Abstimmung im Krisenstaat: Mali droht Wahlchaos

Von Jan Puhl

  Wahlvorbereitungen in Mali: Ende Juli soll ein neuer Präsident gewählt werden  Zur Großansicht
REUTERS

Wahlvorbereitungen in Mali: Ende Juli soll ein neuer Präsident gewählt werden

Eine Präsidentschaftswahl soll in Mali eine Rückkehr der besiegten Islamisten an die Macht verhindern. Doch die Vorbereitungen stocken in dem afrikanischen Krisenstaat. Kandidaten kündigen schon jetzt die Anfechtung der Abstimmung an.

Hamburg - In knapp zwei Wochen sollen sieben Millionen Einwohner von Mali einen neuen Präsidenten wählen - doch das Votum könnte die Gräben in dem gespaltenen afrikanischen Land noch vertiefen.

Vor gut einem Jahr hatte dort ein Bündnis aus Tuareg-Separatisten und Islamisten die Hälfte des Staatsgebiets mit der Stadt Timbuktu erobert. Französische Kampftruppen befreiten den Norden. Doch erst Anfang Juli konnte in der Stadt Kidal der Gouverneur wieder sein Amt aufnehmen. Ihm bleiben nur Tage, um in seinem Gebiet, das fast halb so groß wie die Bundesrepublik ist, die Wähler registrieren und Wahlkarten verteilen zu lassen.

Außerdem legen Islamisten in der Region immer wieder Bomben oder zetteln Kämpfe mit der Armee an. Ein dort mit den Tuareg ausgehandeltes Waffenstillstandsabkommen gilt als brüchig.

Auch in anderen einst besetzten Gebieten stocken die Wahlvorbereitungen. Niemand weiß, wie die 350.000 Malier ihre Stimme abgeben können, die vor den Kämpfen in Nachbarländer geflohen sind.

Im Frühjahr 2012 hatte ein Bündnis aus Tuareg und Islamisten vom Norden des Landes aus ein Offensive Richtung Bamako gestartet. Aus Wut über die Unfähigkeit der Regierung, den Angriff zurückzuschlagen, putschten dort Soldaten gegen den gewählten Präsidenten Amadou Toumani Touré.

Mali, das einst als demokratisches Vorbildland in Afrika gegolten hatte, war gespalten und stand kurz vor einem Bürgerkrieg. Erst ein französisches Armeekommando konnte an der Seite der malischen Soldaten und Einheiten aus dem Tschad die Rebellen besiegen. Paris hat vor kurzem begonnen, seine rund 4000 Elitekämpfer wieder abzuziehen. Eine 12.500 Mann starke Blauhelmtruppe, zusammengesetzt aus afrikanischen Kontingenten, soll die Rückkehr der Islamisten verhindern und die Wahl sichern helfen.

Der neue Präsident müsse von allen gewählt werden und nicht nur von den Maliern im Süden, argumentieren elf der ursprünglich 28 Kandidaten für das höchste Amt im Staat. Sie fordern, die Wahl zu verschieben, einige haben schon jetzt angekündigt, das Ergebnis auf jeden Fall anfechten zu wollen.

