Elysée

Hollande verspricht den Wandel

Von Stefan Simons, Paris

Zehntausende Menschen feiern an der Bastille in Paris den neuen französischen Präsidenten, zunächst mal ohne François Hollande. Denn der startete in der Provinz in sein neues Amt. Dort beschwor er den "Wandel" und die "Hoffnung" - und zog dann triumphal in der Hauptstadt ein.  

Überschwenglich bedankt sich der künftige Präsident Frankreichs bei seinen Anhängern. In der Nacht kommt François Hollande auf dem Place de la Bastille in Paris an. "Merci, merci à tous", sagt er. Danke an alle. Hollande lässt sich von Zehntausenden Menschen feiern, genießt seinen Auftritt. Seine Fans schwenken Frankreich-Fahnen, klatschen, bejubeln den baldigen Staatschef.

Am Abend hat sich der künftige Präsident Frankreichs noch in seiner Wahl-Heimatstadt Tulle gezeigt. In der Provinz spricht er seine ersten öffentlichen Worte nach dem Wahlsieg. Auf dem mittelalterlichen Platz vor der Kathedrale erklimmt François Hollande das Podium. Tausende sind gekommen, um ihn dort zu hören. Die Menschen jubeln, wollen gratulieren, Hände schütteln.

"Ich werde der Präsident aller sein", ruft er in die Menge. Auch der Präsident derer, die ihn nicht gewählt hätten. Die Anspannung der letzten Monate ist sichtlich von ihm abgefallen - auch wenn er seine Rede vom Blatt ablesen muss. "Ich verpflichte mich, meinem Land zu dienen." Der Wandel beginne "jetzt", verspricht der Sozialist, der am Sonntag einen historischen Wahlsieg errang. "Ich bin so stolz, den Menschen ihre Hoffnung wiedergegeben zu haben."

Neben Hoffnung und Wechsel ist auch Europa zentrales Thema seiner Ansprache. Frankreich stehe vor vielen Herausforderungen, schwierigen Herausforderungen. Er wolle Europa frischen Atem einhauchen, kündigt er an. Sparsamkeit könne nicht schicksalhaft sein, sie müsse sozial abgefedert werden. Hollande betonte die Freundschaft mit Deutschland und kündigte einen "Neustart für Europa" an.

Die Budgetsanierung in Frankreich müsse weitergehen. Justiz und die Jugend mache er zu den Prioritäten seiner Amtszeit. Daran werde er sich am Ende seines Mandats selbst messen. Er wolle, dass "unsere Kinder" ein besseres Leben führen könnten. Am Ende seiner Amtszeit wolle er sich eine Frage stellen: "Habe ich die Sache der Gleichheit vorangebracht?"

Party an der Bastille

Während Hollande zunächst noch in Tulle seinen Sieg genießt, steigt in Paris bereits eine Siegesparty für ihn an der Place de la Bastille. Zehntausende haben sich hier in Feierlaune versammelt. Es dröhnen die Salsa-Rhythmen, zu Füßen der Säule mit dem "Geist der Freiheit" tanzt die PS-Jugend mit "Hollande 2012"-T-Shirts. Über dem Platz liegen dichte Rauchschwaden. Fritten- und Würstchenbuden pusten Duftwolken in die Luft, dazu gibt es Crêpes und Sandwiches. Es ist eine Stimmung wie auf der Wies'n oder bei einer Fußballfeier.

Ganz anders bei den Sarkozy-Anhängern. Als auf dem Riesenschirm im Saal der "Mutualité" um 20 Uhr das Bild des neuen Präsidenten erscheint, machen sich unter den Anhängern des noch amtierenden Präsidenten Enttäuschung, Ungläubigkeit und Tränen breit. Am ehemaligen Gewerkschaftshaus schwankte vor Bekanntgabe des Ergebnisses ein Meer von Trikoloren, mit dem Resultat verstummen die Rufe "Sarkozy, Sarkozy". Am anderen Ufer der Seine steigen an der Bastille Freudenschreie in den Himmel.

