Sarkozy und der Toulouse-Terror Stunde des Staatsmanns

Frankreich ist geschockt von der Mordserie in Toulouse und Montauban, offiziell ruht der Wahlkampf. Doch Präsident Sarkozy meistert die Rolle des trauernden Staatschefs mit Bravour, wirkt wie ausgewechselt - sein sozialistischer Herausforderer Hollande kommt kaum noch vor.

Staatschef Sarkozy: Der Präsident ist überall, der Herausforderer geht unter
AFP

Staatschef Sarkozy: Der Präsident ist überall, der Herausforderer geht unter

Von , Paris


Sarkozy mit beinahe brechender Stimme vor der hebräischen Schule Ozar-Hatorah von Toulouse, Sarkozy gramgebeugt an den Särgen der Opfer vor deren Überführung nach Israel. Sarkozy am Nachmittag bei den evakuierten Bürgern und am Krankenbett verletzter Sicherheitskräfte, Sarkozy in Montauban bei der Trauerfeier für die heimtückisch ermordeten Militärs - mit ernsten Worten über "die Mission unserer Soldaten, die für Frankreich sterben", die Trikolore auf Halbmast.

Seit dem Anschlag von Toulouse steht Frankreichs Staatschef fortlaufend im Rampenlicht und erscheint - einmal mehr - wie ausgewechselt. Gerade erst hatte Nicolas Sarkozy das förmlich-steife Protokoll des Präsidenten gegen die schweißgetränkte Nahkampfuniform des Polit-Kandidaten eingetauscht; doch nach dem furchtbaren Blutbad hat der erste Repräsentant der Republik zurückgefunden zum Gestus von Bescheidenheit, Takt, Trauer.

Wahlkampf? Präsidentenkampagne? Fabrikbesuche, Reisen in die Provinz, Ankündigungen, Appelle, Ansprachen? Vorerst ausgesetzt, pausiert, verschoben: Die Öffentlichkeit erlebt den bissigen Hyper-Sarkozy der vergangenen Woche als würdigen und ernsten Vertreter der Nation.

Der Rest des politischen Personals tut sich schwer mitzuhalten. Vor allem François Hollande, der Herausforderer der Sozialistischen Partei (PS), hat alle Mühe, neben der TV-Dauerpräsenz des Präsidenten Flagge zu zeigen.

Das Entsetzen des politischen Spitzenpersonals über die schrecklichen Morde ist mit Sicherheit echt. Gleichwohl wird man das Gefühl nicht los, dass trotz aller Trauer ein Rennen von Hase und Igel stattfindet: Sarkozy lädt die Spitzen der jüdischen und muslimischen Verbände zum Gespräch in den Elysée? Hollande zeigt sich mit Rabbinern und Imamen. Sarkozy verbringt die von ihm angeordnete Schweigeminute im Kreis jüdischer Schüler? Hollande besucht zugleich ein Gymnasium in Pré-Saint-Gervais. Sarkozy bei der Trauerfeier in Montauban? Auch Hollande ist zur Stelle.

Allerdings geht die Anwesenheit des PS-Promis in der Menge der anderen Spitzenkandidaten unter, denn auch Jean-Luc Melanchon von der Linken ist vor Ort, Grünen-Kandidatin Eva Joly und Souveränist Dupont Aignan, sowie Marine Le Pen, Chefin der Rechtsradikalen.

Hollande bleibt stets im Windschatten des Präsidenten. Der Sozialist verschob nicht nur ein Wahlkampf-Großereignis in Rennes, sondern verzichtete auch auf ein wichtiges TV-Interview beim Privatsender "Canal+". Gleichwohl wirken diese Gesten kaum. Seine Auftritte als Präsident "in spe" unterstreichen, dass der Sozialist eben nur Herausforderer und ein Oppositionskandidat unter vielen ist. "Hollande ist in die Falle Sarkozys getappt", kommentiert der Nouvel Observateur auf seiner Internet-Seite.

Sarkozys fataler Negativ-Eindruck könnte nach den Attentaten vorüber sein

Das dürfte stimmen. Das Scheinwerferlicht bleibt stets dem Staatschef vorbehalten: Und der zeigt sich in der Rolle des Protektors der Republik, als Mann von Recht, Ordnung und Sicherheit. Sarkozys neue, präsidiale Kleider dienen auch dem Wahlkämpfer Sarkozy.

