TV-Duell Sarkozy-Hollande: Bühne frei für die Erzfeinde

Von , Paris

Attacke oder präsidiale Pose? Macho gegen Weichei? Das TV-Duell zwischen François Hollande und Nicolas Sarkozy vier Tage vor der Stichwahl wird von Frankreichs Medien angekündigt wie ein Weltereignis. Für Sarkozy ist die Marschroute klar: Er muss angreifen.

TV-Studio für das Duell Hollande-Sarkozy: Bieder-traditionelle Inszenierung von Politik Zur Großansicht
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TV-Studio für das Duell Hollande-Sarkozy: Bieder-traditionelle Inszenierung von Politik

Bis zu dem Showdown im Fernsehen an diesem Mittwochabend hatten sich die beiden Rivalen nur aus der Ferne angegriffen - und zwar bei Reden, Interviews und TV-Auftritten, die sie zeitversetzt absolvierten. "Nicolas Sarkozy ist zurückgefallen in Prahlerei und Polemik", schimpfte François Hollande. "Besser Reden, die man kommentiert, als Ansprachen, die so hohl sind, das niemand darüber spricht", parierte der Staatschef und rügte Hollande als "Null", der "morgens, mittags und abends lügt".

Die Schläge unter die Gürtellinie überraschen nicht: Bei dem Duell vor laufender Kamera geht es nicht nur um zwei verschiedene Zukunftsvisionen für die nächsten fünf Jahre französischer Politik. Die Konzepte der Politiker sind längst bekannt. Wirklich entscheidend für eine letzte Wende beim Wahlausgang am kommenden Sonntag ist eher die Persönlichkeit. Wie kommen die beiden Kandidaten vor Millionenpublikum an? Da zählen schwer greifbare Werte wie Sympathie, Charakter, Stil.

Entsprechend penibel sind die Bedingungen des zweistündigen Zweikampfes ausgehandelt. Die Dauer der Einlassungen, Kameraeinstellungen, Licht und selbst die Temperatur im Fernsehstudio - Sarkozy, der stark schwitzt, bestand darauf, die Klimaanlage auf frostige Kälte herunterzufahren. Das Dekor wird durch schlichtes Schwarz bestimmt, in der Mitte ein Bild des Elysée und eine Uhr. Davor ein quadratischer Glastisch, rechts Sarkozy, links Hollande, 2,50 Meter auseinander, in der Mitte die beiden Moderatoren des Streitgesprächs, Starjournalisten der Sender TF1 und France 2.

Ritual seit 1974

Damit folgt die Sendung, übertragen von fünf Radiostationen und vier TV-Anstalten, der bieder-traditionellen Inszenierung der Streitgespräche: Seit 1974 gehört der stilisierte Schlagabtausch zwischen der ersten und zweiten Runde der Präsidentschaftswahl zum demokratischen Ritual der Republik. Damals schlug das Wahlkampfteam von Valéry Giscard d'Estaing eine moderne TV-Diskussion vor - nach dem Vorbild der amerikanischen Fernsehdebatte zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy vom September 1960.

Schon die erste Diskussion zwischen Giscard d'Estaing und François Mitterrand geriet zur Glanznummer der politischen Dramaturgie, denn ein einziger Satz des Konservativen genügte, um den Sozialisten matt zu setzen: "Sie haben, Monsieur Mitterrand, nicht das Monopol auf Mitgefühl." Bei der Revanche, sieben Jahre später, gewann Mitterrand gegenüber Giscard d'Estaing mit dem spitzen Hinweis: "Es ist schon jammervoll, dass Sie zum Vertreter der Passivität geworden sind."

Unvergessen auch der Konter von Mitterrand 1988, als mit Jacques Chirac der Ministerpräsident der Rechten gegen den Präsidenten der Linken antrat und sich - wenigsten sprachlich - Waffengleichheit erbat: "Heute Abend sind wir beide Kandidaten, und deswegen werde ich Sie als Monsieur Mitterrand titulieren." Mitterrands ironische Replik traf mittschiffs: "Sie haben ja ganz Recht Herr Premier."

Als der Sozialist Lionel Jospin Chirac 1995 im TV-Duell provozierte - "sieben Jahre mit Chirac, das wäre ziemlich lang"-, rettete sich sein Gegenüber mit spontanem, herzlichem Gelächter. Und gewann.

In gegenseitiger Feindschaft verbunden

Ähnlich Sarkozy 2007. Der lag nach der ersten Runde der Wahl deutlich vor Ségolène Royal und ließ sich bei der Debatte auch durch Attacken seiner weiblichen Konkurrentin nicht aus der Ruhe bringen. "Wie wird das erst, wenn Sie mal entnervt sind?", mokierte sich der Kandidat der Konservativen über die spitzen Argumente der PS-Frau. Er brachte Royal damit aus dem Konzept, um die Contenance und die verbleibende Hoffnung auf einen Wahlsieg.

