Präsidentschaftswahl 2017 Sarkozy im Kampf gegen den Eisberg

Probelauf für die Präsidentschaftswahl 2017: Erstmals entscheiden Frankreichs Konservative per Urwahl über ihren Spitzenkandidaten: Sieben Aspiranten bewerben sich - es geht nicht nur um Programme, sondern um Stil.

AFP

Von , Paris


Bisher haben sie sich aus der Ferne beharkt, mit bissiger Ironie verfolgt oder galliger Kritik überzogen - Donnerstagabend treffen sie erstmals live in einer TV-Runde aufeinander. Sieben Kandidaten der Partei "Les Républicains" (LR) - darunter eine Frau - treten beim Sender TF1 zur ersten von drei Debatten an. Ziel des politischen Schaulaufens: Die Kür zum LR-Spitzenkandidaten für die Präsidentschaftswahl 2017.

Für die Konservativen ist es eine Premiere. Kungelten bisher Parteigremien aus, wer die Partei beim Kampf um den Einzug in den Élysée-Palast vertreten durfte, können diesmal alle wahlberechtigten Bürger entscheiden: Nötig sind für die beiden Durchgänge am 20. und 27. November lediglich die Unterschrift unter ein "republikanisches Wertebekenntnis" und zwei Euro Gebühren.

Es geht um viel: Der gekürte LR-Kandidat hat, angesichts der derzeit dürftigen Chancen der Sozialisten, gute Aussichten im kommenden Mai in einer Stichwahl gegen die Chefin des rechtsradikalen Front National anzutreten - um würde sich dann wahrscheinlich gegen Marine Le Pen durchsetzen.

Deswegen übertrumpfen sich die LR-Promis mit Vorschlägen zu den Krisenthemen Arbeitslosigkeit, Haushaltsdefizit und sozialer Dauermisere. Die Konkurrenten versprechen den Abbau aufgeblähter Institutionen, mehr Investitionen, weniger Steuern. Vor allem aber versuchen sie sich als präsidiale Alternativen zu profilieren.

Denn mehr als alle Programme, die sich inhaltlich oft überschneiden, zählen Charakter, Stil und Glaubwürdigkeit - die LR-Urwahl ist ein Krieg der Köpfe.

Aussichtsreich im Rennen:

  • Alain Juppé: Er amtierte schon 1995-97 unter Jacques Chirac als Premier. Mit 71 Jahren der älteste LR-Kandidat, gilt der Bürgermeister von Bordeaux als Favorit der Umfragen. Juppé setzt auf ein Frankreich der "glücklichen Identität" und grenzt sich damit bewusst vom polarisierenden Stil seines schärfsten innerparteilichen Rivalen ab - Nicolas Sarkozy .
  • Nicolas Sarkozy: Der Ex-Präsident, 61, hofft noch immer die Revanche für seine knappe Niederlage gegen den Sozialisten François Hollande 2012. Er versucht ein Comeback mit den einst erfolgreichen Reizthemen - Immigration, Islamismus, Identität. Sarkozys sorgsam inszenierte Auftritte sind voller Seitenhiebe auf die Mitbewerber.
  • Bruno Le Maire: Der Ex-Minister für Landwirtschaft, der fließend deutsch spricht, liegt in den Umfragen bei zehn Prozent. Sein Programm, ein detaillierter Polit-Fahrplan von mehr als tausend Seiten, zielt auf einen drastischen Umbau der Republik, Generationenwechsel inklusive. Daher präsentiert sich der 47-Jährige als "Mann der Erneuerung".
  • François Fillon, 62, einst Ministerpräsident Sarkozys, erscheint mit seinem ultraliberalen Kurs als "Thatcher Frankreichs". Kopf an Kopf mit Konkurrent Le Maire, gibt sich Fillon auch als Vertreter christlicher Werte. So will er wertkonservative, ältere Bürger ansprechen.

In den Umfragen abgeschlagen:

  • Nathalie Kosciusko-Morizet, 43, einzige Frau im Feld der Kandidaten, war Sarkozys Umweltministerin. Die Abgeordnete aus Paris tritt an mit dem Slogan "Neue Gesellschaft, neues Frankreich". Die gelernte Ingenieurin, in den Umfragen bei rund drei Prozent, will den Wechsel zu einer wettbewerbsfähigen, digitalen Wirtschaft.
  • Jean-François Copé, 52, einst enger Gefolgsmann Sarkozys und Parteichef der Konservativen, bis er von dessen Seilschaft ausgebootet wurde, möchte Frankreich per Dekret reformieren, "wie einst General Charles de Gaulle". Seine Kandidatur hat den Rückhalt von etwa 1,5 Prozent der LR-Basis.
  • Jean-Fréderic Poisson, 53, Präsident der kleinen christdemokratischen Partei (PCD). Die Formation darf als Ableger der Republikanischen Partei an der Kandidatenkür teilnehmen. Der Abgeordnete, geachteter Experte für Arbeitsrecht, ist erklärter Gegner von Abtreibung und Homo-Ehe.

