Präsidentenwahl in Brasilien Kampf um Lulas Erbe

Lula da Silva ist der Held der Armen - darf bei der Präsidentenwahl in Brasilien aber nicht mehr antreten. Von den Kandidaten der großen Parteien hat jedoch niemand so viel Charisma wie er. Die Abstimmung könnte deshalb mit einer Überraschung enden.

REUTERS

Von , Rio de Janeiro


Die Mitglieder des Yachtclubs von Rio de Janeiro sind kein leichtes Publikum für Ex-Guerilleros und Ökologen. Auf der Veranda mit Blick auf Zuckerhut und Guanabara-Bucht sitzen gut situierte Ehepaare zumeist älteren Semesters, die meisten stehen den Konservativen näher als Brasiliens bunter Grünen-Partei und ihrer Kandidatin Marina Silva.

Doch an diesem sonnigen Vormittag entdeckt der Geldadel der früheren Hauptstadt sein Herz für die einstige Umweltministerin. Damen in teuren Kostümen erheben sich von ihren Plätzen, zücken ihre Handys und lassen sich mit der Kandidatin fotografieren. "Sie sieht viel besser aus als im Fernsehen", flüstert eine.

Marina Silva ist eine zarte, schmale Frau mit großen Augen, die tief in dunkel umrandeten Höhlen liegen. Ihre Stimme ist heiser vom Wahlkampf, sie trägt ein schlichtes weißes Kostüm und einen bunten Schal. Sie stammt aus einer armen Familie aus dem fernen Amazonas-Bundesstaat Acre, vor ihrer Politikkarriere schlug sie sich als Hausmädchen und Gummisammlerin durch. Nonnen retteten sie vor dem Tuberkulosetod.

Bis zu ihrem Wechsel zu den Grünen war Silva die wichtigste Vertreterin des basisdemokratischen, linken und ökologischen Flügels der Arbeiterpartei PT, der auch Präsident Lula angehört. Jetzt fordert sie die Regierung heraus: Ihr Aufstieg ist das interessanteste Phänomen in Brasiliens Präsidentschaftswahlkampf.

Vom Aushängeschild zur Konkurrentin

Kommt es am kommenden Sonntag womöglich zu einem Duell der Frauen? In Rio hat Silva in Umfragen bereits den ehemaligen Gouverneur von Sao Paulo, José Serra, abgehängt, der bislang an zweiter Stelle lag. Jetzt hofft sie, dass Lulas Favoritin Dilma Rousseff die absolute Mehrheit verfehlt und in vier Wochen zur Stichwahl antreten muss.

In den letzten Umfragen fällt Rousseff zurück, der Sieg im ersten Wahlgang scheint nicht mehr sicher. Bei einer Stichwahl würde ihr Gegner wahrscheinlich Serra heißen, aber die heimliche Siegerin wäre Marina Silva: Die Stimmen der grünen Wählerschaft wären entscheidend, beide Kandidaten müssten die Ökologin umwerben.

Vor zwei Jahren war Marina Silva vom Amt der Umweltministerin zurückgetreten. Präsident Lula da Silva gebrauchte sie gern als grünes Aushängeschild auf internationalen Konferenzen, in der Sache konnte sie jedoch kaum etwas bewegen: Der Präsident hatte ihre Kompetenzen systematisch ausgehöhlt. Seine Lieblingsfrau in der Regierung war die damalige Kabinettschefin Rousseff, eine energische Technokratin, die bislang nicht durch besonderes Interesse für Umweltfragen aufgefallen ist.

Rousseff hat all jene Großprojekte der Regierung Lula angeschoben, die Ökologen kritisieren: Staudämme, Kraftwerke, Straßenbau und den Ausbau von Biokraftstoffen. Sie war die mächtigste Politikerin im Regierungspalast, nur Lulas Ehefrau hat mehr Einfluss auf den Präsidenten. Aber Rousseff saß auch an der Schnittstelle von Staat und Wirtschaft, einer ewigen Quelle von Intrigen und Skandalen. Vor einer Woche wurde bekannt, dass ihre engste Mitarbeiterin Freunde und Verwandte mit wichtigen Posten versorgt hat. Einige aus der Sippschaft sollen bei der Vergabe von Staatsaufträgen mitkassiert haben.

Filz im riesigen Staatsapparat

Korruption und Nepotismus gelten als das größte Handicap der Regierung Lula. Der riesige brasilianische Staatsapparat ist kaum noch zu überblicken. Lula hat Zehntausende Funktionäre der Arbeiterpartei PT mit Ämtern und Pöstchen bedacht, sie sind zum Teil für Milliardenetats verantwortlich. Der Filz gedeiht, immer undurchsichtiger wird das Geflecht aus öffentlichen, politischen und privaten Interessen.

Für die Kandidatur von Rousseff hat Lula zudem das Regierungsbündnis mit der Zentrumspartei PMDB ausgebaut. Ein Pakt mit dem Teufel: Die größte Partei Brasiliens hat keinerlei ideologische Grundlagen, aber sie ist berüchtigt für Vetternwirtschaft und Ämtergier, viele ihrer Politiker sind in Korruptionsskandale verwickelt. Lula gilt zwar als Teflon-Präsident, alle Skandale prallen an ihm ab. Doch Rousseff fehlt dieser Schutzmantel, sie ist angreifbar. Brasiliens Medien durchforsten seit Wochen die Vergangenheit der Ex-Ministerin auf potentielle Skandale.

