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11. Januar 2013, 18:53 Uhr

Offensive in Westafrika

Frankreich hilft Mali im Kampf gegen Islamisten

Jetzt ist es offiziell: Französische Soldaten kämpfen an der Seite der Regierungstruppen in Mali. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE handelt es sich um Elitekräfte, die die Offensive gegen die islamistischen Rebellen unterstützen. Auch die Luftwaffe ist im Einsatz.

Paris/Bamako - Frankreichs Soldaten sind seit Freitagnachmittag aktiv an den Kämpfen im westafrikanischen Mali beteiligt. Das gab der französische Präsident François Hollande am Freitagabend bekannt. Die Kräfte unterstützen die Regierungstruppen im Kampf gegen islamistische Einheiten. Ziel sei es, die Armee des Landes beim Kampf gegen "terroristische Elemente" zu unterstützen, so Hollande in Paris. "Dieser Einsatz wird so lange dauern wie nötig", fügte er hinzu.

In der Nacht von Freitag auf Samstag erklärte ein Sprecher der malischen Armee, dass die Streitkräfte des Landes mit Unterstützung Frankreichs in Konna eingerückt seien, eine strategisch wichtige Stadt im Norden. "Die malische Armee hat Konna mit Hilfe unserer militärischen Partner zurückerobert. Wir sind jetzt da", sagte der Sprecher.

Außenminister Laurent Fabius hatte früher am Freitag einen Angriff der französischen Luftwaffe in Mali bestätigt. Der lokale Kommandeur der malischen Armee sagte SPIEGEL ONLINE, der Luftschlag sei gegen 16 Uhr Ortszeit erfolgt. Dieser habe einer Stellung der Rebellen nahe der Stadt Konna rund 40 Kilometer nördlich von Sevare gegolten, wo die malischen und französischen Truppen stationiert sind.

Mit moderner Technik sollen die französischen Soldaten sicherstellen, dass die malischen Truppen die strategisch wichtigen Städte Sevare und Mopti halten können. Die Gegend gilt als Brücke vom Norden nach Zentralmali. Dazu brachten die Franzosen nach Angaben von lokalen Militärs Überwachungstechnik mit nach Mali.

Beim Einsatz der Truppen in Mali will Frankreich auch zwei im Norden des Landes entführte französische Geiseln befreien. Frankreich werde "alles tun", um diese zu retten, sagte Fabius am Freitagabend. Der Außenminister fügte hinzu, dass dieselben terroristischen Gruppen, die aktuell Richtung Süden vorstießen, auch die Geiseln gefangen hielten. Die beiden Franzosen sind seit November 2011 in den Händen der Islamisten.

Malis Interimspräsident Traoré Dioncounda hat am Freitagabend in dem westafrikanischen Wüstenstaat den Ausnahmezustand verkündet. Dioncounda erklärte, die Islamisten hätten die Regierung zum Krieg gezwungen. Die Armee werde nun "erdrückende und massive Vergeltung" üben. Die Situation an der Front sei im wesentlichen "unter Kontrolle", versicherte Traoré. Er rief die Bevölkerung zu einer "Generalmobilmachung" zur Unterstützung der Armee auf, um sich dem Vormarsch der Rebellen entgegenzustellen.

Vorstöße der Islamisten stoppen

Bei den Soldaten aus Frankreich handelt es sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE um ein Team von französischen Elitekriegern, es sollen 20 bis 30 Männer sein. Sie unterstützen nach Angaben des lokalen Kommandeurs der malischen Armee bereits seit Donnerstagabend den Kampf der notorisch schlecht ausgerüsteten Regierungseinheiten. Diese fehlen funktionierende Kommando- und Kommunikationsstrukturen. Am Donnerstag waren die Truppen von einem Vorstoß der islamistischen Rebellen überrascht und in der Stadt Konna überrannt worden.

Ziel der französischen Operation ist zunächst, weitere Vorstöße der Islamisten in Richtung Süden zu stoppen, eine Offensive gegen die Kämpfer von drei koalierenden Gruppen in Nordmali erscheint mehr als unwahrscheinlich. Die Zahl der französischen Soldaten ist zu gering, das Risiko, das mit Bodenoperationen von ausländischen Kräften verbunden wäre, zu groß. "Angestrebt ist eine Stabilisierung der Lage, kein Krieg gegen die Islamisten", sagte ein eingeweihter EU-Diplomat in der Hauptstadt Bamako.