Der populäre Kandidat Tiébilé Dramé hat seine Kandidatur aus Protest bereits zurückgezogen. Selbst der amtierende Interimspräsident Dioncounda Traoré soll hinter verschlossenen Türen eingeräumt haben, dass die Wahl gar "nicht sauber" werden kann.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
KurtFolkert 21.07.2013
Und was nu? Mehr Soldaten hin? Oder lieber alle raus? Alle raus -> Land braucht fremde Hilfe. Mehr rein -> Ausländische Soldaten sorgen für Unruhe.
2. Fortsetzung:
Tevje 21.07.2013
Zitat von KurtFolkertUnd was nu? Mehr Soldaten hin? Oder lieber alle raus? Alle raus -> Land braucht fremde Hilfe. Mehr rein -> Ausländische Soldaten sorgen für Unruhe.
> Nix tun; das Land wird zum 2ten Somalia vor den Toren Europas > der Rauschgiftimport nach Europa erreicht neue Höhen > flüchtige Terroristen haben einen neuen sicheren Hafen im "Meer ohne Wasser" > alle Nachbarländer, d.h. fast die gesamte Sahara und der nördliche und südliche Sahel werden zum Dauer-Einflussgebiet von Al Queida und ihrer Sponsoren ... Schöne neue Welt im Zeichen der Friedenstaube?
3. Die Touareg an der Regierung beteiligen
physikus_alt 21.07.2013
Schon einmal habe ich mich in diesem Forum geäussert, wohl wissend, dass es natürlich LEIDER NICHT von den Verantwortlichen in Mali gelesen wird. Mali kann nur zur Ruhe kommen, wenn man die Touaregs an der Regierung beteiligt, ihnen in ihrem Gebiet eine gewisse Autonomie einräumt. Es kann nicht angehen, dass im ganzen Norden (nördlich Gao und Timbouctou) Verwaltungsangestellte aus dem Süden arbeiten und sich in vielen Fällen dabei wie eine Besatzungsmacht verhalten. Dies ist auch der Grund, weshalb sich die Touaregs mit den Islamisten verbündet hatten, was sie heute bestimmt bereuen. Denn sie sind Moslems mit einem sehr offenen Weltbild. Vor allem herrscht bei ihnen noch das Matriarchat. Die Frauen verhüllen sich dort gegen die Hitze und nicht vor Männerblicken!
4.
gerhardmathey 21.07.2013
Wieso denn das???? Die fortschrittlichen Europäer haben doch "erfolgreich" die Demokratie nach Mali importiert
5. Genau so ist es....
Gerixxx 21.07.2013
Zitat von physikus_altSchon einmal habe ich mich in diesem Forum geäussert, wohl wissend, dass es natürlich LEIDER NICHT von den Verantwortlichen in Mali gelesen wird. Mali kann nur zur Ruhe kommen, wenn man die Touaregs an der Regierung beteiligt, ihnen in ihrem Gebiet eine gewisse Autonomie einräumt. Es kann nicht angehen, dass im ganzen Norden (nördlich Gao und Timbouctou) Verwaltungsangestellte aus dem Süden arbeiten und sich in vielen Fällen dabei wie eine Besatzungsmacht verhalten. Dies ist auch der Grund, weshalb sich die Touaregs mit den Islamisten verbündet hatten, was sie heute bestimmt bereuen. Denn sie sind Moslems mit einem sehr offenen Weltbild. Vor allem herrscht bei ihnen noch das Matriarchat. Die Frauen verhüllen sich dort gegen die Hitze und nicht vor Männerblicken!
Genauso ist es… ...wenn auch das nicht hilft sollte (muss !) das Volk der Tuareg das Recht auf einen unabhängigen eigenen Staat erhalten. Oder wie will man die Verneinung des Selbstbestimmungsrechts denn rechtfertigen oder gar durchsetzen, es sei denn mit sinnloser Gewalt und Willkür ? In den meisten Teilen Afrikas ist der Nationenbildungsprozess nicht abgeschlossen. Zur richtigen Einschätzung der Bedeutung ethischer, sprachlicher u.ä. Faktoren muss man nur nach Osteuropa und Nahost schauen. Man will das nur nicht wahrhaben, weil dann eine Lawine ins Rollen kommt, um die kolonial willkürlich gezogenen Grenzen zu korrigieren (Teile und Herrsche). Nur ob die katastrophalen Verwerfungen durch das simple Leugnen dieser Tatsache weniger werden ist zu bezweifeln. Erst dann allerdings wird Afrika wirklich regierbar sein. Daneben ist es pures Wunschdenken dort über Demokratie im "westlichen" Sinne auch nur zu reden. Die Analphabetenrate (Bevölkerung über 14 Jahre) liegt bei über 50%. Was für eine Farce. Statt dessen wäre es sinnvoller Geld in eine Alphabetisierungskampagne zu stecken. Eine Entwicklungsdiktatur zu diesem Zwecke, die vor allem auch erst einmal die Infrastruktur entwickelt wäre sinnvoller. Selbst diese Regierungsform setzt allerdings entweder ethisch homogene Gebiete oder eine Volksabstimmung (die wäre auch für Analphabeten sinnvoll....) darüber voraus, zu welchem Staat und von wo aus, die Volkgruppen regiert werden wollen. Das schlimmste aber wäre, wie es durch andere Foristen auch hier erwähnt wurde, den Anti-Drogenkrieg dorthin zu übertragen. Der weltweite Drogenkrieg war von Beginn an verloren und ist nur zu "gewinnen" wenn man diese legalisiert, d.h. die extrem hohe Gewinnspanne eindampft - damit wird das Ganze entkriminalisiert und den Opfern geholfen - die Mafia aber verliert das Interesse - mangels "Marge"....Andernfalls haben sie beste Aussichten auf weitere failed states.....
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Mali
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 12 Kommentare
  • Zur Startseite

Bevölkerung: 15,370 Mio. Einwohner

Fläche: 1.240.194 km²

Hauptstadt: Bamako

Staatsoberhaupt:
Ibrahim Boubacar Keita

Regierungschef: Moussa Mara

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Afrika-Reiseseite