Hollande wollte mehr als einen mageren Vorsprung. "Wenn die Franzosen ihre Entscheidung treffen, soll sie klar und deutlich ausfallen, damit derjenige, der das Amt übernimmt, alle Möglichkeiten hat zu agieren", plädierte er zum Abschluss seiner Kampagne: "Beschert mir keinen hauchdünnen Sieg."

Für viele Franzosen, die für den Sozialisten stimmten, war es ein Votum für den aufrechten Abgeordneten aus der Corrèze - für viele andere die Abkehr von der Persönlichkeit und dem Stil des fünf Jahre herrschenden Nicolas Sarkozy. Denn Hollande versprach nicht etwa revolutionäres Aufbegehren, sondern empfahl sich gegenüber seinem hyperaktiven Vorgänger als angehender, gewissenhafter Geschäftsführer der Nation. Und umgab sich dazu mit einer Riege verlässlicher Fachleute.

Frankreich hatte genug von Sarkozy

In erster Linie gewinnt der Sozialist, weil der Wunsch nach Wandel nach 17 Jahren konservativer Regierung greifbar war. Nach einer Amtszeit im Elysée und zuvor zehn Jahren Machtteilhabe als Budget- und Innenminister, gelang es Sarkozy nicht, sich, wie 2007, als frischer, unverbrauchter Newcomer darzustellen. Auch der Vorteil der außenpolitischen Erfahrung erwies sich nicht als durchschlagendes Argument. Die Hilfestellung von US-Präsident Barack Obama beim G-20-Gipfel in Cannes oder bei der jüngsten Schaltkonferenz, bei der Sarkozy seinem Kollegen ein fröhliches "Wir gewinnen gemeinsam" zurief, verpufften als durchsichtige PR-Manöver. Genauso wenig nützte die Ankündigung von Kanzlerin Angela Merkel, ihren Pariser Partner bei Wahlkampfauftritten persönlich zu unterstützen.

Die Ablehnung gegen seine oszillierende Persönlichkeit überwog - Sarkozy kam nicht mehr als visionärer Staatschef rüber, sondern als ideologischer Wendehals, der seine Meinungen an den schwankenden Umfragewerten orientierte. Sein Wahlkampf zielte auf Spaltung, Tabubruch, Gegensätze. Und sein statisches Motto "Das starke Frankreich", erwies sich angesichts von Sarkozys Bilanz als wenig einleuchtendes Versprechen.

Nach dem Freund der Reichen, dem Bling-Bling-Staatschef im Elysée, bezieht jetzt also der "normale Präsident" die Büros im Stadtpalais an der Rue Sainte Honoré: für Hollande ein persönlicher Triumph. Denn der Sozialist kam erst aufs Spielfeld, nachdem sich Dominique Strauss-Kahn, Ex-Chef des Internationalen Währungsfonds, durch seine Sexaffäre aus dem Rennen katapultiert hatte. Auch im linken Lager wurde Hollande lange unterschätzt: Als unentschlossener "Wackelpudding", als "Kapitän eines Tretboots" in Zeiten stürmischer Finanz- und Wirtschaftskrisen.

Hollandes Ankündigung eines Wandels fasst die Hoffnung auf mehr Gerechtigkeit und weniger Vetternwirtschaft zusammen. Der Appell an die Geschlossenheit, an Zusammenrücken und Solidarität passt zur Krisenstimmung. Und das Gelöbnis als menschelnder Landesvater so normal zu sein wie als Kandidat, verspricht den Franzosen die Rückkehr zur Rolle eines würdigen Monarchen an der Spitze der Republik.

Die Konservativen, die sich plötzlich in der Rolle der Opposition wiederfinden, steuern an diesem Abend bereits auf die nächste Runde zu - die Parlamentswahlen Anfang Juni. "Es ist nicht gut, wenn die gesamte Verantwortung eines Landes - Kantone, Städte und Regionen - in den Händen einer Partei ist", warnt Alain Juppé. Und will den nächsten Urnengang damit zur demokratischen Revanche stilisieren.

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