Angeblich Soldaten aus dem Niger und Burkina Faso auf dem Weg

Mehrere Bewohner von Sevare hatten SPIEGEL ONLINE bereits am Freitagmorgen per Telefon berichtet, sie hätten französische Spezialkräfte gesehen. Die Stadt wurde vom Militär für Journalisten komplett abgeriegelt.

Zusätzlich zu den französischen Soldaten sollen nach malischen Militärangaben auch Soldaten aus dem Niger und Burkina Faso auf dem Weg in die Krisenregion sein. Auf einer Pressekonferenz in der Hauptstadt Bamako teilten hochrangige Offiziere mit, noch in der Nacht würden zusätzliche Kräfte aus Burkina Faso erwartet. Zudem sammelten sich Truppen an der nigrischen Grenze, die direkt an dem von den Islamisten kontrollierten Gebiet liegt.

Wie verlässlich diese Angaben sind, ist schwer einzuschätzen, das Militär hatte in den vergangenen Tagen trotz der desolaten Lage an der Grenze zum Islamisten-Gebiet mehrmals Erfolgsmeldungen verbreiten lassen, die sich kurz darauf aber als pure Propaganda herausstellten.

Bereits am Vormittag hatte Hollande angekündigt, dass Frankreich der Bitte der malischen Regierung um Militärhilfe gegen die Rebellen nachkommen werde, aber nur "streng im Rahmen" der Beschlüsse des Uno-Sicherheitsrats gemeinsam mit anderen Staaten. Das Parlament werde sich ab Montag mit dem Einsatz befassen.

EU-Militärausbilder für Mali

Frankreich hatte seine außenpolitischen Partner über die Entsendung der Truppen vorab unterrichtet, am Donnerstagabend telefonierten deswegen auch Außenminister Guido Westerwelle und sein französischer Kollege Fabius ausführlich. Westerwelle betonte nach Hollandes Statement, Frankreich handele auf Bitte der malischen Regierung und auf Grundlage des Völkerrechts. "Die radikalen Rebellengruppen müssen endlich ihre Angriffe auf die Integrität des malischen Staates einstellen", forderte Westerwelle.

Über den Start des angepeilten Ausbildungsprogramms der EU für die malische Armee äußerte sich der Minister betont zurückhaltend. Die Entscheidung über die "europäischen Planungen über eine mögliche künftige Ausbildungsmission", so Westerwelle, sei von dem französischen Vorstoß nicht berührt.

Die Außenbeauftragte Catherine Ashton kündigte an, die Planungen der Europäische Union (EU) für die Entsendung von rund 200 Militärausbilder nach Mali möglicherweise zu beschleunigen. Die EU hatte bereits Ende November 2012 einen Operationsplan verabschiedet, der eine Ausbildungshilfe für die malische Armee skizziert.

Das Konzept sieht vor, die Ausbilder innerhalb der ersten drei Monate dieses Jahres nach Mali zu schicken. Stationiert werden sollen sie nahe der zentralmalischen Stadt Ségou. Dort hatten die Bundeswehr bis zum Militärputsch im März 2012 bereits eine kleine Pionierschule unterhalten.

Für die EU-Mission gibt es nach Angaben von Diplomaten jedoch noch einige Hürden. So wünscht man sich in Europa, dass die malische Führung einen glaubhaften Plan für freie Wahlen vorlegt und auch die Führung des Militärs neu ordnet, das bisher von den Anführern des Putsches geleitet wird.

Deutsche sollen Mali verlassen

Die Bundesregierung empfahl den deutschen Bürgern, Mali zu verlassen. Jeder, dessen Aufenthalt in dem westafrikanischen Land nicht unbedingt erforderlich sei, solle es verlassen, teilte das Auswärtige Amt mit. Vor Reisen nach Mali wurde bis auf weiteres gewarnt.

Die Islamisten beherrschen bereits seit Monaten Nordmali und kontrollieren zwei Drittel der Landesfläche. Sie hatten das Gebiet nach einem Militärputsch im März erobert und dort eine strenge Auslegung der Scharia eingeführt.

SPIEGEL-ONLINE-Reporter Matthias Gebauer berichtet aus der Region Sevare in Zentralmali. Mit Material von dpa, Reuters und dapd.

Mit Material von dpa/AFP/Reuters/AP

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