Präsidentenwahl in Indien: Der Riese wählt das Weiter-so

Von , Islamabad

Seine Wahl gilt als sicher: Pranab Mukherjee soll Indiens neuer Präsident werden. Es gibt nur ein Problem: Über den 76-Jährigen heißt es, er sei der schlechteste Finanzminister in der Geschichte des Landes gewesen. Wie kann so einer das strauchelnde Boomland aus der Krise führen?

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Ex-Finanzminister Mukherjee: Urgestein der indischen Politik

Die indische Wirtschaftszeitung "Mint" macht keinen Hehl daraus, was sie von Pranab Mukherjee hält: Er sei der "schlechteste Finanzminister, den Indien je hatte". Andere Zeitungen nennen ihn einen "weggelobten Politiker", einen "Mann des letzten Jahrhunderts", dem nur Ehre zuteil werde, "weil er schon seit mehr als vier Jahrzehnten im Geschäft ist, aber nicht, weil er viel Gutes bewirkt hat".

Es sind reichlich unfreundliche Worte für einen Mann, der heute zum indischen Präsidenten gewählt wird. Pranab Mukherjee, 76 Jahre alt, ist ein Urgestein der indischen Politik. Er ist Mitglied der regierenden Kongresspartei und tritt gegen den - chancenlosen - Oppositionskandidaten Purno Agitok Sangma an. Das offizielle Wahlergebnis soll am Sonntag verkündet werden.

Trotz aller Kritik gilt Mukherjees Wahl als sicher: Er trat Ende Juni als Finanzminister zurück, weil er die Zeit bis zur Präsidentenwahl nutzen wollte, um sich bei den Wahlmännern und -frauen vorzustellen. Die Mehrheit steht inzwischen hinter ihm. Insgesamt 4896 Mitglieder eines Wahlausschusses, bestehend aus allen Abgeordneten aus Ober- und Unterhaus sowie den Parlamenten der Unionsstaaten, bestimmen den Nachfolger von Präsidentin Pratibha Patil. Einige Vertreter der Koalitionspartner und mancher Regionalparteien überzeugte Mukherjee persönlich in langen Telefongesprächen, für ihn zu stimmen.

Der Aufstieg Indiens lahmt

Wie in vielen Ländern hat der indische Präsident überwiegend repräsentative Aufgaben. Er lebt in einem palastartigen Haus in Neu-Delhi, wird von den Menschen verehrt und ist politisch nur dann von Bedeutung, wenn eine Regierungsbildung sich wegen unklarer Mehrheiten schwierig gestaltet. Genau mit dieser Rolle als Königsmacher rechnen Beobachter bei der nächsten Wahl im Jahr 2014.

Doch Indien befindet sich schon jetzt an einem kritischen Punkt, an dem sich die Zukunft des Landes entscheidet. Die Rating-Agentur Standard & Poor's warnte kürzlich davor, Indien könne der erste "gefallene Engel" unter den vier Bric-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) werden.

Denn das Bruttoinlandsprodukt, das bis 2010 regelmäßig im zweistelligen Prozentbereich wuchs, ist im ersten Quartal 2012 um nur 5,3 Prozent gestiegen - so wenig wie seit neun Jahren nicht mehr. Die Aufstiegsgeschichte Indiens zur künftigen Wirtschaftsweltmacht ist zwar nicht zu Ende, aber ein gutes Ende ist eben nicht mehr gewiss. Wie sie ausgeht, hängt mehr denn je davon ab, wer die künftigen Mächtigen im Land sein werden und wie sie agieren.

Eine starke, Aufbruch signalisierende Persönlichkeit wäre jetzt als Präsident gefragt, zumal die Regierung schwächelt. Premierminister Manmohan Singh, Anfang der neunziger Jahre Finanzminister und damals Vorkämpfer der wirtschaftlichen Liberalisierung und damit einer der Väter des indischen Booms, gilt inzwischen als mutlos und führungsschwach. Er sei "im Amt, aber nicht an der Macht", lästern manche. Korruption ist weit verbreitet, das verlangsamte Wirtschaftswachstum kratzt am Selbstbewusstsein der Inder.

