Sarkozy vor der Stichwahl Hohn für einen Gernegroß

Frankreichs Medien haben den Staatspräsidenten vor der entscheidenden Stichwahl am Sonntag bereits abgeschrieben. "Das Ende", "Sarko-Dämmerung" heißt es auf den Titelseiten, Abgeordnete machen schon Abschiedsfotos. Nur einer gibt sich trotzig: Nicolas Sarkozy.

George Kaplan/Damourette SIPA/Getty-Tetra/Nouvel Observateut

Die Szene erschien unschuldig. Die letzte Sitzungswoche in der Nationalversammlung war beendet, als die Abgeordneten der Regierungspartei UMP zu ihren Handys griffen - um einander vor ihren Plätzen im Halbrund des Palais Bourbon zu fotografieren. "Ich war verblüfft", so Dominique Orliac, Parlamentarierin der Parti Radical de Gauche über die Knipserei: "Doch dann wurde mir klar - die konservativen Kollegen verewigten sich auf Abschiedsfotos."

Kurz vor der zweiten Runde der Präsidentenwahl sieht die linksliberale Abgeordnete aus dem Département Lot das digitale Adieu als Menetekel für die konservative Mehrheit. "Wenn Sarkozy am Sonntag verliert, dann werden Dutzende von UMP-Abgeordneten bei den nachfolgenden Parlamentswahlen Anfang Juni ihr Mandat verlieren." Das wissen die Konservativen, glaubt Orliac und wittert hinter den Souvenirbildern einen Geruch von "fin de règne" - Endzeit.

"Sarko-Dämmerung" schon nach dem ersten Wahlgang, bei dem François Hollande mit knapp 1,5 Prozent vorne lag? Der Elysée verschickte unlängst eine Notiz, in der die Mitarbeiter daran erinnert wurden, die gestellten Laptops, iPads und Handys seien beim Ausscheiden aus dem Staatsdienst zurückzugeben.

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Promi-Präsident Sarkozy: 1,65 Meter Macht
Bei seinen Gegnern gilt der Präsident längst als angezählt oder abgeschrieben. Die linke Tageszeitung "Libération" beerdigte dessen fünfjährige Herrschaft schon vor drei Wochen mit einer Sonderausgabe. "Das war Sarkozy - die Geschichte einer Ambition." Der "Nouvel Observateur" griff den Slogan des Präsidenten auf ("Ich fühle die Woge") und zeigte ihn im Meer versinkend auf dem Titel. Das Magazin "Marianne" resümierte bündig auf Seite eins: "Fin."

Hyperaktiv, egomanisch, aggressiv

Aus, Abgang, Schluss? Der Kandidat und noch amtierende Staatschef posierte bis zum amtlich verordneten Finale des Wahlkampfs, 24 Stunden vor dem entscheidenden zweiten Urnengang, wie ein Sieger. Mochten alle Umfragen den sozialistischen Kontrahenten Hollande mit vier, fünf Prozent Abstand als Gewinner deklarieren - Sarkozy setzte auf den langsam schrumpfenden Abstand zu seinem Gegner. "Jede Stimme zählt, die Dinge stehen auf Messers Schneide", versicherte er am Freitag in der Vendée: "Das Rennen ist knapp", und, so beteuert Sarkozy: "Es gibt eine Überraschung."

Auf den Umschwung, die Stimmungswende hatte er seit dem offiziellen Wahlkampfstart am 15. Februar gehofft. Denn die Entscheidung über den nächsten Präsidenten wurde weniger durch die hektische Kampagne der letzten Wochen als durch die gesamte Ära Sarkozy bestimmt, durch seine hyperaktive Allgegenwart, seinen aggressiven Machtwillen, seinen egomanischen Drang zur Selbstdarstellung.