Denn der in den Umfragen lange zurückliegende Staatschef hatte erst durch einen beinharten Wahlkampf und persönlich gefärbte Attacken gegen Hollande zu seinem PS-Konkurrenten aufgeschlossen. Bei der Offensive, gekennzeichnet von einem deutlichen Ruck nach Rechts, hatte allerdings auch Sarkozys Bild als überparteilicher Politiker kräftig Schaden genommen. Gegenüber Sozialist Hollande, der als volksnaher Kandidat "aller Franzosen", als Mann der Einheit und der Solidarität daherkam, wirkte Sarkozy hart, spaltend, polarisierend, seine Kampagne "hitzig" oder gar "brutal".

Der fatale Negativ-Eindruck könnte nach den Attentaten vorüber sein, zumindest aber abgeschwächt werden. So offen mag niemand am Wahlkampf-Hauptquartier des Staatschefs diesen Effekt einräumen, denn dort will keiner den Eindruck erwecken, die tragischen Ereignisse könnten Sarkozy in die Hände spielen. "Schlimmstenfalls hat es keinen Einfluss, bestenfalls jedoch einen positiven Effekt", zitiert das Linksblatt "Libération" einen Minister. Und folgert: "Natürlich wird es niemand unter den Rechten offen zugeben, aber das alles nutzt auch dem Kandidaten."

Vielleicht aber nicht ihm allein. Denn die rechtsextreme Marine Le Pen setzt bereits an, um aus den Vorfällen politisches Kapital zu schlagen. Seit klar ist, dass der Attentäter ein Franzose algerischen Ursprungs ist, wettert die FN-Chefin wider den Staatschef und rügt, dass "die islamisch-fundamentalistische Bedrohung in unserem Land unterschätzt worden ist". Le Pen, die in den Wahlprognosen seit geraumer Zeit bei rund 17 Prozent stagniert, freut sich bereits, dass "das Thema Sicherheit ab sofort wieder Teil der Präsidentschaftskampagne ist".