Auch wenn im Studio von TF1 alle Kandidaten der Konservativen aufeinandertreffen, geht es bei der Debatte vor allem um den Schlagabtausch zwischen den beiden Favoriten.

Hier Sarkozy, der kämpferisch-aggressive Kandidat, der rechte und rechtsextreme Wähler umwirbt: Unlängst forderte er von Einwanderern das Bekenntnis zum historischen Erbe der Nation, was ihm prompt den spöttischen Spitznamen "Sarkozyx, der Gallier" einbrachte. Dann verlangte er eine Volksabstimmung zur Internierung von gefährlichen Terrorverdächtigen oder der Begrenzung des Familiennachzugs.

Juppé liegt bei Themen wie Sicherheit und Wirtschaft auf vergleichbarem Kurs, sein Tonfall zeigt aber mehr Augenmaß und Abgeklärtheit. Das trägt ihm den Vorwurf ein, er sei ein "Eisberg" (Bruno le Maire) und sein Programm bloß "Kräutertee" (François Fillon). Juppé bekennt sich indes zu seinem Projekt, "ohne Ausschmückungen, sondern ausgewogen, kohärent und realistisch."

Juppés Trumpf ist, dass er nicht an den Versäumnissen einer ersten Amtszeit gemessen werden kann. Sarkozy hingegen wird verfolgt von seiner Vergangenheit, seinen Affären und Skandalen: Die Justiz wirft ihm illegale Kampagnenfinanzierung vor, das jüngste Enthüllungsbuch seines Beraters Patrick Buisson schildert ihn als "kalkulierend und manipulativ", stets nur bedacht auf seine "mediale Wirkung".

"Sarkozy spielt mit den Emotionen der Wähler, Juppé appelliert an ihren Verstand", sagt Frédéric Dabi, Meinungsforscher bei Ifop. "Die Angst vor dem Terrorismus ist von Vorteil für Sarkozy, aber die beruhigende Position von Juppé zählt sich aus bei Bürgern der Mitte und der Linken, zuerst aber bei Senioren. Die sind die zahlreichsten und eifrigsten Wähler."

insgesamt 4 Beiträge
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nascado 13.10.2016
1. Armes Frankreich
Mit diesem Pesonal wird Frankreich nicht wieder zur Grande Nation. Ist ja noch schlimmer als bei uns. Vielleicht brauchen die tatsächlich mal eine Periode Le Pen um sich wieder neu zu formieren. Ansonsten ist die Auswahl so uninteressant, dass man sich das mit der Urwahl eigentlich sparen könnte. Aber ein schöner von der EU subventionierter Bauernstaat ist wohl immer noch der geheime Wunsch vieler Franzosen.
hansriedl 14.10.2016
2.
Zitat von nascadoMit diesem Pesonal wird Frankreich nicht wieder zur Grande Nation. Ist ja noch schlimmer als bei uns. Vielleicht brauchen die tatsächlich mal eine Periode Le Pen um sich wieder neu zu formieren. Ansonsten ist die Auswahl so uninteressant, dass man sich das mit der Urwahl eigentlich sparen könnte. Aber ein schöner von der EU subventionierter Bauernstaat ist wohl immer noch der geheime Wunsch vieler Franzosen.
Es wird ein Duell, Le Pen gegen Sarkozy. Hollande wird wie Gabriel in der Versenkung verschwinden.
de_populist 14.10.2016
3.
Sarkozy wildert bei rechten Themen, nichts neues. Aber er liegt falsch wenn er denkt die Franzosen würden ihm deswegen die Korruptionsskandale verzeihen. Neben den lahmenden Republikanern und den Post-Hollande Sozialisten gibt es gute Chancen für den Anwärter einer dritten Partei. Und das ist zweifellos Marine Le Pen.
Thomas Schröter 14.10.2016
4. Sarkos Libyen-Krieg destabilisierte Europa
Mit Sarkos Libyen-Krieg wurde nicht nur Nordafrika dauerhaft destabilisiert sondern Europa und ein zentrales Motiv für den Brexit geschaffen, was womöglich in der Auflösung der EU mündet. Sarko machte damit AL Quaida und den IS als Combatanten hoffähig. Hoffentlich vergessen die Franzosen das nicht.
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