In Frankreich gilt die Direktwahl des Staatschefs, eingeführt von Charles de Gaulle, dem ersten Präsidenten der Fünften Republik, als fast mystische "Begegnung eines Mannes mit dem Volk". Sarkozy hatte diesen Wunsch nach einem Politiker der Vorsehung 2007 perfekt erfüllt und das Bild des Souveräns mit modernen Akzenten angereichert. Einen "Bruch" mit den verstaubten Traditionen der Nation hatte er versprochen, eine "vorbildliche Präsidentschaft", transparent, erfolgsorientiert, modern.

Präsident "Bling-Bling"

Mit Formulierungen vom "Wert der Arbeit" wusste Sarkozy die Stimmen der populären Massen für sich zu gewinnen; zugleich appellierte er an den Wunsch der konservativen Mehrheit - Bauern, Bürger, Senioren - nach Wechsel an der Spitze der Nation. Jenseits der traditionellen Kluft zwischen Links und Rechts konnte er als reformfreudiger Manager auftreten, der die Nation für das 21. Jahrhundert fit machen würde.

Rentenreform, Steuerreform, Reform der Universitäten, der Justiz, des Militärs, des Gesundheitssystems, der staatlichen Institutionen; der legislative Aktionismus zeigte durchaus Erfolge. Deshalb erregte sich angesichts der massiven Kritik an Sarkozy nun auch der Philosoph Jean d'Ormesson. Hier werde ein Mann in den Dreck gezogen, zu unrecht mit Hohn, Hass und Häme überschüttet: "Der Präsident kann stolz sein auf seine Bilanz." Doch sein Einsatz für Europa, sein Engagement während der Wirtschafts- und Finanzkrise, die Intervention in Libyen - alles blieb überschattet durch Sarkozys Serie symbolischer Fehltritte.

Denn an seinen Versprechungen muss sich freilich auch dies messen lassen: eine rasant gestiegene Staatsverschuldung, ein dramatischer Anstieg der Arbeitslosigkeit und ein Führungsstil, der Sarkozy binnen Monaten seinen Wählern entfremdete. Denn der Mann, der sich ausgegeben hatte als Vertreter "des Frankreichs, das früh aufsteht", als Sachverwalter jener, die "mehr arbeiten, um mehr zu verdienen", entlarvte sich durch den öffentlichen Hang zu Luxus und die aufdringliche Darstellung seines Privatlebens als Präsident "Bling-Bling".

Im Wahlkampf wollte er das alles vergessen machen. Er machte sich einmal mehr zum Anwalt der Basis, zog gegen die "Eliten" zu Felde, jene anonymen Zirkel der Macht, die das Volk um ihre Mitsprache gebracht hätten. Sarkozy wetterte wider die Gewerkschaften, die Beamtenkaste in Justiz und Erziehungswesen. Er rügte die geldgierigen Top-Manager der Multis, die Lobby der Macht, jenen inzestuösen Clan an der Spitze der Republik, der sich rekrutiert aus den Absolventen der Hochschulen, dem Geldadel, den Manager-Clubs.

"Das ist dann zu Ende"

Ausgerechnet Sarkozy, der stets um die Anerkennung der Reichen und Superreichen buhlte und wie kaum ein anderer Präsident der Fünften Republik seine Freundschaft zur Oligarchie vorführte, trat in den neuen Kleidern des Volkstribuns auf. Dabei hat der Filz aus Finanziers, Bankern und Geldadel gerade von seinen Steuergeschenken profitiert. Und Sarkozy belohnte, dank einer gut geölten Drehtür zwischen Regierungspfründen und Privatsektor, seine Freunde mit lukrativen Posten. Das schwärzte das Bild der Präsidentschaft, jenseits von Sarkasmus und einer bitteren Ablehnung der Person.

Für die Schlussphase des Wahlkampfs blieb daher nur die frontale Attacke auf den Kandidaten Hollande, den unerfahrenen Gegner, dem Sarkozy bei dem TV-Duell vorwarf, dass "François Mitterrand ihm nie die geringste Verantwortung in der Regierung übertragen hatte". Und er teilte aus gegen die Kritiker des "poltisch-medialen Systems", die nicht nur ihn, sondern auch seine Wähler verunglimpft hätten. "Das französische Volk ist nie so verletzt und beschimpft worden."

