Präsidentschaftswahl in Frankreich Demokraten verbünden sich gegen Le Pen

Nach dem dramatischen Rechtsruck in der ersten Runde der französischen Präsidentenwahl formiert sich ein breites Bündnis gegen die rechtsradikale Nationale Front. In der vergangenen Nacht waren bereits zehntausende Franzosen auf die Straße gegangen, um gegen den Erfolg Jean Marie Le Pens zu protestieren.


Tausende Menschen versammelten sich spontan am Place de la Bastille in Paris
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Tausende Menschen versammelten sich spontan am Place de la Bastille in Paris

Paris - Erste Umfragen zur Stichwahl am 5. Mai sehen Chirac mit 80 Prozent gegen 20 Prozent für Le Pen vorn. Auch die am Sonntag unterlegenen und erniedrigten Sozialisten von Ministerpräsident Lionel Jospin deuteten inzwischen eine Unterstützung für den Neogaullisten Jacques Chirac beim zweiten Wahlgang an.

Der Generalsekretär der Sozialisten, François Hollande, sagte: "Wir werden tun, was wir tun müssen, weil wir Republikaner und Demokraten sind." Ähnlich äußerte sich auch Finanzminister Laurent Fabius. Die Führung der Sozialisten will heute darüber beraten, ob man offen zur Wahl Chiracs aufrufen wolle. Die Parteisekretärin der Kommunisten, Marie-George Buffet, forderte einen "Damm gegen Rechtsaußen" in der Stichwahl.

Die Franzosen sind schockiert vom Wahlergebnis
AFP

Die Franzosen sind schockiert vom Wahlergebnis

Präsident Chirac rief die Franzosen in einer ersten Reaktion zur nationalen Einheit und zur Verteidigung der Demokratie auf. "Demokratie ist das Wertvollste überhaupt", sagte er. "Frankreich braucht euch heute Nacht, ich brauche euch." Es stehe nun der grundsätzliche Glaube an ein humanistisches Weltbild auf dem Spiel.

Front-National-Chef Jean-Marie Le Pen hatte in der ersten Runde am Sonntag überraschend Jospin aus dem Rennen um das Präsidentenamt geworfen und tritt als Zweitplatzierter in der Stichwahl gegen Chirac an. In der Nacht hatten Zehntausende in vielen Städten gegen Le Pen demonstriert.

Sorgt für einen politischen Erdrutsch in Frankreich: Der Rechtsextreme Jean-Marie Le Pen
DPA

Sorgt für einen politischen Erdrutsch in Frankreich: Der Rechtsextreme Jean-Marie Le Pen

Etwa 10.000 Demonstranten hatten sich in den Straßen von Paris versammelt. Auf der historischen Place de la Concorde hielten Demonstranten Pappschilder mit der Aufschrift "Le Pen. Schande." hoch. Viele riefen "Ich schäme mich" und "Le Pen ist ein Faschist". Quer durch das Land, in Lille, Lyon, Bordeaux und Grenoble, gab es spontane Kundgebungen. Im ostfranzösischen Straßburg, wo Le Pen Europaabgeordneter war, riefen etwa 4000 Demonstranten "Le Pen, du bist am Ende. Die Franzosen gehen auf die Straße." Über einem Foto von Le Pen titelte die linksliberale Zeitung "Libération" ganzseitig in Großbuchstaben "Non". Der rechte "Figaro" nannte die Wahl ein Erdbeben.

Die Demonstranten halten die Titelseite der Zeitung "Libération" hoch - "Nein" steht dort über dem Foto Le Pens
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Die Demonstranten halten die Titelseite der Zeitung "Libération" hoch - "Nein" steht dort über dem Foto Le Pens

Nach Auszählung von 97,75 Prozent der Stimmen lag Chirac mit 19,67 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Le Pen mit 17,02 Prozent und Jospin mit 16,07 Prozent. Allgemein war erwartet worden, dass Jospin den zweiten Platz belegt. Wahlsieger Chirac hatte dabei das schlechteste Ergebnis eines Gewinners der ersten Runde seit der Gründung der fünften Republik im Jahr 1958. Etwa 27,6 Prozent der Wähler blieben den Urnen fern, mehr als je zuvor in der ersten Runde einer Präsidentenwahl. Die ausstehenden Ergebnisse aus den Überseegebieten und Wählern im Ausland werden für heute Mittag erwartet.

Jospin kündigte noch am Sonntagabend seinen Rückzug aus der Politik nach der Stichwahl am 5. Mai an. Damit tritt er auch nicht mehr als Spitzenkandidat der Sozialisten bei der Wahl zur Nationalversammlung im Juni an.

Präsident Jacques Chirac
AP

Präsident Jacques Chirac

Le Pen sagte, nach dem Rauswurf Jospins in der ersten Wahlrunde sei auch ein Rauswurf Chiracs bei der zweiten Runde durchaus wahrscheinlich. "Ich rufe die Franzosen aller Rassen, aller Religionen und jeder sozialer Stellung auf, für diese historische Chance der nationalen Erneuerung zusammenzukommen", sagte er. "Habt keine Angst zu träumen, ihr kleinen Leute, das Fußvolk, die Ausgeschlossenen... ihr Bergmänner, ihr Stahlarbeiter, Arbeiter in all den Industrien, die von der Euro-Globalisierung von Maastricht ruiniert wurden."

Le Pen macht seit Jahrzehnten Stimmung gegen Einwanderer und zieht eine Verbindung zwischen der Kriminalität im Lande und Ausländern. Für Entrüstung über Frankreich hinaus sorgte er 1987, als er die Ermordung der Juden im deutschen Faschismus als "Detail in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs" bezeichnete.



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