Präsidentschaftswahl in Polen Glücksfee für den Kaczynski-Gegner

Die Polen sind den gereizten Ton der Kaczynski-Zwillinge längst leid. Bronek Komorowski wird ihre Ära womöglich beenden. Im Herbst tritt er gegen Präsident Lech Kaczynski an. Der Liberale gilt als zuverlässig, fleißig, solide - und ein bisschen langweilig. Deshalb hat er beste Chancen.

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Warschau - Es war eine Szene wie aus einer Castingshow. Eine Glücksfee tritt vor, öffnet den Umschlag, wirft einen vielsagenden Blick hinein und verkündet dann: Der Gewinner ist Bronislaw Komorowski, im Hintergrund auf einem riesigen Monitor scheint das Porträt des Siegers auf und sein Traumergebnis. Mehr als 68 Prozent der Mitglieder aus Komorowskis Partei, der Bürgerplattform (PO), haben in einer Vorwahl dafür gestimmt, dass er im Herbst für das Präsidentenamt kandidiert. Dieses Ergebnis wurde am Samstag in Warschau bekanntgegeben.

Für seinen Kontrahenten Radek Sikorski votierten kaum mehr als 30 Prozent. Sikorski gab sich sportlich: "Ich habe für dich gestimmt, Bronek, du musst gewinnen", rief er dem Sieger zu. "Ich liebe dich, Radek", entgegnete Komorowski. Es hätte nur noch gefehlt, dass sich die beiden Kandidaten tränenzerflossen in die Arme fallen.

Inhaltlich geht sowieso kein Blatt Papier zwischen Komorowski und Sikorski. Beide sind erfahrene Berufspolitiker, der erste derzeit schon Präsident des Parlaments, der andere Außenminister. Sie fürchten sich nicht vor Deutschland, sondern wollen eine enge Partnerschaft. Sie wollen sich mit Russland versöhnen. Sie wollen Polen zu einer zuverlässigen Macht im Club der EU machen. In der Wirtschaftspolitik setzen sie auf liberale Rezepte, sie sind beide katholisch und gegen Abtreibung.

Es ging bei der Vorwahl nicht um Politik, sondern um Lebensstil. Die Bürgerplattform-Mitglieder durften wählen, welche Art Pole sie in den nächsten Jahren repräsentieren soll: Einer wie Radek Sikorski? Er ist ein kosmopoliter Mann, jung und ehrgeizig, der wie viele Polen lange im Ausland gelebt hat, der Englisch so gut spricht wie Polnisch und mit der liberalen "Washington-Post"-Publizistin Anne Applebaum verheiratet ist. Er ist ein brillanter Querdenker, der sich auch schon mal dafür ausspricht, Russland in die Nato aufzunehmen.

Konservativ und mit Stallgeruch

Die PO-Parteigänger haben sich anders entschieden, für einen der ihren, einen mit Stallgeruch: Bronek Komorowski. Der 58-Jährige wurde mit 19 Jahren das erste Mal von kommunistischen Sicherheitskräften wegen oppositioneller Umtriebe festgenommen. Das hielt ihn nicht ab, weiter für Dissidenten-Blätter zu arbeiten. Er schloss sich der Solidarnosc an und war nach der Verhängung des Kriegszustandes 1981 lange interniert.

Nach der Wende gehörte er mehreren Regierungen unter anderem als Außenminister an. Er hat fünf erwachsene Kinder, seine Frau widmet sich vor allem dem Haushalt. Komorowski trägt Schnurrbart, aber nicht einen wilden, breiten, wie der polnische Proletarier Lech Walesa, sondern die intellektuelle Variante, schmal, eher unauffällig.

Er gilt als Aktenfresser, seine Statements sind ausgewogen, er ist höflich und differenziert. "Bei den Komorowskis kann man immer auf einen Teller warme Suppe rechnen", witzelt die Tageszeitung "Polska".

Wenn es einen gibt, der den nationalpolnischen Polterer Lech Kaczynski schlagen kann, dann ist es einer wie Komorowski. Die Polen haben die Wirtschaftskrise bisher bestens gemeistert, als einziges EU-Land konnten sie 2009 sogar ein Wachstum verzeichnen. Jetzt wollen sie das Erreichte bewahren, sie sind den gereizten Ton der Kaczynski-Jahre schon lange leid. Und der solide, bescheidene Komorowski polarisiert eben gerade nicht. Neuste Umfragen sehen ihn mit 38 Prozent Zustimmung - 17 Prozentpunkte vor Kaczynski.



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