Präsidentschaftswahl in Chile Duell der Töchter

Michelle Bachelet und Evelyn Matthei waren Freundinnen - bis die Pinochet-Diktatur sie entzweite: Der eine Vater starb im Foltergefängnis, der andere machte Karriere. Jetzt wollen beide Frauen Präsidentin werden. Ihre Geschichte steht für das Schicksal Chiles.

DPA

Von , Santiago de Chile


Evelyn Matthei ist eine höfliche Frau. Wenn ein deutscher Korrespondent ihr eine Frage stellt, begrüßt sie ihn in seiner Muttersprache - schließlich wanderten Mattheis Vorfahren einst aus Kassel nach Chile aus. Nur bei einem Thema verhärten sich die Züge der Präsidentschaftskandidatin umgehend:

"Wie ist ihr Verhältnis zu ihrer Konkurrentin Michelle Bachelet?"

Mattheis Antwort kommt knapp und ein bisschen zu scharf: "Ich respektiere sie, aber ich kenne sie kaum!"

"Aber Sie haben doch als Kinder zusammen gespielt, waren befreundet."

"Ich kann mich daran nicht erinnern. Unsere Väter waren befreundet, nicht wir."

Man könnte Evelyn Matthei diese Aussagen als politische Notlüge auslegen. Denn die 60-jährige Kandidatin der ultrarechten Pinochet-Partei UDI und die 62-jährige sozialistische Bewerberin Bachelet stehen sich am Sonntag als Konkurrentinnen in der Stichwahl um das Präsidentenamt gegenüber. Und da passt es nicht so richtig, dass die beiden vor mehr als fünfzig Jahren auf der Luftwaffenbasis Cerro Moreno im Norden Chiles zusammen Fahrrad gefahren sind. Ihre Väter Fernando Matthei und Alberto Bachelet waren dort stationiert und so eng miteinander befreundet, dass sie ihre Kinder jeweils dem anderen anvertrauten, wenn sie auf einen Einsatz mussten. So hat es Evelyn Matthei selber einmal berichtet.

Die Geschichte der beiden Mädchen ist eine Parabel auf das Land, in dem die Wunden der Diktatur auch fast 25 Jahre nach ihrem Ende noch offenliegen. Bachelet und Matthei sind politisch grundverschieden, aber durch ihre persönliche und schmerzliche Geschichte miteinander verbunden. In ihr spiegelt sich all das wider, was das schmale Land zwischen Anden und Pazifik noch immer spaltet wie ein bleierner Vorhang.

Von den Vätern hat der eine Mut, ist aber unvorsichtig; der andere ist mutlos, erst Mitläufer, später Mittäter. Alberto Bachelet, Michelles Vater, sympathisierte schon immer mit links und wird unter der Regierung von Präsident Salvador Allende, der 1970 als erster Marxist durch Wahlen an die Macht kommt, Chef des Ministeriums zur Bekämpfung des Schwarzmarktes. Sein konservativer Freund Fernando hatte ihm abgeraten, den Job anzunehmen.

Bachelet stirbt im Foltergefängnis

Matthei verbringt die meiste Zeit während der Allende-Regierung in London als Militärattaché an der chilenischen Botschaft. Auch den Staatsstreich vom 11. September 1973, als der Putschist Augusto Pinochet den Präsidentenpalast bombardieren lässt und Allende sich das Leben nimmt, erlebt Matthei im fernen Europa. Evelyn und Michelle sind da gerade Anfang zwanzig.

Von nun an laufen die Biografien in entgegengesetzte Richtungen. Alberto Bachelet, den Evelyn immer "Onkel Beto" nannte, wird in der gefürchteten "Academia de Guerra de la Aviación", der Luftkriegsakademie interniert, deren Leiter nach seiner Rückkehr aus England im Januar 1974 Fernando Matthei wird. Fernando weiß, dass nur wenige Meter von seinem Büro entfernt die Folterknechte Hand an seinen Freund legen. Er bewegt aber keinen Finger für ihn. Am 12. März 1974, wenige Monate nach dem Putsch, stirbt Alberto Bachelet an einem Herzinfarkt in Folge seiner Misshandlungen.