Wochenlanges Gezerre um die Mehrheit für Mukherjee

Mukherjee war im Laufe seiner Karriere unter anderem Verteidigungs-, Außen- und zuletzt Finanzminister. Erfahrungen als Finanzminister machte er auch in den achtziger Jahren unter Premierministerin Indira Gandhi. Als diese 1984 von zwei Leibwächtern erschossen wurde, soll ihn Gandhis Sohn Rajiv der Legende nach gefragt haben, wer seiner Meinung zufolge neuer Regierungschef werden sollte. Mukherjee antwortete demnach, am besten geeignet sei - wie schon in der Vergangenheit - der Minister mit der größten Erfahrung. Also er selbst.

Er stieß damit Rajiv Gandhi vor den Kopf, der sich selbst in Stellung brachte. Gandhi setzte sich durch, und Mukherjee gründete aus Frust eine eigene Partei. Erst Jahre später kehrte er, politisch erfolglos, zur Kongresspartei zurück. Ihm haftet seither der Ruf an, nicht nur machthungrig zu sein, sondern auch keine allzu große Rücksicht auf den mächtigen Gandhi-Clan zu nehmen. "Sein größtes Ziel war, Premier zu werden", sagt jemand aus seinem Umfeld, der namentlich nicht genannt werden will. "Er wird aber wohl nur sein zweithöchstes Ziel erreichen, nämlich das Präsidentenamt."

Mukherjee, der in der Öffentlichkeit immer in Shalwar Kameez - knielangem Hemd und Pluderhose - oder in Arbeiteranzügen auftritt, erarbeitete sich mühsam das Vertrauen von Sonia Gandhi, Chefin der Kongresspartei und Schwiegertochter von Indira Gandhi. Die Parteichefin warb bei kritischen Partnern für Mukherjee, aber auch innerhalb der Partei schlug ihr Widerwillen entgegen: Mit Mukherjee sei kein Aufbruch zu erkennen, sondern mit ihm würde ein Traditionalist ins höchste Amt gehievt. Als Finanzminister seit 2009 sei er für die wirtschaftliche Abkühlung mitverantwortlich. Erst nach wochenlangem Gezerre stand eine Mehrheit für Mukherjee.

Das Amt des Finanzministers hat übrigens Premierminister Singh jetzt zusätzlich übernommen, trotz aller Kritik.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Führung
spon-1281885455974 19.07.2012
..der indische Präsident ist nur ein Grüssgottonkel, zu führen hat er garnichts
2. Der Präsident...
juergw. 19.07.2012
Zitat von sysopSeine Wahl gilt als sicher: Pranab Mukherjee soll Indiens neuer Präsident werden. Es gibt nur ein Problem: Über den 76-Jährigen heißt es, er sei der schlechteste Finanzminister in der Geschichte des Landes gewesen. Wie kann so einer das strauchelnde Boomland aus der Krise führen? Präsidentenwahl in Indien: Pranab Mukherjee soll das Amt übernehmen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845336,00.html)
ist doch auch nur ein Grüßaugust .Mit Geld nicht umgehen können-da braucht man ja nur nach Europa schauen.....!
3. ...
knobel 19.07.2012
Ist Indien nicht eines der Länder gegen die wir, wenn überhaupt, nur als gemeinsames Europas eine Chance haben zu bestehen? Na egal, wir werden jetzt ja gottseidank südeuropäisiert, ansonsten sähe es gegen solche globalen Riesen ja wirklich schlecht aus.
4. Schade, schade...
appendnix 19.07.2012
wenn die Darstellungen im Artikel stimmen, wäre der Mann die ideale Besetzung, für das noch zu schaffende Amt, des EU - Finanzministers gewesen. Schade, schade nu isser weg!
5. Tja, so ist das, rein historisch
digitalesradiergummi 19.07.2012
Zitat von knobelIst Indien nicht eines der Länder gegen die wir, wenn überhaupt, nur als gemeinsames Europas eine Chance haben zu bestehen? Na egal, wir werden jetzt ja gottseidank südeuropäisiert, ansonsten sähe es gegen solche globalen Riesen ja wirklich schlecht aus.
Deutschland, also gerade das preussiche war/ist ein globaler bedrohlicher Riese, für die kleinen Nachbarländer. Und jetzt haben wir in Deutschland auch so einen, und noch einen (China). Es ist fraglich, ob und die USA helfen kann oder wird, wenn einer von denen ausrastet. Diese Frage haben sich unsere Nachbarländer auch immer stellen müssen.
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Indien: Wie der Boom das Land verändert

Fläche: 3.166.414 km²

Bevölkerung: 1213,370 Mio.

Hauptstadt: Neu-Delhi

Staatsoberhaupt:
Pranab Mukherjee

Regierungschef: Manmohan Singh

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