Präsidentschaftsbewerber Hollande Polit-Profi von nebenan

Er hat die Vorwahl gewonnen, sogar deutlich: François Hollande schlug seine parteiinterne Gegnerin Aubry und wird Präsidentschaftskandidat der französischen Sozialisten - 2012 darf er gegen Amtsinhaber Sarkozy antreten. Wer ist der Mann?

Von , Paris


Freundlich, umgänglich, unauffällig - einfach normal: Selbst Freunde von François Hollande tun sich schwer, den Sozialisten als Persönlichkeit mit Ecken und Kanten zu beschreiben. Hollande hat diese Reputation lange gepflegt: Er war der joviale Genosse, fleißige Apparatschick und an der Basis beliebte Bonvivant. Am Sonntag hat er nun mit deutlich über 50 Prozent der Stimmen die zweite Runde der Vorwahlen gewonnen - er wird der Spitzenkandidat der französischen Sozialisten bei der Präsidentschaftswahl 2012.

Lange erschien der schlichte Abgeordnete aus dem Departement Corrèze - gleichzeitig Bürgermeister der Stadt Tulle - seinen Landsleuten wie ein Mann ohne Eigenschaften. Doch Hollande, der die parteiinterne Konkurrentin Martine Aubry ausgestochen hat, ist in Wahrheit ein ausgebuffter Profi: Der Präsidentschaftsanwärter, seit mehr als drei Jahrzehnten im Geschäft, hat sich Stufe für Stufe die Karriereleiter heraufgearbeitet und Seilschaften geknüpft. Er verbindet - jenseits seiner bescheidenen Erscheinung - hartnäckige Entschlossenheit mit weitreichenden Ambitionen. Nun scheint selbst das höchste Amt der V. Republik erstmals in Reichweite.

Lange blieben diese Charakterzüge hinter dem Habitus eines braven Buchhalters verborgen. Das liegt auch an der Tatsache, dass der 57-Jährige nur wenig von seinem Privatleben preisgibt. Seine langjährige Lebensgefährtin Ségolène Royal (die selbst einmal Präsidentschaftskandidatin der Sozialisten war) scheute sich nicht, mit Familie und Kindern in Hochglanzmagazinen zu posieren. Selbst als frisch entbundene Mutter ließ sie sich 1992 für "Paris Match" ablichten, lange bevor die "Amerikanisierung" des Wahlkampfes, das "Storytelling" zum emotionellen Standardformat der Polit-Propaganda gehörte.

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Sozialisten in Frankreich: Sieg für Hollande
Hollande hingegen hielt sich mit Einblicken in Persönliches zurück. Keine Vertraulichkeiten, keine Bekenntnisse aus der Privatsphäre. Fast ein Ausrutscher schon im Sommer die Bemerkung, mit der er Valérie Trierweiler, seine neue Freundin, als "Frau meines Lebens" qualifizierte.

Der Vater war ein extrem rechter Nationalist

Mag sein, dass die beinahe protestantische Zurückhaltung in den Genen liegt: Seine Vorfahren kamen vor rund 400 Jahren aus den Niederlanden - daher der Name. François freilich wuchs in einer traditionellen, katholischen Familie auf. Der autoritäre Vater, Mediziner, bewunderte Marschall Pétain und verachtete General De Gaulle. Der eingefleischte Anti-Kommunist kandidierte nach dem Krieg gar erfolglos für extrem-rechte Nationalisten. Die Mutter freilich hegte heimliche Sympathien für die Linke, so berichtet es Hollandes Biograf Serge Raffy in "François Hollande. Itinéraire secret".

An der Pariser "Sciences Po" engagiert sich der angehende Anwalt in studentischen Organisationen und bewundert den Sozialistenführer François Mitterrand. Auf der Elitehochschule ENA, die er 1980 abschließt, trifft er auf Ségolène Royal, unter den Kommilitonen als "Miss Eiswürfel" bekannt. Die wird hinfort sein Leben begleiten - sie haben vier gemeinsame Kinder. Aber bei der Karriere hat sie oft die Nase vorn: Hollande wird von Mitterrands Mitarbeiter Jacques Attali als Wirtschaftsberater an den Elysée geholt, doch Royal schafft schon 1992 den Sprung auf den Ministersessel.

Eine Funktion, die François Hollande nie einnehmen wird. Diesen Mangel an Erfahrung in der Exekutive kreiden ihm seine Gegner bis heute an. Stattdessen bleibt er Abgeordneter, fungiert zwischen 1995 und 1997 als Sprecher des Parteiapparats, den er bis 2008 als Generalsekretär führen wird.