Dennoch will Sarkozy glauben machen, dass noch nichts verloren ist, obwohl nun auch François Bayrou, Chef der Zentrumspartei MoDem, erklärt hat, er werde für den Sozialisten stimmen. Sarkozy bemühte gar Papst Benedikt ("Habt keine Angst") und forderte für die historische Entscheidung ein "Aufbäumen der Nation".

Ein Hauch von Selbstzweifel bleibt dennoch. Beim Interview mit Europe 1 erklärte er klar, dass er sich im Falle einer Wahlniederlage aus der Politik verabschieden werde. "Das ist dann zu Ende", enthüllte der Präsident. Der Radiosender revanchierte sich mit einem von Sarkozys Lieblingssongs, gesungen von Charles Azanvour: "Wir werden uns eines Tages wiedersehen."

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stanislaus2 05.05.2012
1. "Die Intervention in Libyen"
Die meisten Franzosen sehen das offensichtlich nicht als Erfolg. Ich kann ihnen für ihre Vernunft und menschliche Grösse (nie wieder Krieg) nur gratulieren. Man kann vielleicht in den USA eine Wahl als Präsident gewinnen, wenn man einen Krieg vom Zaune bricht, aber nicht in Frankreich.
recardo 05.05.2012
2. .
Zitat von sysopAP"Das Ende", "Sarko-Dämmerung": Frankreichs Medien haben den Staatspräsidenten vor der entscheidenden Stichwahl am Sonntag bereits abgeschrieben. Abgeordnete machen schon Abschiedsfotos. Nur einer gibt sich trotzig: Nicolas Sarkozy. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831533,00.html
Wenn die Umfragen genauso falsch liegen, wie bei den Wahlen davor, dann hat der Sarko ganz einfach gewonnen. Das sich hier Leute dazu hinreissen lassen den Sieg Hollandes zu feiern, obwohl noch garnicht gewählt wurde, verstehe ich nicht. Er muss kämpfen und auch ich glaube, es wird knapp. Plötzlich bleibt Sarkozi Präsident: Was wird dann bloss, europäische Presse??? Die haben den schon abgeschrieben, verspotten Sarkozi jetzt. Das alles kann! sehr peinlich werden; nur dafür muss! der Sarkozi gewinnen. Ich freue mich jetzt schon.
MiniDragon 05.05.2012
3. Außenseiter zu wetten
ist zwar riskant kann aber sehr profitabel sein
liesalott 05.05.2012
4.
Zitat von recardoWenn die Umfragen genauso falsch liegen, wie bei den Wahlen davor, dann hat der Sarko ganz einfach gewonnen. Das sich hier Leute dazu hinreissen lassen den Sieg Hollandes zu feiern, obwohl noch garnicht gewählt wurde, verstehe ich nicht. Er muss kämpfen und auch ich glaube, es wird knapp. Plötzlich bleibt Sarkozi Präsident: Was wird dann bloss, europäische Presse??? Die haben den schon abgeschrieben, verspotten Sarkozi jetzt. Das alles kann! sehr peinlich werden; nur dafür muss! der Sarkozi gewinnen. Ich freue mich jetzt schon.
Wann lagen denn die Umfragen um über fünf Prozent falsch?
DMenakker 05.05.2012
5.
Natürlich hat sich Sarkozy ganz einfach überschätzt. Na und? Es gibt wohl kein Land auf der Welt - USA noch nicht mal ausgenommen - das sich selbst im Ganzen so überschätzt wie Frankreich. Sarkozy also ein echtes Kind der "Grande Nation". Hollande wird Präsident. Kein Zweifel. Wie gut er sich als Bettvorleger von Angie macht wissen wir, sobald seine Träumereien vom Kapitalmarkt mit 1 - 1,2 % Aufschlag abgestraft werden ( eine mir zu Ohren gekommene Insiderschätzung )
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