Pressestimmen zum G7-Gipfel "Alles ausradiert mit einem Tweet"

Die Aufregung ist groß, seit Donald Trump die Erfolge des G7-Gipfels mit einem Tweet zunichte gemacht hat. Die internationale Presse wirft ihm vor, nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden zu können.

Donald Trump steigt in die Air Force One
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Donald Trump steigt in die Air Force One


Per Twitter teilte Donald Trump aus der Air Force One mit, dass sein Land die Abschlusserklärung, auf die sich sieben Staatschefs kurz zuvor in Kanada geeinigt hatten, nicht mehr unterstützen werde. Der Schritt verstört nicht nur westliche Alliierte wie Deutschland und die EU. Er sorgt auch unter Journalisten für Empörung und Sorge.

Der britische "Guardian" kritisiert, dass die Aktion besonders Macron und Merkel trifft:

"Selbst für einen launenhaften Präsidenten wie Donald Trump ist diese Aktion eine neue Verwischung der Grenze zwischen seinen persönlichen Gefühlen und der Politik der US-Regierung. Zugleich ist sie das jüngste Beispiel dafür, dass Trump gegenüber demokratisch gewählten Amtskollegen verbündeter Länder schärfere Töne anschlägt als gegenüber starken Männern an der Spitze feindlicher Länder. (...)

Die Tweets sind ein Schlag für den französischen Präsidenten Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die schon glaubten, sie hätten einen Deal zur Beseitigung der Spannungen im Handel zwischen den USA und Europa vermittelt."

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Bilder aus Kanada: Gipfel mit Nebenwirkungen

Die italienische Zeitung "La Repubblica" schreibt, ein Tweet habe alles ausradiert:

"Zwei Tage und eine Nacht der Verhandlungen, bilateralen Gespräche, Plenarsitzungen und Pressekonferenzen: Alles ausradiert mit einem Tweet, den Donald Trump mitten in der Nacht direkt aus der Air Force One nach Singapur abschickte. Das Ende, das die Bedeutung des (...) G7-Gipfels verändert, kommt völlig unerwartet. (...) Als alle anderen Staatsflugzeuge in ihre jeweiligen Hauptstädte zurückkehrten, macht Trump alles zunichte."

Die "Tampa Bay Times" aus Florida verlangt von Trump mehr Scharfsicht:

"Es ist ein bizarres Aufwärmen, sogar für Trump, kurz bevor er sein bombastisches Gegenstück auf der Weltbühne trifft. Der Gipfel mit Kim ist riskant genug, bei der impulsiven Art der beiden Führer. (...)

Wenn der Präsident es ernst damit meint, Amerikas Interessen hochzuhalten, sollte er einen Weg finden, das zu tun, ohne die Grundpfeiler des Friedens und des Wohlstands in der Nachkriegswelt zu opfern. Er sollte auch scharfsichtig sein, wer Amerikas wahre Freunde sind und wer nur seine Eitelkeit befriedigt."

Die "Süddeutsche Zeitung" sieht die Grundregeln der Mathematik erschüttert:

"Bündnispolitik gehorcht gerade einer seltsamen Arithmetik. Sieben plus eins ist nicht acht sondern sechs. Der US-Präsident möchte Russland wieder in die G 7 hineinbefördern, aber dieser typisch Trump'sche Erschütterungsvorschlag führte lediglich dazu, dass die Grundregeln der Mathematik geändert werden müssen. Die USA wollen Isolation, sie betreiben Isolation, sie bekommen Isolation. Die G 7 heißen nun G 6, die USA dürfen aber weiter vorbeischauen. Wie lange der Laden noch zusammenhält, ist fraglich."

Die "Welt" warnt sogar vor dem Niedergang des Westens:

"Trump verbindet ein schockierendes Maß an Ignoranz mit einem genauso schockierenden Maß an Feindseligkeit gegenüber Amerikas Alliierten und der westlichen Werteordnung. Egal ob Brexit, die Populisten in Osteuropa und Italien oder der Totalausfall an der Spitze der westlichen Führungsnation: Man bekommt derzeit das Gefühl, der Westen habe den roten Selbstzerstörungsknopf gedrückt. Wir brauchen die Chinesen und Russen gar nicht mehr, um unseren Niedergang zu betreiben, das bekommen wir viel besser selbst hin."

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" sieht das Treffen zwischen Trump und Kim unter keinem guten Stern:

"Einer, der die Sache aufmerksam verfolgt haben dürfte, heißt Kim Jong Un - der nordkoreanische Diktator, den zu treffen Trump nach Singapur flog. Nach dem Rückzug aus dem Iran-Abkommen ist es das zweite Mal binnen Wochen, dass der amerikanische Präsident wortbrüchig geworden ist. Am Morgen hatte Trump Kim auf seiner Pressekonferenz in Kanada wieder einmal die Chance ausgemalt, in kürzester Zeit seine abgeschottete Diktatur in ein florierendes Land zu verwandeln. Kann Kim sich auf Trump eher verlassen als Kanada, Japan und die EU?"

lov/dpa

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