Aus Orlando berichtet Sebastian Fischer
In Orlando ist alles möglich. Ein Flug ins All? Eine Bootsfahrt im Dschungel? Ein Abstecher nach Bayern oder ein Treffen mit Mickymaus? Kein Problem. Kann hier alles organisiert werden: in Disney World. Es ist der Ort der wahr werdenden Träume. Trifft sich prima, dass an diesem Wochenende gleich um die Ecke auch die Republikaner am Start sind.
Immerhin widmen die sich derzeit der nicht ganz leichten Aufgabe, einen Herausforderer für Barack Obama zu finden. Den kennt jeder. Die Republikaner haben Mitt Romney, Rick Perry, Michele Bachmann, Rick Santorum, Ron Paul, Herman Cain und noch ein paar andere. Muss man sich die merken? Hat überhaupt einer von ihnen das Zeug zum Präsidenten?
Mal sehen. Floridas Republikaner haben rund 3000 Delegierte und neun der Präsidentschaftsbewerber für ein Wochenende in Orlando versammelt. Drei Tage in drei edlen Plattenbauten und einer Messehalle. Ein Ambiente wie DDR unter Palmen. Es gibt eine TV-Debatte, zig Wahlkampfauftritte in zig Hotelsälen, und am Ende wird in einer Abstimmung ("Straw Poll") der Gewinner gekürt.
Natürlich sind auch die mächtigen republikanischen Untergruppierungen da: die Leute von der radikalen Tea Party, die "Faith and Freedom Coalition" oder die "Conservative Political Action Conference".
Herzlich willkommen im republikanischen Disney World.
Republikaner in Revoluzzerklamotte
Hier gibt es Bücher, die versprechen, dass jeder Demokrat eigentlich ein Republikaner sein könnte - wenn er denn nur Hirn hätte. Schwer angesagt ist Kleidung aus dem 18. Jahrhundert. Aus einer Zeit also, in der man noch gegen die Briten um die Unabhängigkeit focht - und ein paar Ladungen englischen Tees aus Protest gegen deren Steuerpolitik im Hafen von Boston versenkte.
Herrliche Zeiten. 238 Jahre später baut sich ein Tea-Party-Aktivist in Revoluzzerklamotte im Foyer des Rosen Centre Hotels auf. Die Lanze in der rechten und ein Porträt von Michele Bachmann in der linken Hand erklärt er die Frau mit den fünf eigenen und 23 Pflegekindern kurzerhand zur "Mother in Chief". Sie müsse Obama ablösen, unbedingt. Ein ganz in den Farben der US-Flagge gekleideter Aktivist, vor Jahrzehnten aus der Sowjetunion geflohen, verkauft "ObamaSutra", sein Spottbuch auf den vermeintlich sozialistischen Präsidenten.
Klamauk und Kitsch? Mag sein. Aber dahinter steckt mehr. Denn die Szenerie in Orlando illustriert einen Grundkonflikt in der Republikanischen Partei: Da sind die einen, die nach dem härtesten, dem radikalsten Bewerber suchen. Es sind jene, die alles verdammen, was aus der Hauptstadt Washington kommt; die ihre politischen Informationen direkt von Gott zu beziehen glauben; für die der Gegner längst zum Feind geworden ist; die aus Steuerpolitik eine Ideologie machen und Obamas Präsidentschaft nie anerkannt haben. Mit Bachmann, Perry, Ron Paul und Herman Cain sind schon mindestens vier Bewerber im Rennen, die vorzugsweise um deren Stimmen kämpfen.
Das republikanische Establishment kann sich längst nicht mehr sicher sein, ob es noch die Mehrheit in der Partei hat. Im Parlament von Washington stehen seine Vertreter immer öfter vor der Frage, ob sie mit den eigenen Leuten vom rechten Flügel zusammenarbeiten oder mit gemäßigten Demokraten einen Kompromiss finden wollen. Das Ergebnis ist aus Sicht dieser Republikaner in beiden Fällen kritisch: Im einen Fall legen sie das politische System lahm, im anderen riskieren sie die Spaltung der Partei.
Romney oder Perry oder doch ein anderer?
In der Frage des Präsidentschaftsbewerbers muss es allerdings auch um die Wählbarkeit gehen. Denn was bringt es, jemanden aufzustellen, der zwar die Radikalen bindet - aber die Mehrheit der Wähler abstößt?