insgesamt 8 Beiträge
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KnoKo 21.03.2012
1. "Stunde des Staatsmanns" oder "Stunde des Schauspielers"?
Es wäre nicht das erste mal, dass ein mit dem Rücken zur Wand stehender Wahlkämpfer versucht, aus einem einschneidendes Ereignis Kapital zu schlagen.
goldt 21.03.2012
2. Ekelhaft...
Zitat von sysopAFPFrankreich ist geschockt von der Mordserie in Toulouse und Montauban, offiziell ruht der Wahlkampf. Doch Präsident Sarkozy meistert die Rolle des trauernden Staatschefs mit Bravour, wirkt wie ausgewechselt - sein sozialistischer Herausforderer Hollande kommt kaum noch vor. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822870,00.html
...wie Politik auf dem Rücken der Opfer betrieben wird. Der schreibenden Zunft fällt natürlich auch nichts besseres ein, als über den "Nutzeffekt" dieser Morde zu schreibseln...
cibag 21.03.2012
3. Große Gesten?
Ohne an seiner ehrlichen Anteilnahme zu zweifeln, wird er dadurch trotz-dem nicht über Nacht zu einem engagierteren Politiker. In solch einer Situation sollte es auch ihm nicht sonderlich schwer fallen, die Menschen vermeintlich für sich einzunehmen.
seine-et-marnais 21.03.2012
4. Takt, Trauer, und danach?
Zitat von sysopAFPFrankreich ist geschockt von der Mordserie in Toulouse und Montauban, offiziell ruht der Wahlkampf. Doch Präsident Sarkozy meistert die Rolle des trauernden Staatschefs mit Bravour, wirkt wie ausgewechselt - sein sozialistischer Herausforderer Hollande kommt kaum noch vor. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822870,00.html
Ich bin bestimmt kein Freund von Sarkozy, aber er ist Praesident, und da spielt er eine andere Rolle als ein anderer Politiker, auch wenn der aussichtsreicher Kandidat ist. Im uebrigen, die Bestimmung dass im Wahlkampf alle Kandidaten zeitgleich im TV auftreten ist zur Zeit ausgesetzt, hat jedoch das Fernsehen sehr wohl ueber Hollande oder Bayrou bei Auftritten in Schulen berichtet. Es haben auch 6 Kandidaten bei den Trauerfeiern in Montauban teilgenommen. Man kann also beileibe nicht sagen dass Hollande 'kaum noch vorkommt'. Inwieweit dieses tragische Ereignis Auswirkungen auf die Wahlen hat kann man wohl im Moment nicht sagen. Vor allem weil im Wahlkampf Wirtschaftsfragen, Einkommensfragen und die Arbeitslosigkeit eine grosse Rolle spielen. Nur die Frage ueber die Sicherheits-, Einwanderungs- und Eingliederungspolitik wird mit Sicherheit in Zukunft eine groessere Rolle spielen. Hier gibt es, bei der PS seit Jahren einen Unterschied zwischen der Einschaetzung der PS-Politiker in den Kommunen die taeglich mit diesen Problemen konfrontiert sind, und der PS-Spitze mit einem gewissen Angelismus. Der ist ja vor einigen Jahren einem Jospin zum Verhaengnis geworden. Dass jetzt das gleiche wie 2002 passiert und Le Pen kurzfristig von dieser Schlaechterei profitiert denke ich nicht. Aber langfristig geht kein Weg daran vorbei Ordnung in gewisse Stadtteile zu bringen. Wenn dort nicht nur Polizisten, sondern auch Feurwehrmaenner, Postboten, Aerzte oder Krankenschwestern angegriffen werden, dann kann dies nicht laenger geduldet werden. Wenn Kleinkriminelle sorglos Karriere machen weil sie das eine oder andere Problem haben, das hat auch die Mehrheit der Bevoelkerung die deswegen nicht kriminell wird, dann geht das nicht. Wenn das Schulsystem zusammenbricht weil man in der Schule nicht mehr fuer Ordnung sorgen kann, man koennte ja irgendeinem aus irgendeienem Grund 'wehtun' und wenn es nur um die Einhaltung einer gewissen Disziplin geht, wie soll dann in Zukunft unsere Gesellschaft aussehen. Wenn der Staat nur noch als ein Institut angesehen wird das man abzocken kann, und ansonsten moechte man doch gerne in einer Parallelgesellschaft nach eigenen Normen leben, dann geht das nicht. Ich habe mit Schrecken die Beitraege von einigen Personen gelesen die einfach nicht glauben wollen dass ein Fall wie dieser moeglich ist. Dabei sehen wir hier in Frankeich tagtaeglich die Kleinkriminalitaet, die Banden, dieses 'hier komme ich und jetzt will ich' Verhalten. Ich denke fuer die Parteien ist es hoechste Zeit diese angesprochenen Probleme zu diskutieren, denn ein Effekt ist untergegangen in der Berichterstattung, in Montauban war Marine Le Pen dabei, ganz wie die anderen, der FN ist jetzt, in Frankreich sagt man banalisiert, das heisst, er gehoert dazu, wie die UMP oder der PS. Der FN ist nicht mehr das Schmuddelkind das man ausschliessen kann. Hoechste Zeit dass sich da die Parteien aufraffen, das gilt auch fuer Deutschland.
geronimo49 22.03.2012
5. Nach tragischen Ereignissen
Zitat von sysopAFPFrankreich ist geschockt von der Mordserie in Toulouse und Montauban, offiziell ruht der Wahlkampf. Doch Präsident Sarkozy meistert die Rolle des trauernden Staatschefs mit Bravour, wirkt wie ausgewechselt - sein sozialistischer Herausforderer Hollande kommt kaum noch vor. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822870,00.html
wie die in Toulouse sehen wir ueberall auf der Welt aehnliche Szenen unserer Betroffenheitspilitiker. Dieser Fall duerfte Sarkozy allerdings hart auf die Fuesse fallen, denn gerade er, der keine Moeglichkeit auslaesst nach dem starken Staat zu rufen und selbst vor der Benutzung von Hochdrueckreinigern nicht zurueckschreckt, wird einiges erklaeren muessen. Sein Geheimdients und die Polizei hat hier ganz offensichtlich versagt, denn der Moerder ist seit langer Zeit bekannt, einschlaeigig vorbestraft und wurde sogar vom Geheimdienst ueberwacht und verhoert. Jetzt wird es nicht mehr ausreichen flotte Sprueche zu klopfen, sondern jetzt gehoeren Personen ausgetauscht, die offensichtlich ihre Arbeit nicht sorgfaeltig gemacht haben. Dass der Moerder nach 24 Stunden immer noch in seiner Wohnung sitzt, ist schwer nachvollziehbar, da nuetzt alles staatstragende Gehabe nichts, den Eltern und Angehoerigen der Ermordeten hilft das nicht. Das Kind ist in den Brunnen gefallen und der Staat und seine Sicherheitseinrichtungen haben versagt, der FN wird sich freuen. Sarkos Fischen am rechten Rand duerfte nach hinten losgehen.
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