Mit dem Ex-Lebensgefährten von Royal dürfte der Schlagabtausch schwieriger werden. Denn die beiden Kandidaten, einander seit 25 Jahren in gegenseitiger Feindschaft verbunden, sind in der Vergangenheit schon viermal im Fernsehen gegeneinander angetreten - mit verschiedenem Ausgang. "Ich habe von diesen Wortwechseln die Erinnerung an einen energischen Mann zurückbehalten, der von Gewissheit erfüllt ist. Seiner", sagt Hollande und fügt an: "Auch wenn er von den Fakten widerlegt wird."

Schlimmer noch für Sarkozy: Anders als 2007 muss der Staatschef jetzt selbst den Part des aggressiven Herausforderers übernehmen. Beim ersten Urnengang lag er ein Prozent hinter Hollande, muss bei der TV-Debatte alles auf eine Karte setzen. Der Präsident hätte daher am liebsten dreimal mit Hollande debattiert, der das Ansinnen umgehend zurückwies: Grund genug für Sarkozy seinen Kontrahenten als "schwach, ausweichend, unsicher" zu beschreiben. Ein Gegner, den er bei der Diskussion "explodieren" lassen will.

Hollande in der Pose des besonnenen Landesvaters

Hollande, der als Favorit der Umfragen in den Ring steigt, kann indes die Pose des nachdenklichen Landesvaters einnehmen. Damit reagierte er bislang auf alle Provokationen seines Konkurrenten. "Sarkozy muss sich in Acht nehmen", so ein Minister, "er sollte Hollandes intellektuelles Geschick nicht unterschätzen." Bislang blieb Sarkozy freilich bei seiner gewohnten Taktik der frontalen Konfrontation. "Sarkozy glaubt seit jeher", so der "Nouvel Observateur", "dass politische Schlachten - und erst Recht Zweikämpfe - durch das größere Maß an Testosteron entschieden werden."

Mag sein, dass die Kontrahenten am Ende per Unentschieden die Studios 107 in Seine-Saint-Denis verlassen - so wie bisher in der Geschichte von Frankreichs Fernseh-Debatten. Aber für mindestens 20 Millionen Citoyens heißt es ab 21.00 Uhr: Ring frei zum TV-Duell.

Verfolgen sie das TV-Duell auf SPIEGEL ONLINE im Livestream (in Kooperation mit arte.tv)

