Machtwechsel im Elysée: Hollande verspricht den Wandel

Von , Paris

Zehntausende Menschen feiern an der Bastille in Paris den neuen französischen Präsidenten, zunächst mal ohne François Hollande. Denn der startete in der Provinz in sein neues Amt. Dort beschwor er den "Wandel" und die "Hoffnung" - und zog dann triumphal in der Hauptstadt ein.  

François Hollande: Triumph bei der Präsidentschaftswahl Fotos
Getty Images

Überschwenglich bedankt sich der künftige Präsident Frankreichs bei seinen Anhängern. In der Nacht kommt François Hollande auf dem Place de la Bastille in Paris an. "Merci, merci à tous", sagt er. Danke an alle. Hollande lässt sich von Zehntausenden Menschen feiern, genießt seinen Auftritt. Seine Fans schwenken Frankreich-Fahnen, klatschen, bejubeln den baldigen Staatschef.

Am Abend hat sich der künftige Präsident Frankreichs noch in seiner Wahl-Heimatstadt Tulle gezeigt. In der Provinz spricht er seine ersten öffentlichen Worte nach dem Wahlsieg. Auf dem mittelalterlichen Platz vor der Kathedrale erklimmt François Hollande das Podium. Tausende sind gekommen, um ihn dort zu hören. Die Menschen jubeln, wollen gratulieren, Hände schütteln.

"Ich werde der Präsident aller sein", ruft er in die Menge. Auch der Präsident derer, die ihn nicht gewählt hätten. Die Anspannung der letzten Monate ist sichtlich von ihm abgefallen - auch wenn er seine Rede vom Blatt ablesen muss. "Ich verpflichte mich, meinem Land zu dienen." Der Wandel beginne "jetzt", verspricht der Sozialist, der am Sonntag einen historischen Wahlsieg errang. "Ich bin so stolz, den Menschen ihre Hoffnung wiedergegeben zu haben."

Neben Hoffnung und Wechsel ist auch Europa zentrales Thema seiner Ansprache. Frankreich stehe vor vielen Herausforderungen, schwierigen Herausforderungen. Er wolle Europa frischen Atem einhauchen, kündigt er an. Sparsamkeit könne nicht schicksalhaft sein, sie müsse sozial abgefedert werden. Hollande betonte die Freundschaft mit Deutschland und kündigte einen "Neustart für Europa" an.

Die Budgetsanierung in Frankreich müsse weitergehen. Justiz und die Jugend mache er zu den Prioritäten seiner Amtszeit. Daran werde er sich am Ende seines Mandats selbst messen. Er wolle, dass "unsere Kinder" ein besseres Leben führen könnten. Am Ende seiner Amtszeit wolle er sich eine Frage stellen: "Habe ich die Sache der Gleichheit vorangebracht?"

Party an der Bastille

Während Hollande zunächst noch in Tulle seinen Sieg genießt, steigt in Paris bereits eine Siegesparty für ihn an der Place de la Bastille. Zehntausende haben sich hier in Feierlaune versammelt. Es dröhnen die Salsa-Rhythmen, zu Füßen der Säule mit dem "Geist der Freiheit" tanzt die PS-Jugend mit "Hollande 2012"-T-Shirts. Über dem Platz liegen dichte Rauchschwaden. Fritten- und Würstchenbuden pusten Duftwolken in die Luft, dazu gibt es Crêpes und Sandwiches. Es ist eine Stimmung wie auf der Wies'n oder bei einer Fußballfeier.

Ganz anders bei den Sarkozy-Anhängern. Als auf dem Riesenschirm im Saal der "Mutualité" um 20 Uhr das Bild des neuen Präsidenten erscheint, machen sich unter den Anhängern des noch amtierenden Präsidenten Enttäuschung, Ungläubigkeit und Tränen breit. Am ehemaligen Gewerkschaftshaus schwankte vor Bekanntgabe des Ergebnisses ein Meer von Trikoloren, mit dem Resultat verstummen die Rufe "Sarkozy, Sarkozy". Am anderen Ufer der Seine steigen an der Bastille Freudenschreie in den Himmel.

Hollande wollte mehr als einen mageren Vorsprung. "Wenn die Franzosen ihre Entscheidung treffen, soll sie klar und deutlich ausfallen, damit derjenige, der das Amt übernimmt, alle Möglichkeiten hat zu agieren", plädierte er zum Abschluss seiner Kampagne: "Beschert mir keinen hauchdünnen Sieg."

