Präsidentenwahl in Afghanistan Taliban schnitten Wählern Finger ab

Abgetrennte Finger, manipulierte Stimmzettel, Taliban-Angriffe: Die Präsidentschaftswahl in Afghanistan lief alles andere als ruhig ab. Dennoch bewerten Beobachter den Urnengang positiv - und die CIA plant, im Anschluss an die Auszählung verstärkte Angriffe auf Taliban-Lager zu fliegen.

Gefährliches Zeichen: Um doppelte Stimmabgaben zu verhindern, wurde ein Finger der Wähler mit schwer abwaschbarer Tinte markiert. Die Taliban machten ihre Drohung wahr, Wählern ihre Finger abzuschneiden
AFP

Gefährliches Zeichen: Um doppelte Stimmabgaben zu verhindern, wurde ein Finger der Wähler mit schwer abwaschbarer Tinte markiert. Die Taliban machten ihre Drohung wahr, Wählern ihre Finger abzuschneiden


Kabul - Wer unter solchen Umständen zur Wahl geht, muss sich von der Stimmabgabe einiges erhoffen. Aufgrund weit verbreiteter und organisierter -Angriffe mussten einige Wahlzentren in Afghanistan frühzeitig geschlossen werden oder konnten gar nicht erst öffneten, berichtete Nader Nadery, Chef der Stiftung für Freie und Faire Wahlen in Afghanistan (FEFA), am Samstag. Zudem seien Mehrfach-Stimmabgaben, minderjährige Wähler und parteiische Mitarbeiter der Wahlkommission festgestellt worden. In manchen Gegenden seien Wahlurnen nach Schließung der Wahllokale am Donnerstag mit gefälschten Stimmzetteln aufgefüllt worden.

Dennoch werteten die Wahlbeobachter der den bisherigen Verlauf des Wahlprozesses als "weitgehend positiv". EU-Missionschef Philippe Morillon sagte, die Wahl sei wegen der Gewalttaten der Aufständischen nicht überall frei gewesen. Was die Beobachter aber am Wahltag gesehen hätten, sei im allgemeinen als "gut und fair" eingeschätzt worden. Er betonte, der Wahlprozess sei bis zur Verkündung des Ergebnisses nicht beendet und werde von der EU weiterhin beobachtet. Morillon machte keine Angaben zur Wahlbeteiligung, die ein internationaler Beobachter am Freitag mit deutlich unter 50 Prozent eingeschätzt hatte.

"Hut ab vor dem Mut der Afghaninnen und Afghanen"

Der deutsche Wahlbeobachter und politische Analytiker der EU-Mission, Gunter Mulack, sagte, sollte sich eine Wahlbeteiligung von unter 30 Prozent herausstellen, "dann müsste man über die Legitimität debattieren. Das ist aber Aufgabe der Afghanen." Für sie müsse die Wahl glaubwürdig sein. Mulack betonte, bereits das Abhalten der Wahl sei angesichts der schlechten Sicherheitslage in Afghanistan "ein großer Erfolg" gewesen. "Wenn wir in Deutschland eine solche Bedrohungslage hätten, dann würden die Leute zu Hause bleiben oder in den Keller gehen", sagte Mulack. "Hut ab vor dem Mut der Afghaninnen und Afghanen, zur Wahl zu gehen."

Mulack appellierte an Amtsinhaber und dessen wichtigsten Herausforderer Abdullah Abdullah, "Ruhe zu bewahren". Karzais und Abdullahs Wahlkampfteams haben jeweils den Wahlsieg für ihren Kandidaten beansprucht. Morillon sagte: "Es ist sicherlich zu früh, einen Sieg zu reklamieren." Es sei Aufgabe der Unabhängigen Wahlkommission, die Ergebnisse zu verkünden.

Taliban hackten Wählern Finger ab

Einige Wahlbeobachter seien bedroht worden, sagte FEFA-Chef Nadery. Männer hätten am Donnerstag mit mehreren Wahlausweisen sowohl für Frauen als auch für andere Männer abgestimmt. Mitarbeiter der Wahlkommission und Kandidaten der parallel abgehaltene Provinzratswahlen hätten versucht, Wähler zu beeinflussen. In der südafghanischen Provinz Urusgan seien nur sechs der 36 Frauen-Wahlzentren geöffnet worden.

Nadery sagte, FEFA-Beobachter seien Zeugen der "illegalen und brutalen Bestrafung durch die Taliban" geworden. Mindestens zwei Wählern sei nach der Stimmabgabe in der südafghanischen Provinz Kandahar von Aufständischen ein Finger abgeschnitten worden. Wer sich an der Wahl beteiligt hat, war für die Taliban leicht an den farbig gekennzeichneten Fingern der Wähler erkennbar. Um Mehrfach-Stimmabgaben in verschiedenen Wahllokalen zu verhindern wurde ein Finger jedes Wahlberechtigten nach der Stimmabgabe am Donnerstag mit nicht abwaschbarer Tinte markiert. So ist tagelang ersichtlich, wer zur Wahl gegangen ist. Die Aufständischen hatten zuvor zu einem Wahlboykott aufgerufen und unter anderem damit gedroht, Wählern den markierten Finger abzuschneiden.

USA planen verstärkte Angriffe auf Taliban-Lager

Am Wahltag wurden nach Angaben der Unabhängigen Wahlkommission (IEC) elf ihrer Mitarbeiter getötet. Sie seien Angriffen durch "Feinde des Friedens" zum Opfer gefallen, teilte die IEC am Samstag mit. Das Innenministerium hatte nach Schließung der Wahllokale neun getötete Zivilisten vermeldet. Außerdem starben nach offiziellen Angaben 17 Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte und zwei Soldaten der Internationalen Schutztruppe ISAF. 21 Aufständische wurden bei Gefechten getötet, vier Selbstmordattentäter sprengten sich in die Luft. Sechs weitere Selbstmordattentäter konnten vor der Tat gestoppt werden.

Allerdings planen die USA offenbar, im Anschluss an die Wahl ihre -Angriffe auf Taliban-Lager an der afghanisch-pakistanischen Grenze "erheblich zu verstärken", wie die Nachrichtenagentur ddp unter Berufung auf CIA-Kreise berichtet. Pakistan, von wo aus die Taliban viele ihrer Attacken auf afghanisches Territorium ausführen, habe "eine Schlüsselfunktion für die Entwicklung Afghanistans", erläuterte ein -Mitarbeiter dem ddp. "Wenn wir die Angriffe der Taliban aus Pakistan nicht stoppen können, ist Afghanistan verloren", betonte der CIA-Mann.

mak/dpa/ddp

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