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1.
zephyros 02.05.2012
Wer Astra empfängt kann sich den débat in Deutschland auf TV5-monde ansehen http://www.tv5.org/cms/chaine-francophone/programmes/p-80-s2-z73-lg0-2012-LE-DEBAT.htm?prg_id=398767&&
2. Madame la Présidente!
toskana2 02.05.2012
Zitat von sysopREUTERSAttacke oder präsidiale Pose? Macho gegen Weichei? Das TV-Duell zwischen François Hollande und Nicolas Sarkozy vier Tage vor der Stichwahl wird von Frankreichs Medien angekündigt wie ein Weltereignis. Für Sarkozy ist die Marschroute klar: Er muss angreifen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830807,00.html
Die Franzosen brachten 1789 mit ihrer Losung "liberté, égalité, fraternité" Europa voran und waren damit die Vorreiter für die Menschenrechte. Europa hat heute andere Probleme. Ich meine, das grösste davon ist die europäische Identität und die Prosperität seiner Völker. Hollande tritt im Wahlkampf als Nivellierer auf, der Glück für alle verspricht und von Sparen wenig hält. Dabei weiss man, dass es unkontrolliertes Geldausgeben war, das hauptsächlich zu der heutigen Misere führte. Seine Haltung, "alle Menschen werden Brüder", sein blasses Gesicht und seine lauwarmen Worte weisen ihn kaum als europäischen Identitätsstifter aus. Sarkozy, gefällt sich zwar gern in der Rolle des Jakobiners, dafür zeigt er aber Kante, spricht er oft unbequeme Wahrheiten und tritt für ein Europa ein, das sich zur eigenen Geschichte bekennt. Es sieht zwar nicht danach aus, als bekäme Sarkozy eine zweite Chance. Ich hoffe dennoch, dass er es schafft. Schafft er es nicht, bekommt Frankreich und damit wir auch im ungünstigen Fal bei der nächsten Wahl Madame Le Pen als Madame la Présidente!
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manque_pierda 02.05.2012
Egal ob Mini-Napoleon oder Mini-Jakobiner, eines ist bei beiden gewiss, dass sie ohne Rücksicht auf die europäischen Partner versuchen werden, alle französischen Eitelkeiten durchzusetzen, unabhängig davon, was es die anderen kosten wird. Beide entstammen dem 1789 nachfolgenden republikanischen Adel, der den Absolutismus nach Innen und Großmannssucht nach Außen der bourbonischen Könige fortsetzte und es immer noch gern weiter täte. Wer dieses Land als Freund hat, braucht wahrlich keine Feinde. Allein dass BP Gaucks erste Reise nach Polen und nicht nach Frankreich ging, lässt mich zumindest in Deutschland hoffen.
4. prost mahlzeit
hannes1 02.05.2012
Zitat von toskana2Die Franzosen brachten 1789 mit ihrer Losung "liberté, égalité, fraternité" Europa voran und waren damit die Vorreiter für die Menschenrechte. Europa hat heute andere Probleme. Ich meine, das grösste davon ist die europäische Identität und die Prosperität seiner Völker. Hollande tritt im Wahlkampf als Nivellierer auf, der Glück für alle verspricht und von Sparen wenig hält. Dabei weiss man, dass es unkontrolliertes Geldausgeben war, das hauptsächlich zu der heutigen Misere führte. Seine Haltung, "alle Menschen werden Brüder", sein blasses Gesicht und seine lauwarmen Worte weisen ihn kaum als europäischen Identitätsstifter aus. Sarkozy, gefällt sich zwar gern in der Rolle des Jakobiners, dafür zeigt er aber Kante, spricht er oft unbequeme Wahrheiten und tritt für ein Europa ein, das sich zur eigenen Geschichte bekennt. Es sieht zwar nicht danach aus, als bekäme Sarkozy eine zweite Chance. Ich hoffe dennoch, dass er es schafft. Schafft er es nicht, bekommt Frankreich und damit wir auch im ungünstigen Fal bei der nächsten Wahl Madame Le Pen als Madame la Présidente!
Nun, die Geschichte von N.S. ist die Geschichte Frankreichs, als Adler gestartet als Brathänchen angekommen (kann auch bei der französischen Revolution gesehen werden)... Bisher hat weder N.S. noch ein anderer Präsident es geschafft dem Volk der passionierten freizeit Revolutzer schmerzhafte Zugeständnisse abzuringen. Wir wollen auch nicht vergessen das N.S. selbst als Rechtspopulist nicht gegen Madame La Pen punkten konnte, obwohl er noch vom Reinigen "karchern" der Vorstädte sprach, noch konnte er die Staatsneuverschuldung unter 5% senken oder gar wichtige Reformen auf den Weg bringen... Seine Bilanz nach 5 Jahren sieht sehr mau aus, im Gegenteil, er verschärfte die Migrationsdebatte (Nationale Identität), erhöhte den Druck auf die Unterschicht und hat nichts beigetragen um die Kriese zu lösen. Mons. F.H. hingegen erinnert mich an Gerhard Schörder, der vor der Wahl ebenfalls das Paradis versprach, doch nachher die Agendapolitk auf den Weg brachte. Ich denke Mons. Holland wird bei seinem Einzug in den Präsidentenpalast und nach spätestens der dritten Kabinettssitzung davon überzeugt sein, das Frankreich pleite ist, aber auch sowas von Pleite, das es so nicht weitergeht. Dann wird er Nivelierungen an der Kriesenpolitk vornehmen und sich hoffentlich endlich mit den Problemen beschäftigen die Frankreich seit Jahren hat. Vorausgesetzt bei der Parlamentswahl erhält die PS eine Mehrheit, ansonsten wird auch für einen französischen Präsidenten das regieren schwer...
5. Na dann....
Calenberg 02.05.2012
... hoffen wir mal, daß der Sozialist mit seiner Sauce Hollandaise gewinnt und im Laufe der nächsten fünf Jahre den Karren komplett an die Wand fährt. In der Zwischenzeit haben wir in Deutschland dann vielleicht auch eine SPD geführte Regierung, oder auch eine von der SPD genehmigte CDU Regierung, die dann ebenfalls in die Mottenkiste sozialister Politik griefen wird, um den Euro zu retten. Damit müßte es nach aller Logik dann soweit sein, daß der Euro nicht mehr zu retten ist und wir endlich zu einer eigenen Währung zurückkommen, mit der wir dann unsere Probleme selber lösen kjönnten - rein theoretisch zumindest.
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Bevölkerung: 63,461 Mio.

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Präsidentschaftswahl in Frankreich

Vorläufiges amtliches Endergebnis: Die Ergebnisse des ersten Wahlgangs in Prozent

Nicolas Sarkozy UMP (Konservative)
27,2
François Hollande PS (Sozialisten)
28,6
Marine Le Pen FN (Nationalisten)
17,9
François Bayrou MoDem (Liberale)
9,1
Jean-Luc Mélenchon FG (Linksfront)
11,1
Eva Joly EELV (Grüne)
2,3

Quelle: Französisches Innenministerium

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