Kairo - Der Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei gibt im Vorfeld der Präsidentenwahl in Ägypten seine Kandidatur auf. Der frühere Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) äußerte sich am Samstag in einer Erklärung enttäuscht über die Entwicklung seines Landes seit dem Sturz von Ex-Präsident Husni Mubarak.
"Mein Gewissen erlaubt es mir nicht, mich um die Präsidentschaft oder ein anderes Amt zu bewerben, solange es kein echtes demokratisches System gibt", begründete ElBaradei den Rückzug seiner Kandidatur. Seine Entscheidung kommt nur wenige Tage vor dem 25. Januar, an dem die Ägypter den ersten Jahrestag des Aufstands gegen den langjährigen Machthaber feiern. Bis Juni soll Ägypten einen neuen Präsidenten wählen.
ElBaradei kritisierte den regierenden Militärrat scharf. Die Übergangsphase sei von Planlosigkeit und Missmanagement geprägt, schrieb er: "Dies treibt das Land von den Zielen der Revolution weg." Die Generäle verfolgten den alten Weg, als ob es keine Revolution gegeben hätte und als ob das alte Regime noch immer nicht gefallen sei, betonte er. Anstatt die Nation bei einem organisierten politischen Prozess zu vereinen, würden sie stets alleine entscheiden und dadurch zu einer Spaltung der Gesellschaft beitragen.
ElBaradei versprach zugleich, die Jugendbewegung weiter zu unterstützen. Er wolle seinem Land effektiver dienen, von der Macht entfernt und frei von Einschränkungen.
"Mit dem Ausstieg kommt er der Jugendbewegung wieder näher"
Zuletzt äußerte auch der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter Zweifel daran, dass der Rat wie versprochen bis Mitte des Jahres alle Gewalt an eine zivile Regierung abgibt. Der Militärrat wird von Mohammed Hussein Tantawi geleitet, der Mubarak zwei Jahrzehnte lang als Verteidigungsminister gedient hatte. Carters Nicht-Regierungsorganisation beobachtet die derzeit laufende Parlamentswahlen, bei denen ersten Ergebnissen zufolge gemäßigte und radikale islamische Parteien am stärksten abgeschnitten haben.
ElBaradei hat seine Kandidatur im März vergangenen Jahres angekündigt. Seither hat er nach Einschätzung von Experten aber auch im Lager der Protestbewegung an Rückhalt verloren. Im November zogen sich einige Mitarbeiter aus seiner Wahlkampagne zurück mit der Begründung, ElBaradei entferne sich zunehmend von der Basis. Mit seinem Rückzug trage der Nobelpreisträger der Tatsache Rechnung, dass er in der Opposition nicht genug Unterstützung genieße, um die Wahl zu gewinnen, sagte Hassan Nafaa, Politikexperte und Mitglied der Protestbewegung. "Mit dem Ausstieg aus der Präsidentschaftswahl kommt er der Jugendbewegung und den Liberalen wieder näher, die in der Übergangsphase von den Islamisten an den Rand gedrängt wurden", sagte Nafaa.
ElBaradei galt insbesondere in westlichen Ländern als Hoffnungsträger für Ägypten. Ein Großteil der ägyptischen Bevölkerung blieb ihm gegenüber allerdings skeptisch. Der Friedensnobelpreisträger sei zu lange im Ausland gewesen und verstehe die Menschen im Land nicht, hieß es.
Schon zu Zeiten von Präsident Mubarak war ElBaradei als Bewerber für das Präsidentenamt im Gespräch. Unbekannte stellten damals jedoch Fotos seiner Tochter im Badeanzug ins Internet und provozierten damit in dem konservativen Land eine heftige Debatte über die Moral in dessen Familie.
Der frühere Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa, der sich ebenfalls für das Präsidentenamt bewerben will, äußerte sein Bedauern über die Entscheidung. Er hoffe, ElBaradei werde sich auch weiterhin für den Neuaufbau Ägyptens engagieren, teilte Mussa über den Kurznachrichtendienst Twitter mit.
bos/dpa/Reuters
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Mohamed ElBaradei | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH