Von Stefan Simons, Paris
Bis zu dem Showdown im Fernsehen an diesem Mittwochabend hatten sich die beiden Rivalen nur aus der Ferne angegriffen - und zwar bei Reden, Interviews und TV-Auftritten, die sie zeitversetzt absolvierten. "Nicolas Sarkozy ist zurückgefallen in Prahlerei und Polemik", schimpfte François Hollande. "Besser Reden, die man kommentiert, als Ansprachen, die so hohl sind, das niemand darüber spricht", parierte der Staatschef und rügte Hollande als "Null", der "morgens, mittags und abends lügt".
Die Schläge unter die Gürtellinie überraschen nicht: Bei dem Duell vor laufender Kamera geht es nicht nur um zwei verschiedene Zukunftsvisionen für die nächsten fünf Jahre französischer Politik. Die Konzepte der Politiker sind längst bekannt. Wirklich entscheidend für eine letzte Wende beim Wahlausgang am kommenden Sonntag ist eher die Persönlichkeit. Wie kommen die beiden Kandidaten vor Millionenpublikum an? Da zählen schwer greifbare Werte wie Sympathie, Charakter, Stil.
Entsprechend penibel sind die Bedingungen des zweistündigen Zweikampfes ausgehandelt. Die Dauer der Einlassungen, Kameraeinstellungen, Licht und selbst die Temperatur im Fernsehstudio - Sarkozy, der stark schwitzt, bestand darauf, die Klimaanlage auf frostige Kälte herunterzufahren. Das Dekor wird durch schlichtes Schwarz bestimmt, in der Mitte ein Bild des Elysée und eine Uhr. Davor ein quadratischer Glastisch, rechts Sarkozy, links Hollande, 2,50 Meter auseinander, in der Mitte die beiden Moderatoren des Streitgesprächs, Starjournalisten der Sender TF1 und France 2.
Ritual seit 1974
Damit folgt die Sendung, übertragen von fünf Radiostationen und vier TV-Anstalten, der bieder-traditionellen Inszenierung der Streitgespräche: Seit 1974 gehört der stilisierte Schlagabtausch zwischen der ersten und zweiten Runde der Präsidentschaftswahl zum demokratischen Ritual der Republik. Damals schlug das Wahlkampfteam von Valéry Giscard d'Estaing eine moderne TV-Diskussion vor - nach dem Vorbild der amerikanischen Fernsehdebatte zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy vom September 1960.
Schon die erste Diskussion zwischen Giscard d'Estaing und François Mitterrand geriet zur Glanznummer der politischen Dramaturgie, denn ein einziger Satz des Konservativen genügte, um den Sozialisten matt zu setzen: "Sie haben, Monsieur Mitterrand, nicht das Monopol auf Mitgefühl." Bei der Revanche, sieben Jahre später, gewann Mitterrand gegenüber Giscard d'Estaing mit dem spitzen Hinweis: "Es ist schon jammervoll, dass Sie zum Vertreter der Passivität geworden sind."
Unvergessen auch der Konter von Mitterrand 1988, als mit Jacques Chirac der Ministerpräsident der Rechten gegen den Präsidenten der Linken antrat und sich - wenigsten sprachlich - Waffengleichheit erbat: "Heute Abend sind wir beide Kandidaten, und deswegen werde ich Sie als Monsieur Mitterrand titulieren." Mitterrands ironische Replik traf mittschiffs: "Sie haben ja ganz Recht Herr Premier."
Als der Sozialist Lionel Jospin Chirac 1995 im TV-Duell provozierte - "sieben Jahre mit Chirac, das wäre ziemlich lang"-, rettete sich sein Gegenüber mit spontanem, herzlichem Gelächter. Und gewann.
In gegenseitiger Feindschaft verbunden
Ähnlich Sarkozy 2007. Der lag nach der ersten Runde der Wahl deutlich vor Ségolène Royal und ließ sich bei der Debatte auch durch Attacken seiner weiblichen Konkurrentin nicht aus der Ruhe bringen. "Wie wird das erst, wenn Sie mal entnervt sind?", mokierte sich der Kandidat der Konservativen über die spitzen Argumente der PS-Frau. Er brachte Royal damit aus dem Konzept, um die Contenance und die verbleibende Hoffnung auf einen Wahlsieg.
Mit dem Ex-Lebensgefährten von Royal dürfte der Schlagabtausch schwieriger werden. Denn die beiden Kandidaten, einander seit 25 Jahren in gegenseitiger Feindschaft verbunden, sind in der Vergangenheit schon viermal im Fernsehen gegeneinander angetreten - mit verschiedenem Ausgang. "Ich habe von diesen Wortwechseln die Erinnerung an einen energischen Mann zurückbehalten, der von Gewissheit erfüllt ist. Seiner", sagt Hollande und fügt an: "Auch wenn er von den Fakten widerlegt wird."
Schlimmer noch für Sarkozy: Anders als 2007 muss der Staatschef jetzt selbst den Part des aggressiven Herausforderers übernehmen. Beim ersten Urnengang lag er ein Prozent hinter Hollande, muss bei der TV-Debatte alles auf eine Karte setzen. Der Präsident hätte daher am liebsten dreimal mit Hollande debattiert, der das Ansinnen umgehend zurückwies: Grund genug für Sarkozy seinen Kontrahenten als "schwach, ausweichend, unsicher" zu beschreiben. Ein Gegner, den er bei der Diskussion "explodieren" lassen will.
Hollande in der Pose des besonnenen Landesvaters
Hollande, der als Favorit der Umfragen in den Ring steigt, kann indes die Pose des nachdenklichen Landesvaters einnehmen. Damit reagierte er bislang auf alle Provokationen seines Konkurrenten. "Sarkozy muss sich in Acht nehmen", so ein Minister, "er sollte Hollandes intellektuelles Geschick nicht unterschätzen." Bislang blieb Sarkozy freilich bei seiner gewohnten Taktik der frontalen Konfrontation. "Sarkozy glaubt seit jeher", so der "Nouvel Observateur", "dass politische Schlachten - und erst Recht Zweikämpfe - durch das größere Maß an Testosteron entschieden werden."
Mag sein, dass die Kontrahenten am Ende per Unentschieden die Studios 107 in Seine-Saint-Denis verlassen - so wie bisher in der Geschichte von Frankreichs Fernseh-Debatten. Aber für mindestens 20 Millionen Citoyens heißt es ab 21.00 Uhr: Ring frei zum TV-Duell.
Verfolgen sie das TV-Duell auf SPIEGEL ONLINE im Livestream (in Kooperation mit arte.tv)
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Präsidentenwahl in Frankreich 2012 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH