Frankreichs Präsidentschaftskandidaten La Qual der Wahl

Sie vertreten Programme von extrem rechts bis extrem links: Elf Politiker haben es auf die offizielle Kandidatenliste zur französischen Präsidentschaftswahl geschafft. Hier die Kurzporträts.

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Von Stefan Simons, Paris


Fünf Wochen sind es noch bis zur Präsidentschaftswahl in Frankreich - nun steht die offizielle Kandidatenliste fest. Von den ursprünglich 82 Bewerbern haben sich laut Verfassungsrat zwei Frauen und neun Männer qualifiziert: Sie haben es geschafft, jeweils 500 Unterschriften aus dem Kreis bestimmter Volksvertreter zu sammeln.

Bei den aussichtsreichsten Kandidaten war schon vorher klar, dass sie die Anforderung erfüllen können, Kandidaten kleinerer Parteien mussten um jede Paten-Unterschrift kämpfen. Als Paten zugelassen sind zum Beispiel Abgeordnete, Senatoren, Bürgermeister und Regionalräte.

Die erfolgreichen Bewerber und Bewerberinnen vertreten Programme von extrem rechts bis links, dazwischen tummeln sich Sozialdemokraten, Vertreter der Mitte, Trotzkisten, Souveränisten oder Nationalisten. Hier alle Kandidaten im Überblick:

Marine Le Pen: Rechtsextreme mit Chancen

Marine Le Pen
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Marine Le Pen

Für die Chefin des rechtsradikalen Front National (FN) ist dies der zweite Anlauf bei einer Präsidentschaftswahl - und diesmal hat die Tochter von Parteigründer Jean-Marie die Chance auf einen Sieg. In einigen der Umfragen führt sie mit 26,8 Prozent. Die 48-Jährige steht für einen europafeindlichen Kurs, sie vertritt eine Mischung aus Protektionismus, Fremdenfeindlichkeit und "ökonomischem Patriotismus". Auch den Austritt aus dem Euro sieht sie als Option.

Gegen Le Pen wird wegen der Veröffentlichung brutaler Fotos im Internet ermittelt. Ein Ausschuss des EU-Parlaments hat empfohlen, ihre Immunität aufzuheben. Rechtfertigen muss sie sich auch wegen Scheinbeschäftigung parlamentarischer Assistenten, unkorrekter Steuererklärungen und undurchsichtiger Wahlkampffinanzierungen. Für sie und ihre Anhänger der Beweis eines "Komplotts des Systems".

Emmanuel Macron: Hoffnungsträger der Mitte

Emmanuel Macron
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Emmanuel Macron

Jung, neu, charismatisch - der parteilose Kandidat ist die Überraschung des Wahlkampfes. Mit seiner Bewegung "En Marche!" versucht der Ex-Wirtschaftsminister das traditionelle Rechts-links-Schema von Frankreichs Parteienlandschaft zu überwinden.

Der Seiteneinsteiger ist wirtschaftlich liberal und dezidiert proeuropäisch, er selbst beschreibt sich als progressiv. Rückhalt bekommt der 39-Jährige von frustrierten Promis der Sozialisten sowie enttäuschten Republikanern.

Zwar gibt es Vorermittlungen der Justiz gegen ihn wegen eines Auftritts in den USA als Minister, und auch zu seiner Vermögenserklärung bestehen Fragen. Doch bislang schadete das seiner Popularität wenig: 25,8 Prozent der Wähler wollen laut Umfragen für ihn stimmen. Wichtiger noch: Sollte er im zweiten Wahlgang gegen Marine Le Pen antreten, hätte er gute Aussichten, gegen sie zu gewinnen.

François Fillon: Der Skandalkandidat

François Fillon
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François Fillon

Vor vier Monaten wurde er als selbst erklärter Saubermann zum Kandidaten der Republikaner (LR) gekürt, jetzt wird gegen François Fillon unter anderem wegen Veruntreuung von Staatsgeldern ermittelt. Der 63-Jährige, der seinen Landsleuten eine wirtschaftliche Rosskur verordnen will, ist angeschlagen wegen der Affäre über Scheinbeschäftigung von Frau und Kindern ("Penelope-Gate"), den Enthüllungen über Maßanzüge, die ihm ein reicher Gönner geschenkt haben soll und wegen Berichten über ihm gewährte Darlehen. In den Umfragen ist er auf 18 Prozent abgerutscht, auf die Präsidentschaft hat er nur noch geringe Chancen. Solidarität genießt er - auch mangels personeller Alternative - nur beim Kern wertkonservativer LR-Anhänger. Fillon selbst ist nach wie vor unverzagt: "Nicht die Richter entscheiden, sondern die Wähler."

Benoit Hamon: Der Einsame

Benoit Hamon
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Benoit Hamon

Mit seinem Vorschlag für ein universelles Grundgehalt konnte sich der Vertreter vom linken Flügel der Sozialisten (PS) bei den Vorwahlen durchsetzen. Dennoch hat der ehemalige Erziehungsminister, der nach Kritik am Kurs von Präsident Hollande das Kabinett verlassen musste, alle Mühe, die zerstrittene Partei hinter sich zu bringen. Ex-Premier Manuel Valls verweigerte ihm die Unterstützung.

Sein Programm setzt auf die Stärkung der heimischen Industrie ("Made in France"), die Besteuerung von "Superprofiten" und bessere Sozialleistungen für Familien. Das Handicap des 49-Jährigen ist sein Image. Wo Macron von seiner jugendlichen Aura profitiert, wirkt er zwar sympathisch, aber eher unerfahren. In den Umfragen kommt Hamon auf 13 Prozent.

Jean-Luc Mélenchon: Der Volkstribun bei YouTube

Jean-Luc Melenchon
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Jean-Luc Melenchon

Der 65-Jährige hat den Habitus eines revolutionären Altlinken, führt aber einen modernen Wahlkampf. Sein Videokanal auf YouTube hat 234.000 Abonnenten. 30 Jahre lang war er Mitglied der Sozialisten. 2012 holte er das bislang beste Resultat der extremen Linken: 11,1 Prozent. Nun tritt er für die von ihm selbst gegründete Bewegung La France Insoumise (Das Frankreich der Widerspenstigen) an. Unterstützt wird er von der Kommunistischen Partei (PCF).

Mélenchon fordert die Gründung einer VI. Republik, die Umverteilung des Reichtums, eine Einheitssteuer, die Rente mit 60 und den Ausstieg aus den Europäischen Verträgen und der Nato. In den Umfragen liegt er bei 11,5 Prozent.

Nathalie Artaud: Die Professorin der Trotzkisten

Nathalie Arthaud
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Nathalie Arthaud

Die Dozentin für Wirtschaft und Management will "dem Lager der Arbeiter Gehör verschaffen". Die Kandidatin der trotzkistischen Formation Lutte Ouvrière (Arbeiterkampf) betrachtet den Präsidentschaftswahlkampf als Etappe auf dem Weg zum Aufbau einer "revolutionären kommunistischen Partei" und zur "Machtübernahme durch die Arbeiterklasse". In Umfragen kommt die 46-Jährige auf weniger als zwei Prozent der Stimmen.

Nicolas Dupont-Aignan: Der authentische Gaullist

Nicolas Dupont-Aignan
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Nicolas Dupont-Aignan

Der Kandidat und Präsident von Debout la France (Steh auf, Frankreich) ist Bürgermeister und Abgeordneter im Departement Essonne. Der Absolvent der Kaderschmiede ENA und frühere Ministeriale im Erziehungswesen vertritt ähnliche Positionen wie der Front National, hat ein Bündnis aber stets abgelehnt. Der 55-Jährige ist Vertreter eines ökonomischen Patriotismus und plädiert für strikte Einwanderungskontrollen. Knapp drei Prozent der Wähler würden derzeit für ihn stimmen.

Philippe Poitou: Der Ford-Arbeiter

Philippe Poutou
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Philippe Poutou

Der Kandidat der Neuen Antikapitalistischen Partei (NPA) ist stolz darauf, kein "professioneller Politiker" zu sein. Der 50-Jährige arbeitet seit 1999 als Mechaniker bei Ford und ist seit damals im Kader der kommunistischen Gewerkschaft CGT. Er fordert die Beseitigung von Frankreichs Präsidialsystem, befürwortet ein Verbot von Entlassungen, die Rente mit 60 und den Ausstieg aus der Atomkraft. Umfragen sehen ihn bei unter einem Prozent.

Jean Lassalle: Der Landarbeiter aus dem Südwesten

Jean Lassalle
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Jean Lassalle

Der Sohn einer Familie von Schäfern wurde schon mit 21 Jahren Bürgermeister, nun kandidiert er als parteiloser Mann der Mitte und Anwalt der ländlichen Bevölkerung. Einst war er Mitglied der Zentrumspartei MoDem. Vor zwei Jahren durchwanderte er ganz Frankreich, um den Anliegen seiner Landsleute nachzuspüren. Der Abgeordnete aus den Pyrenäen will mehr Macht für die Kommunen, setzt auf erneuerbare Energien, vertritt ein "starkes Europa" und fordert die Wiedereinführung der Wehrpflicht.

Jacques Cheminade: Der exzentrische Dauerkandidat

Jacques Cheminade
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Jacques Cheminade

Der einst hochrangige Beamte im Wirtschaftsministerium bewirbt sich immer wieder bei den Präsidentenwahlen. Dreimal gelang ihm die Kandidatur für seine Partei Solidarität und Fortschritt (SP). "Entriegeln wir Frankreich, befreien wir uns von der finanziellen Besatzung", so das Credo des 75-Jährigen. Als Botschaftsattaché in den USA machte er die Bekanntschaft von Lyndon LaRouche, einem bizarren Politaktivisten und Verschwörungstheoretiker. Er ist der einzige Kandidat, dessen Projekt ein Raumfahrtprogramm umfasst: Er fordert die Besiedelung von Mars und Mond.