Später, viel später, sagt Matthei, dass er es bereue, Bachelet nie in den Folterkellern besucht zu haben: "Ich schäme mich dafür". Er setzte seine Karriere im Diktatoren-Regime erst als Gesundheitsminister und dann 13 Jahre lang als Mitglied der Militärjunta fort.

Michelle studiert in Leipzig

Auch die Wege der Töchter trennen sich zwangsläufig. Michelle und ihre Mutter Angela werden kurzfristig in der "Villa Grimaldi" interniert, dem gefürchtetsten Foltergefängnis des Geheimdienstes DINA. Dann gehen sie ins Exil, erst nach Australien, schließlich in die DDR. Bachelet studiert Medizin, wird Kinderärztin. In Leipzig kommt ihr Sohn zur Welt. 1979 kehrt sie nach Chile zurück. Evelyn Matthei hingegen beendet die deutsche Schule, geht nach dem Putsch zurück nach London, überlegt eine Zeitlang, Konzertpianistin zu werden, entschließt sich dann aber, ein Wirtschaftsingenieurstudium zu beginnen.

Beide Frauen machen später als Politikerinnen Karriere. Bachelet wird erst Gesundheits- und dann Verteidigungsministerin und schließlich von 2006 bis 2010 Präsidentin Chiles. Anschließend zieht es sie als Frauenbeauftragte zu den Vereinten Nationen nach New York. Matthei geht in den Senat und wird im Kabinett des scheidenden Staatschefs Sebastián Piñera Arbeitsministerin.

Während die politischen Ansichten der Sozialistin sich zur Mitte bewegen, radikalisieren sich die von Matthei. 1998, als Ex-Diktator Pinochet in London über Monate in Haft genommen wird, ruft sie zum Boykott britischer Waren auf. Noch heute findet die rechte Politikerin, dass der blutrünstige Gewaltherrscher Chile mit seinem Putsch vor dem Kommunismus gerettet hat.

Am Sonntag nun schließt sich der Kreis. Und die Geschichte bringt die beiden Frauen wieder zusammen, deren Weg nach der Kindheit so unterschiedliche Richtungen genommen hat. Allen Prognosen zufolge wird Bachelet die Wahl deutlich gewinnen. Das wäre ein Stück historische Gerechtigkeit.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Bad_Species 14.12.2013
1. Biographien gibt's...
Als ob sie sich ein schlechter Politschnulzenautor ausgedacht hätte. Fehlt nur noch, dass sie sich am Ende in der GroKo versöhnen. Na dann mal viel Erfolg Frau Bachelet.
meinmein 14.12.2013
2. Ins Gesicht geschrieben
Es ist schon verwunderlich, wie sehr den Menschen die politische Gesinnung vom Gesicht abzulesen ist.
FKassekert 14.12.2013
3. Die Demokratin gewinnt
und das ist gut fuer das Land CHILE>
ein anderer 14.12.2013
4.
Chile ermahnt uns immer wieder wie Frei die freie Welt damals doch war. Und wer sehen möchte wie frei die freie Welt heute ist sollte seinen Blick auf die seit Bush jr. gestartete Remilitarisiserung Süd- und Mittelamerikas der USA richten. Denn nicht nur in den Meeren vor China braut sich ein Sturm auf.
ronald1952 14.12.2013
5. So wie die Dame in Rot da steht,
Zitat von sysopDPAMichelle Bachelet und Evelyn Matthei waren Freundinnen - bis die Pinochet-Diktatur sie entzweite: Der eine Vater starb im Foltergefängnis, der andere machte Karriere. Jetzt wollen beide Frauen Präsidentin werden. Ihre Geschichte steht für das Schicksal Chiles. http://www.spiegel.de/politik/ausland/praesidentschaftswahl-in-chile-michelle-bachelet-gegen-evelyn-matthei-a-938895.html
könnte man glatt zu dem Schluß kommen sie hält sich für einen Herrenmenschen, wie das die Rechten doch immer so für sich beanspruchen. Sehr Unsymphatisch die Dame.So etwas braucht dieses Land mit Sicherheit nicht,noch so eine Ultrarechte Diktatur und das würde es werden, sind erst einmal die Rechten an der Macht. Hoffentlich sind die Wähler dort klug genug das zu erkennen. schönen Tag noch,
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