Von Stefan Simons, Paris
Monsieur Eustache zählt zu den Ersten, die kurz nach der Öffnung der Wahllokale um 8 Uhr vor dem prächtigen Rathausbau im V. Pariser Stadtbezirk erschienen sind. Im Trainingsanzug - "vor dem sonntäglichen Jogging" - sprintet der 50-Jährige die Stufen gegenüber dem Pantheon hinauf, um seine "republikanische Pflicht" zu tun. Für den Empfangschef, Sohn von Franzosen aus Übersee, ist die Abstimmung eine Selbstverständlichkeit: "Für dieses Recht haben unsere Vorfahren über Generationen gekämpft."
Auch Vizebüroleiter Pauli, 68, der in den vornehmen Hallen die Aufsicht führt, ist ganz zufrieden mit dem morgendlichen Ansturm auf die Urnen. "Wir hoffen auf eine recht hohe Wahlbeteiligung." Damit ist der Pensionär aus der Pharmaindustrie nicht alleine: Die etablierten Parteien von rechts wie links hatten ein eher schwächelndes Interesse an der ersten Runde der Präsidentenwahl befürchtet. Zwar sprach Sarkozy von einer "historischen Entscheidung" und François Hollande, sein sozialistischer Konkurrent, unterstrich: "Der erste Wahlgang entscheidet über den Sieg."
Doch schon am Mittag zeichnete sich ein erster Trend ab - entgegen aller Befürchtungen scheint die Wahlbeteiligung recht stark zu sein. Bis 12 Uhr hatten 28,3 Prozent der Wahlberechtigten im Mutterland abgestimmt, das ist die zweithöchste Beteiligung seit 1981. Nur vor fünf Jahren hatte die Beteiligung mit 31 Prozent noch ein wenig höher gelegen.
Dennoch ist fraglich, ob die Spitzenbeteiligung von 83 Prozent beim Duell 2007 - Ségolène Royal gegen Nicolas Sarkozy - wieder erreicht wird. Die über Strecken langweilige Kampagne 2012, mit bisweilen bizarren Aufregerthemen wie Halal-Fleisch oder Führerscheinerwerb, hat nicht gerade für Enthusiasmus gesorgt: Fast ein Viertel der Wahlberechtigten könnte an diesem Sonntag auf ihre demokratische Bürgerpflicht verzichten.
Hollande: "Nichts ist entschieden"
Obendrein fällt der erste Urnengang ausgerechnet auf ein Wochenende, für das in allen drei Zonen des Landes Frühjahrsferien angesagt sind: eine Gefahr für den Sozialisten Hollande, da die etwa 15 Millionen Wahlberechtigten etwa in der Region Ile-de-France rund um die Hauptstadt traditionell eher links stehen.
Grund genug für Hollande, bis zur letzten Minute der Kampagne zu kämpfen. Am Freitag, beim letzten Auftritt in den Ardennen, dröhnte er: "Jetzt ist die Linke an der Reihe, das Land zu regieren." Aber er warnt auch vor übertriebener Siegeszuversicht. "Ich will die Vorstellung korrigieren, dass das Ergebnis feststeht, bevor sich die Franzosen auf den Weg zur Abstimmung machen", sagt er in Vitry-le-François. "Die Umfragen sind widersprüchlich", mahnt Hollande: "Nichts ist vorweg entschieden."
Die Vorsicht ist angebracht. Gewiss, seit Hollande vor mehr als sechs Monaten von der Sozialistischen Partei (PS) zum Kandidaten gekürt wurde, sehen die Demoskopen den PS-Promi als Wahlsieger. Selbst die Tageszeitung "Le Figaro", treues Sprachrohr des Präsidenten, wertet Hollande als "Mega-Favoriten". Die meisten der neuesten Umfragen gaben Hollande zwar einen Vorsprung gegenüber Staatschef Sarkozy - aber sie lagen stets innerhalb der statistischen Fehlermargen.
