Von Horand Knaup, Nairobi
Weil auch die große Mehrzahl der Nigerianer Klärungsbedarf sieht, wollten nun einige Minister und Vertraute von Yar'Adua in Saudi-Arabien nach dem Rechten sehen. Doch kaum waren sie in Dschidda angekommen, erfuhren sie, dass der Präsident bereits zurückgereist war. Wer von seiner nächtlichen Rückkehr informiert war und welche Sondereinheit ihn am Flughafen in Empfang genommen hatte, war am Sonntag noch Gegenstand von Untersuchungen. Vize Jonathan wusste jedenfalls nichts.
"Das war der Sargnagel für seine Präsidentschaft", kommentierte trocken die Tageszeitung "This Day" und zitierte einen der mitreisenden Minister: "Den Präsidenten, den wir kennen und mit dem wir zusammengearbeitet haben, hätte uns empfangen, wenn er irgendwie gekonnt hätte." Aber der Präsident konnte und kann wohl nicht mehr. Offensichtlich versuchen seine machtbewusste Gattin und engste Mitarbeiter bis zuletzt dennoch, ihn im Amt zu halten. Der Grund ist simpel: Das Präsidentenamt in Nigeria bedeutet Wohlstand. Präsidenten, Minister und Gouverneure in Nigeria leben in unsagbarem Reichtum - verglichen mit 98 Prozent der Nigerianer.
Die Regierungskrise trifft Nigeria zu einer Zeit, da dringende Entscheidungen anstehen. Im Konflikt um das ölreiche Niger-Delta hatte Yar'Adua Friedensverhandlungen mit den Rebellen aufgenommen, eine Amnestie ausgesprochen und auch einen vorübergehenden Waffenstillstand erzielt. Der ist jedoch bereits wieder aufgekündigt, nachdem die Regierung angebliche Zusagen nicht eingehalten haben soll. Schlimmer noch: Die Rebellen wollen ihren Kampf jetzt auch außerhalb des Deltas führen.
Konflikt im Niger-Delta, maroder Bankensektor, Korruption
Die Ölproduktion, Nigerias mit Abstand wichtigster Devisenbringer und zuständig für 80 Prozent der Staatseinnahmen, ist wegen der Anschläge und Überfälle inzwischen rückläufig. Es ist ohnehin paradox: Das Land hat kaum eigene Raffinerien und muss daher einen Großteil seines Benzins importieren. Weil der Sprit jedoch subventioniert wird und ein Großteil von Schmugglern gleich wieder exportiert wird, herrscht im ganzen Land regelmäßig Treibstoffmangel. Der Bankensektor wartet auf eine Reform, und das Mega-Thema Korruption ist ein Dauerbrenner.
Auch die religiösen und sozialen Spannungen im Zentrum des Landes, die vor kurzem erst wieder in der Stadt Jos Hunderte von Toten forderten, sind ungelöst. Stattdessen kündigte "al-Qaida im islamischen Maghreb" nach dem Gemetzel von Jos an, nigerianische Kämpfer zu trainieren und mit Waffen zu versorgen.
Dass nun ein Christ einem Muslim im Präsidentenamt folgen soll, ist einer fragilen Balance geschuldet - dass sich nämlich Muslime und Christen in Nigeria nahezu gleich stark gegenüberstehen. Deshalb ist das Regierungssystem auch fein austariert. Einem christlichen Präsidenten soll jeweils ein muslimischer folgen, und Vizepräsident ist jeweils ein Vertreter der anderen Religion. Das erklärt auch, warum Yar'Aduas Umgebung, durchwegs Muslime, mit aller Macht versuchten, den Todkranken im Amt zu halten. Sie wollten ihre Pfründe zumindest bis zur Wahl im Jahr 2011 sichern. Wenn der Christ Jonathan das Land übernimmt, verliert die muslimische Elite automatisch an Macht, Einfluss und Vermögen.
Karrierebewusster Saubermann mit kleinem Makel
Der mutmaßlich neue Präsident Goodluck Jonathan hat eine atemberaubend schnelle Polit-Karriere hinter sich. Dafür hat er nicht einmal viel getan. Abwarten und Ruhe bewahren gehört zu seinen herausragenden Stärken. Zudem war er wohl nicht ganz so bestechlich wie andere. Denn im Niger-Delta, aus dem er stammt, gilt die politische Elite als besonders korruptionsanfällig. Studiert hat er Zoologie, später arbeitete er im Umweltbereich. Erst 1998 begann er sich um Politik zu kümmern, wurde 1999 zum stellvertretenden Gouverneur seines Heimatstaates Bayelsa ernannt und kurz darauf bereits Gouverneur - weil sein Chef in London wegen Bestechlichkeit verhaftet worden war.
Yar'Aduas Vorgänger Olusegun Obasanjo beförderte ihn 2007 zum Vizepräsidenten, und das Schicksal machte ihn - nun, da Yar'Adua ausfällt - zum Präsidenten. Doch dass er nun unangefochten die Präsidentschaft übernimmt, hat auch damit zu tun, dass er in den letzten Wochen politisch clever agiert hat. Nie erweckte er den Anschein, als ziehe es ihn in die Chefposition. Geduldig wartete er ab und ließ stets andere aktiv werden. Als etwa die Informationsministerin öffentlich darauf drängte, nun endlich Jonathan zum Staatsoberhaupt zu machen, beschied er sie, sie möge den Dienstweg einhalten. Im Hintergrund schmiedete er Stillhalteabkommen mit den Generälen und den mächtigen Gouverneuren der 36 Bundesstaaten. Es waren die Mitglieder des Senats, die ihn schließlich baten, im Zweikammernparlament eine Abstimmung zu initiieren. Sie wählten ihn zum vorübergehend "agierenden Präsidenten".
Einen kleinen Makel hat freilich auch der neue Saubermann: Seine Frau muss sich vor Gericht wegen einer Geldwäsche-Affäre verantworten. Es geschah im Jahr 2007, Jonathan war gerade Gouverneur, und Ehefrau Patience soll versucht haben, umgerechnet rund 600.000 Euro verschwinden zu lassen. Ein Urteil ist noch nicht gesprochen.
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