Als Sozialistenboss führt er mit Augenmaß, er ist kein Mann der kämpferischen Kraftprobe, sondern des Kompromisses - um fast jeden Preis. Die Folge: Trotz seines Anspruchs auf die Präsidentschaftskandidatur wird er 2006 ausgerechnet von seiner Lebensgefährtin überholt - Royal wird gekürt, François beschränkt sich auf eine undankbare Nebenrolle. Schließlich scheitert Royals Kandidatur 2007, französischer Präsident wird Nicolas Sarkozy. Nun geht auch die Beziehung des Politikerpaars zu Ende. François Hollande verlässt seinen Führungsposten an der Spitze der Partei.

Gegner verspotten ihn als "wachsweichen Linken"

Das Comeback, privat wie politisch, wird ein schwieriger Parcours. Doch Hollande, als Versager abgestempelt, beginnt einen neuen Lebensabschnitt. Dazu gehört die neue Beziehung, die neue Brille, der verschlankte Look. Schluss mit Fritten, Schokolade und Patisserien, stattdessen physisches Abspecken und intellektuelles Aufrüsten mit einem engen Zirkel von Freunden und Vertrauten. Zugleich beginnt Hollande eine Wallfahrt durch die Lokal- und Regionalverbände, wärmt alte Verbindungen auf und knüpft - unterhalb des medialen Radars - an seinem Netzwerk, lange bevor die PS-Konkurrenten die Kandidatenkür dieses Herbstes in Angriff nehmen.

Wo sich die Konkurrenten mit einem Katalog von Vorschlägen überbieten, beschränkt sich Hollande auf ein Kernprogramm mit wenigen Punkten: Jugend, Erziehung, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung. Das verschafft ihm den nötigen präsidialen Habitus - aber ohne eindeutige ideologische Positionierung. Ein Verzicht, der ihm bei der Parteilinken den Vorwurf des Lavierens einbrachte. Konkurrentin Martine Aubry bezeichnete Hollande gar als Vertreter einer "wachsweichen Linken". Der bleibt gelassen und erhält, dank seines versöhnlichen Kalküls, nach dem ersten Wahlgang die Unterstützung der anderen Kandidaten.

Von der Pose des Landesvaters, jenseits aller "sektiererischer Tendenzen", dürfte er auch künftig profitieren: "Er ist zwar links, aber setzt weder auf Brüskierung noch auf Show", schreibt Eric Maigret, Mediensoziologe an der Pariser Sorbonne, in der Zeitung "Libération". "Er ist sehr beherrscht und jemand, der sich eher in der Synthese wiederfindet als im Bruch."

Mit diesem sozialdemokratischen Kurs zielt Hollande schon jetzt über das eigene, linke Lager hinaus auf die verunsicherten Wähler der bürgerlichen Mitte. Und wichtiger noch: Der selbsternannte "normale Kandidat" setzt sich mit seiner fast offensiv vorgetragenen staatsmännischen Bescheidenheit deutlich ab vom hyperaktiven Selbstdarsteller Sarkozy.

Das Rennen um den Einzug in den Elysée hat seit diesem Wochenende begonnen - mit einem ernstzunehmenden Kandidaten der Opposition.



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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
frank.schmitt@gmail.com 16.10.2011
1. Standart
Peinlich peinlich...
frau_flora 16.10.2011
2. .
Zitat von frank.schmitt@gmail.comPeinlich peinlich...
In der Tat. Der "Apparatschick" ist auch grenzwertig.
smartinus 16.10.2011
3. ?
Zitat von frank.schmitt@gmail.comPeinlich peinlich...
Über wen oder was sprechen Sie? Für manchen Leser mag es den Eindruck erwecken, es würden im Forum bisweilen Selbstgespräche geführt.
derandersdenkende 17.10.2011
4. Derartige Kanditatenküren haben Vor-und Nachteile.
Zitat von sysopEr hat die Vorwahl gewonnen, sogar deutlich: François Hollande schlug seine parteiinterne Gegnerin Aubry und wird Präsidentschaftskandidat der französischen Sozialisten - 2012 darf er gegen Amtsinhaber Sarkozy antreten. Wer ist der Mann? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,792109,00.html
Die Vorwahl bietet die Möglichkeit einen Kanditaten auf möglichst breitester Basis zu küren. Das ist an sich gut. Nur es bietet auch die Möglichkeit, daß u.a. Anhänger von Sarkozy oder Le Pen sich an der Vorwahl beteiligen und damit einen Kanditaten, der ihrem Favoriten gefährlich werden könnte, verhindern.
Grosskotz 17.10.2011
5. Und die Bibel hat doch recht
Mdm. Aubry sagte von ihrem Konkurrenten Hollande daß er ein Weichei oder Softi(so ungefähr) wäre. Es mag zutreffend sein, daß er das ist. Unter Matthäus 5.5 findet sich bei den Seligpreisungen folgende: "Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen".
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