Erfahrene Sozialisten verweisen zudem auf den Wahlkampf von Hollandes Ex-Lebensgefährtin Ségolène Royal 2007, der wenige Tage vor der ersten Runde als "unverlierbar" eingestuft wurde. Und die Genossen erinnern an das "Trauma von 2002" als der damalige PS-Kandidat Lionel Jospin schon zum sicheren Sieger gegen Jacques Chirac hochgerechnet wurde und dann - verblüffend - schon im ersten Wahlgang gegen Jean-Marie Le Pen, den Führer des rechtsextremen Front National (FN), unterlag.
Rugbyspiel-Karten für den Wahlgang
Eine Wiederholung eines solchen Polit-Bebens scheint angesichts der Umfragen heute kaum möglich. FN-Kandidatin Marine Le Pen liegt mit um die 16 Prozent rund zehn Punkte hinter dem Spitzenduo Sarkozy und Hollande; doch der Sozialist hofft auf mehr als ein gutes Resultat - er will schon an diesem Sonntag an Sarkozy vorbeiziehen. "Der erste Wahlgang ist entscheidend", so das Mantra des PS-Mannes, "am Sonntagabend wissen wir, ob es eine Dynamik in die eine oder andere Richtung gibt".
Selbst ein hauchdünner Vorsprung hätte ungeheuren politischen Symbolwert. Für Sarkozys Wiederwahl ist diese Spitzenposition zwar nicht obligatorisch, aber sollte der Präsident nur Platz zwei erreichen, schrumpfen seine Chancen für den zweiten Wahlgang am 6. Mai: Noch nie in der Geschichte der V. Republik lag ein scheidender Staatschef nach dem ersten Wahlgang hinter seinem Herausforderer. Dafür freilich braucht Hollande nicht nur die Unterstützung der eigenen Genossen, sondern auch Stimmen aus dem gesamten linken Lager. Deswegen umwirbt er etwa die Anhänger von Jean-Luc Mélenchon mit der Bitte um ein "hilfreiches Votum" - bereits im ersten Wahlgang.
Ob die sich darauf einlassen, ist jedoch fraglich. Denn der wortgewaltige Volkstribun der Front de Gauche hat bislang Absprache mit den Sozialisten ausgeschlossen, ja, verhöhnt. Der Kandidat der radikalen Linken, früher selbst PS-Vertreter, hat sich auf Kosten der PS als Alternative am linken Rand des Parteienspektrums profiliert: Mit seinen revolutionären Parolen mischte er den schleppenden Wahlkampf auf und machte seine Bündnispartner von der Kommunistischen Partei (PC) wieder salonfähig. Doch Mélenchons steigender Stimmenanteil - rund 14 Prozent - ging dabei vor allem zu Lasten von PS-Mann Hollande.
Der setzt daher auf eine Mobilisierung jenes Viertels der Wahlberechtigten, die politisch unentschiedenen sind oder ganz auf die Abstimmung verzichten wollen. Und dabei befindet sich Hollande in bester Gesellschaft der anderen neun Kandidaten: Durchweg alle Parteien hoffen auf eine Überraschung an der Wahlurne. Unisono forderten die Verantwortlichen während der vergangenen Tage zu reger Beteiligung auf. "Ich brauche euch, eure Stimmen, die eurer Bekannten, Freunde, und zwar schon am Sonntag", so Sarkozys gemailter Hilferuf an seine Fans. "Jeder muss mitmachen", fordert auch François Hollande. "Wir stehen nur Stunden vor einem Moment, der über die Zukunft unseres Landes entscheiden wird."
Mancherorts bleibt es nicht bei Appellen. Im Departement Essone verspricht der Regionalrat den ersten 150 Wählern Karten für ein Rugbyspiel, manche Orte bieten Gratis-Taxifahrten zum Wahllokal, die Wintersportgemeinde Chamrousse (Isère) offeriert Wählern die Ski-Ausrüstung zur Tagesmiete von einem Euro.
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