Für viele Franzosen, die für den Sozialisten stimmten, war es ein Votum für den aufrechten Abgeordneten aus der Corrèze - für viele andere die Abkehr von der Persönlichkeit und dem Stil des fünf Jahre herrschenden Nicolas Sarkozy. Denn Hollande versprach nicht etwa revolutionäres Aufbegehren, sondern empfahl sich gegenüber seinem hyperaktiven Vorgänger als angehender, gewissenhafter Geschäftsführer der Nation. Und umgab sich dazu mit einer Riege verlässlicher Fachleute.

Frankreich hatte genug von Sarkozy

In erster Linie gewinnt der Sozialist, weil der Wunsch nach Wandel nach 17 Jahren konservativer Regierung greifbar war. Nach einer Amtszeit im Elysée und zuvor zehn Jahren Machtteilhabe als Budget- und Innenminister, gelang es Sarkozy nicht, sich, wie 2007, als frischer, unverbrauchter Newcomer darzustellen. Auch der Vorteil der außenpolitischen Erfahrung erwies sich nicht als durchschlagendes Argument. Die Hilfestellung von US-Präsident Barack Obama beim G-20-Gipfel in Cannes oder bei der jüngsten Schaltkonferenz, bei der Sarkozy seinem Kollegen ein fröhliches "Wir gewinnen gemeinsam" zurief, verpufften als durchsichtige PR-Manöver. Genauso wenig nützte die Ankündigung von Kanzlerin Angela Merkel, ihren Pariser Partner bei Wahlkampfauftritten persönlich zu unterstützen.

Die Ablehnung gegen seine oszillierende Persönlichkeit überwog - Sarkozy kam nicht mehr als visionärer Staatschef rüber, sondern als ideologischer Wendehals, der seine Meinungen an den schwankenden Umfragewerten orientierte. Sein Wahlkampf zielte auf Spaltung, Tabubruch, Gegensätze. Und sein statisches Motto "Das starke Frankreich", erwies sich angesichts von Sarkozys Bilanz als wenig einleuchtendes Versprechen.

Nach dem Freund der Reichen, dem Bling-Bling-Staatschef im Elysée, bezieht jetzt also der "normale Präsident" die Büros im Stadtpalais an der Rue Sainte Honoré: für Hollande ein persönlicher Triumph. Denn der Sozialist kam erst aufs Spielfeld, nachdem sich Dominique Strauss-Kahn, Ex-Chef des Internationalen Währungsfonds, durch seine Sexaffäre aus dem Rennen katapultiert hatte. Auch im linken Lager wurde Hollande lange unterschätzt: Als unentschlossener "Wackelpudding", als "Kapitän eines Tretboots" in Zeiten stürmischer Finanz- und Wirtschaftskrisen.

Hollandes Ankündigung eines Wandels fasst die Hoffnung auf mehr Gerechtigkeit und weniger Vetternwirtschaft zusammen. Der Appell an die Geschlossenheit, an Zusammenrücken und Solidarität passt zur Krisenstimmung. Und das Gelöbnis als menschelnder Landesvater so normal zu sein wie als Kandidat, verspricht den Franzosen die Rückkehr zur Rolle eines würdigen Monarchen an der Spitze der Republik.

Die Konservativen, die sich plötzlich in der Rolle der Opposition wiederfinden, steuern an diesem Abend bereits auf die nächste Runde zu - die Parlamentswahlen Anfang Juni. "Es ist nicht gut, wenn die gesamte Verantwortung eines Landes - Kantone, Städte und Regionen - in den Händen einer Partei ist", warnt Alain Juppé. Und will den nächsten Urnengang damit zur demokratischen Revanche stilisieren.