Klar ist allen Lagern der Republikaner: Florida ist sowohl für die Vorwahlen im kommenden Jahr als auch für den Kampf gegen Obama der möglicherweise entscheidende Staat. Er ist einer der größten - und dabei doch ziemlich unberechenbar. Die Organisatoren des Straw Poll sagen: "Wenn du Florida 2012 verlierst, kannst du nach Hause gehen. Gewinnst du aber, geht es ins Weiße Haus."
Als Sieger aus der TV-Debatte am Donnerstagabend geht zwar der liberalere Mitt Romney hervor, früherer Gouverneur von Massachusetts und Hunderte Millionen Dollar schwerer Geschäftsmann. Doch stellen sich auch gemäßigtere Republikaner die Frage: Hat der Hardliner Rick Perry mit seinen Attacken gegen Romney ("Obama-lite") nicht vielleicht doch recht?
Und Perry selbst? Der liegt bisher in den Umfragen vor Romney, doch hat er sich in den drei TV-Debatten im September als unsicher erwiesen. Dass Obama einen Gegner Perry rhetorisch auseinander nehmen würde, da sind sich nachher viele Republikaner auf den Hotelfluren sicher. Von der Pakistan-Panne ist dann stets die Rede. Perry wurde in der Debatte die Frage gestellt, was er denn zu tun gedenke, wenn er als Präsident nachts um drei einen Anruf erhalte, dass Pakistan die Kontrolle über seine Nuklearwaffen an die Taliban verloren habe? Der Texaner antwortet daraufhin unter anderem mit dem Hinweis, dass man den indischen Alliierten auf jeden Fall verbesserte F-16-Kampfjets hätte verkaufen sollen. Nun ja.
Nicht Romney, nicht Perry - wer denn dann? Am Wochenende machen Gerüchte die Runde, wonach republikanische Geldgeber nach neuen Kandidaten Ausschau halten. Immer wieder fällt der Name des Gouverneurs von New Jersey, Chris Christie. Er überlege sich die Sache, heißt es. Auch in Orlando begreifen die anderen Bewerber, dass sich da gerade eine Lücke auftut.
"Yes we Cain!"
Ihre Wahlkämpfer geben alles, wuseln mit Plakaten und Flyern durch die Menge. "Wir kämpfen für Rick Santorum", teilen spärlich bekleidete Damen auf höchsthackigen Schuhen mit. Der marktliberale Ron Paul schickt nerdige Campaneros los, die auch einen Computerkurs an der Uni geben könnten, nun aber von einer Medienverschwörung zu berichten wissen. Die Journalisten würden Paul ignorieren, weil er einfach immer die Wahrheit sage. An dieser Stelle jedenfalls ist der Mann nun erwähnt.
Letztlich ist es ein anderer, der an diesem Wochenende das Rennen macht: Herman Cain, Ex-Chef der Restaurantkette "Godfather's Pizza", gesegnet mit einem rhetorischem Talent, das nicht nur seine Freunde von der Tea Party anzuziehen scheint. Cains Sieg zeichnet sich schon am Vorabend des Straw Poll ab. Da hat er in einen kleinen Saal des Rosen Centre geladen, quasi zum Ausklang des Tages. Es sollte eine furiose Polit-Show werden.
Wegen des großen Andrangs weicht Cain in einen anderen Saal aus, die Stühle lässt er gleich heraus räumen. Ein paar kostümierte Tea-Party-Bewegte singen "God bless America". Andere skandieren "Yes we Cain". Dann kommt Cain: Seine Kampagne sei am Ende, habe es noch vor kurzem geheißen, er kenne solche Sprüche von seiner Krebserkrankung fünf Jahre zuvor. Da habe man ihm auch gesagt, der Krebs werde ihn töten: "Ich habe ihn besiegt", ruft Cain unter dem Jubel seiner Anhänger.
Keine 24 Stunden später stimmen die Delegierte der Florida-Republikaner ab. Cain erhält 37 Prozent, Perry liegt mit nur 15 Prozent noch knapp vor Romney, Santorum und Paul kommen auf rund zehn Prozent, Michele Bachmann landet mit 1,5 auf dem letzten Platz.
"Danke für die Unterstützung, Leute!", twittert Cains Presseteam noch in der selben Minute.
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