Je mehr Schmutz die Presse aufdeckt, desto heller strahlt der Stern von Marina Silva. Sie ist der Darling der Medien, eine Mutter Teresa der brasilianischen Politik. Ihr Lebenslauf ist makellos, weltweit wird sie wegen ihres unermüdlichen Kampfes gegen Abholzung und Umweltverschmutzung verehrt. In einem geschickten Schachzug hat sie einen bekannten Unternehmer als Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten gewonnen, so hat sie Zugang zu Bankern und Managern. Künstler und Intellektuelle unterstützen sie; es gilt als schick, für Marina zu sein. Gerade hat Supermodel Gisele Bündchen verkündet, dass sie für die Grüne stimmen wird.



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audax, 30.09.2010
1. Keine Chance für Marina Silva
Zitat von sysopLula da Silva ist der Held der Armen - darf bei der Präsidentenwahl in Brasilien aber nicht mehr antreten. Von den Kandidaten der großen Parteien hat jedoch niemand so viel Charisma wie er. Die Abstimmung könnte deshalb mit einer Überraschung enden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,720406,00.html
Sehr guter Artikel. Was der Reporter als "verfilzte" Regierung bezeichnet besteht schon seit Jahrzehnten in diesem Land. Brasilia wird hier oft als "Puff unter offenem Himmel" bezeichnet und das stimmt leider auch. Seien es linke oder rechte Politiker , vor Lula oder nach Lula, es wird sich daran nichts ändern. Solange in Brasilien mehr als 50% der Bevölkerung funktionelle Analphabeten sind, die gerade mit Mühe und Not Ihren Namen schreiben können, solange wird sich daran nichts ändern. Und man sollte nicht vegessen das bei der Wahl die Stimme eines Mitglieds des Yacht Clubs von Rio de Janeiro genau so viel wert ist wie die Stimme eines halb verhungerten Bewohners der riesigen Slums von Rio. Und in Brasilien ist die überwältigende Mehrzahl der Armen immer noch nicht aus dem Dreck heraus. Der radikale "linke" Flügel der linken Arbeiterpartei würde gerne aus Brasilien ein zweites Venezuela unter einem br5asilianischem Führer a la Hugo Chavez machen. Und dazu fehlt leider nicht mehr viel. Marina Silva ist viel zu naiv um in dem Freudenhaus Brasilia überleben zu können. Leider.
schneesieber 30.09.2010
2. .
Brasilia kann man nicht mehr ausmisten. Atombomben sollen das Einzige sein ... Zur Abwechslung mal ein gut recherchierter Artikel. Lula hat seiner Partei eine Wählerbasis geschaffen, die dem Land schon schwer zu schaffen macht und noch schwerer zu schaffen machen wird. Wer soll die ganzen Beamten, Funktionäre und Pöstchen bezahlen und vor allem, wozu? Bolsa-Familia, Bolsa-Prisão, Bolsa-Sorvetão ... Glaub´ ich aber nicht, dass Brasilien auf den venezolanischen Weg einbiegt (Da behüte uns Gott vor!). Das würde schlagartig die eingewanderte Industrie abziehen und einen Schlag in die Magengrube des vielgepriesenen brasilianischen Wirtschaftswachstums bedeuten.
stier1952 01.10.2010
3. Lula - Held der Armen!
Zitat von sysopLula da Silva ist der Held der Armen - darf bei der Präsidentenwahl in Brasilien aber nicht mehr antreten. Von den Kandidaten der großen Parteien hat jedoch niemand so viel Charisma wie er. Die Abstimmung könnte deshalb mit einer Überraschung enden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,720406,00.html
Ja, weil sich in der Regierungszeit von Lula das Leben sehr vieler armer Menschen sehr verbessert hat. Warum wird das nicht erwähnt? Millionen von Armen sind in der Ära Lula in die Mittelklasse aufgestiegen, ihre Kinder haben wesentlich bessere Bildungschancen bekommen, Mindestlöhne wurde gesteigert, und das wichtigste überhaupt: der Anteil der Löhne und Gehälter am Bruttoinlandsprodukt ist gestiegen! Der Anteil der arbeitenden Bevölkerung am gesamten Kuchen ist grösser geworden. Ja - wo gibt es denn sowas? In Deutschland geht es doch genau anders herum. Sollen die Deutschen deshalb nichts über die Erfolge der Regierung Lula in den systemtreuen Medien erfahren? Warum wird der soziale Fortschritt mit und durch Lula überhaupt nicht erwähnt? Stattdessen wird ausgiebig über die Opportunistin Marina berichtigt, die nicht die Absicht hat, etwas für die Armen zu tun und sich jetzt lieber bei den Reichen anbiedert - obwohl sie einmal links war und in Lulas Partei gross geworden ist. Haben unsere neoliberalen Medien wie der Spiegel etwa Angst, das die deutschen Leser etwas über Lulas Erfolge erfahren? Etwa darüber, das in Brasilien tatsächlich etwas anderes als die neoliberale Umverteilung von unten nach oben möglich ist?
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