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Forum - Frankreich nach der Wahl - was ändert sich?
insgesamt 476 Beiträge
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1. schlau genig
ray4912 06.05.2012
Zitat von sysopFrankreich steht vor einem Wechsel im Elysée-Palast. Alle Umfragen deuten auf einen Sieg François Hollandes hin. Wie wird Frankreich sich durch diese Wahl ändern? Und was bedeutet sie für Europa und im Besonderen für das deutsch-französische Verhältnis?
Sparen war mal, aber ob das wirklich so schlecht ist?? Die Kanzlerin wird auch für die neue Situation eine Formel finden, bei der auf sie selbst ein gutes Licht fällt. Die deutsche "Hegemonie" als Imagefaktor bleibt. 2013 naht ja schliesslich mit Riesenschritten. Schleswig zeigt in diesen Minuten, wie das etwa aussehen könnte (einfach die Linke anstelle der "Dänen" einsetzen). Weil die SPD auch nicht effizient performt, stehen ihre Chancen nicht mal schlecht.
2.
eigentlicher_Schwan 06.05.2012
Zitat von sysopFrankreich steht vor einem Wechsel im Elysée-Palast. Alle Umfragen deuten auf einen Sieg François Hollandes hin. Wie wird Frankreich sich durch diese Wahl ändern? Und was bedeutet sie für Europa und im Besonderen für das deutsch-französische Verhältnis?
Hollande hatte ja versprochen, Fessenheim stillzulegen. Damit entfiele ein potentieller Grund für ein Zerwürfnis, das wäre gut.
3.
peat53 06.05.2012
und für die Franzosen auch. Sarkozy der sich von Ghadaffis Milliarden sicher eine dicke Scheibe abgeschnitten hat, hat jetzt mehr Zeit für seine Carla und Baby und kann sich nicht mehr als Mini-Napoleon aufführen und den Ölbaron spielen. Der gehörte nach Den Haag und all seine Konten überprüft. Wenn man Merkel und ihn zusammen sah, schnürte es mir immer den Magen zusammen.
4. Nein zum teutonischen Spardiktat
68bella68 06.05.2012
Wie es aussieht entscheiden sich die Franzosen und die Griechen heute gegen das deutsche Spardiktat, das Griechenland zum Drittweltland verarmte und die Länder Europas in die Rezession treibt. Besonders erfreulich ist, dass nach der Abwahl von Sarkozy dieser bald vor Gericht gestellt werden wird: Jetzt wird bald herauskommen, das Sarkozy sich seinen letzten Wahlkampf von Gaddafi finanzieren lies und bei einer Geheimdienstoperation 5 Franzosen ums Leben kamen. Sehr peinlich für Frau Merkel dass sie einen Ganoven zum Freund hatte, wahrscheinlich nicht den einzigen...
5. Was ändert sich? Nicht viel...
OlMan 06.05.2012
Zitat von sysopFrankreich steht vor einem Wechsel im Elysée-Palast. Alle Umfragen deuten auf einen Sieg François Hollandes hin. Wie wird Frankreich sich durch diese Wahl ändern? Und was bedeutet sie für Europa und im Besonderen für das deutsch-französische Verhältnis?
..denn die französischen Sozialisten kann man nicht mit deutschem Maß messen. Ich erinnere mich noch an die Wahlkämpfe zu den französischen Präsidentschaftswahlen von 1974, wo bei einem Sieg des Sozialisten Mitterand die Horrorvision entstand, dass im Falle eines Wahlsieges von Mitterrand Paris zu einem neuen Gulag mit sowjetischen Panzern auf den Champs-Elysees werden würde. Er verlor. Am 10. Mai 1981 konnte er sich schließlich durchsetzen und wurde vierter Präsident der Fünften französischen Republik, übrigens das erste und bislang einzige sozialistische Staatsoberhaupt Frankreichs. Die anfangs befürchteten linken Weltverbesserungen traten nicht ein, denn der Sozialist Mitterand wurde sehr schnell von der Wirklichkeit eingeholt und musste erkennen, dass er so gut wie keine seiner sozialistischen Vorstellungen verwirklichen konnte. Auf dem Feld der Innenpolitik wurde er rechtsradikaler als die damals aufkommende Partei Front National, so schuf er 1982 eine Anti-Terror-Zelle, die außerhalb der gesetzlich zuständigen nationalen Polizei agierte, außenpolitisch beteiligte sich Frankreich an der Seite der USA am Einmarsch in den Libanon und lehnte Einbeziehung der französischen Atomwaffen in die Genfer Abrüstungsverhandlungen ab. Die Versenkung des Greenpeaceschiffs Rainbow Warrior I durch einen Bombenanschlag mit der Tötung eines Journalisten ging auf die Operation "Satanique" des französischen Geheimdienstes mit der Billigung von Mitterand zurück. Wirtschaftlich setzte er zusammen Jacques Delors (meine Erinnerung) eine strenge Führung des öffentlichen Haushaltes bei gleichzeitiger Politik der Einschränkung laufender Ausgaben im öffentlichen und privaten Bereich durch. Das er dabei auch noch Europa entdeckte und sich hier finanzielle Unterstützung versprach, sei nur noch am Rande erwähnt. So wie ich die Franzosen kennen und lieben gelernt habe, wird auch ein Hollande den gleichen Weg gehen.
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Staatsoberhaupt:
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