François Asselineau: Monsieur Frexit

François Asselineau
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François Asselineau

Schon 2012 wollte François Asselineau als Präsidentschaftskandidat zur Wahl stehen. Er sammelte damals jedoch nur 17 der 500 notwendigen Unterschriften. Diesmal hat er diese erste Hürde genommen. Asselineau gründete 2007 die EU-kritische Union Populaire Républicaine (UPR). Er fordert nicht nur den Austritt aus dem Euro und der EU, sondern auch, dass Frankreich sich aus der Nato zurückzieht.

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insgesamt 12 Beiträge
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allessuper 19.03.2017
1. endlich
kommt SPIo seiner Aufgabe nach, über die VIELFALT im frz. Wahlkampf zu berichten. Diese Vielfalt wünschte ich uns hier auch, und wenn sie schon bei SPIo als Qual der Wahl bezeichnet wird besagt das einiges aus über unsere Schmalspurigkeit. Inzwischen scheinen wir nur noch zwischen entweder-oder unterscheiden zu können. Da glaubt doch niemand ernsthaft, dass dies die Zukunft der Spezies sichert, oder? Vielfalt ist wichtig und die Mehrheitsdemokratie mit der Wahl zwischen Pest und Cholera hat sich überlebt. Deswegen finde ich Mélenchon als einen "klassichen" frz. Vordenker besonders interessant, da er logischerweise die VI. Republik ausrufen will. Da macht Politik auch wieder Spaß, und bewegt sich nicht nur im letzten Stadium von Hirnverschluss. Mehr davon!
allessuper 19.03.2017
2. PS (= post scritpum und nicht parti socialiste):
Es heißt nicht "universelles Grundgehalt" (Benoit Hamon) sondern "bedingungsloses Grundeinkommen". Merken Sie den Unterschied? Wenn ja bitte sofort korrigieren. Und Macron ist sicher nicht der "Hoffnungsträger der Mitte", zu dem ihn die hiesige Presse hier und dort machen möchte, sondern ein perfektes Marketingprodukt "Neoliberaler Ex-Bänker mit Hollywood-Potential", der bisher sehr viel Glück hatte (dass u.a. Kräfte wie Goldman Sachs und andere seinen Weg ebnen).
breizh44 19.03.2017
3. Vielfalt ...
... vielleicht. Muß aber kein Beweis für Qualität sein. Der Einzige, der hier wohltuend heraussticht, ist Macron. Jung, hochintelligent, erfahren in der Privatwirtschaft. Er hat das Zeug zu einem französischen Trudeau. Vorher wird aber leider noch etwas passieren. So in ca. 3 Wochen können wir mit einer moskau-gesteuerten Fake News Verleumdungskampagne gegen ihn rechnen. Denn sowohl das blonde Gift vom FN , wie auch Fillon haben gute Verbindungen dorthin. Ich irre mich natürlich gerne, aber wundern würde es mich nicht.
allessuper 19.03.2017
4. Ja, als leere Hülle und Projektionsfläche eignet sich Macron
Zitat von breizh44... vielleicht. Muß aber kein Beweis für Qualität sein. Der Einzige, der hier wohltuend heraussticht, ist Macron. Jung, hochintelligent, erfahren in der Privatwirtschaft. Er hat das Zeug zu einem französischen Trudeau. Vorher wird aber leider noch etwas passieren. So in ca. 3 Wochen können wir mit einer moskau-gesteuerten Fake News Verleumdungskampagne gegen ihn rechnen. Denn sowohl das blonde Gift vom FN , wie auch Fillon haben gute Verbindungen dorthin. Ich irre mich natürlich gerne, aber wundern würde es mich nicht.
hervorragend: "Jung, hoch intelligent, erfahren in der Privatwirtschaft" sind alles genau jene Worte, die einen nicht für den Job qualifizieren, Frankreich wirklich nach den Wünschen der Bürger zu verändern. Nur für die Marketingkampagne dazu ist ein Macron tauglich. Er wird ja von GS & Co. beschützt, also kann ihm nichts passieren. Und ja, VIELFALT ist kein Garant für Qualität, aber eine Grundbedingung dafür. Wohin uns in unseren westlichen Demokratien die Mehrheitsdemokratie geführt hat, erleben wir jetzt: Sackgasse. Insofern finde ich die Idee von Mélenchon sehr vielversprechend, die VI. Republik einzuläuten. Macron ist ein Garant von "changement dans la continuité", mehr sehe ich da nicht. Und Trudeau hat sich auch so ziemlich als leere Hülle entpuppt, ebenso korrumpierbar (Urlaub auf Privatinsel usw.) und sogar gewaltbereit (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/justin-trudeau-ellbogen-von-kanadas-premier-trifft-abgeordnete-a-1093234.html) - aber das scheinen die Leute zu mögen.. das empfinden sie als "menschlich", das gibt das Gefühl von "einer von uns".
Papazaca 19.03.2017
5. Vielfalt? Für wie lange?
Soweit ich weiß kommen nach dem ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen die beiden Besten in die Stichwahl. Dann ist es vorbei mit der Vielfalt, denn in Frankreich hat der Präsident das Sagen. Erinnert mich an ein Souffle, geht im Ofen richtig hoch, kann aber auch ganz schnell zusammenfallen.
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