SPIEGEL-Korrespondenten über Pressefreiheit "Unsere Recherche endet mit einer Verfolgungsjagd"

Zensur, Hetze, Überwachung - Journalisten arbeiten oft unter härtesten, teils lebensgefährlichen Bedingungen. Hier berichten Korrespondenten und Mitarbeiter des SPIEGEL, was sie vor Ort erleben.

DPA


Inhaltsverzeichnis

  1. Platz 11: Österreich*
  2. Platz 45: USA
  3. Platz 103: Montenegro
  4. Platz 138: Indien
  5. Platz 139: Pakistan
  6. Platz 143: Venezuela
  7. Platz 147: Mexiko
  8. Platz 148: Russland
  9. Platz 157: Türkei
  10. Platz 161: Ägypten
  11. Platz 164: Iran
  12. Platz 169: Saudi-Arabien
  13. Platz 176: China

1. Platz 11: Österreich*

Österreich ist eine stabile Demokratie. Auf der Liste der Pressefreiheit belegt das Land Rang elf und liegt damit vier Plätze vor Deutschland. Und doch gibt es Anlass zu Sorge. Denn laut Reporter ohne Grenzen hat sich keine Region der Welt im zurückliegenden Jahr derart verschlechtert wie Europa. Auch in Österreich ist das spürbar.

Denn seit Dezember 2017 regiert die rechtspopulistische FPÖ mit, die mit gezielten Angriffen auf den öffentlich-rechtlichen ORF und vor allem auf den ORF-Journalisten Armin Wolf aufgefallen ist. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache warf dem ORF und Wolf via Facebook vor, Lügen und Fake News zu verbreiten. Später nahm er, in einer außergerichtlichen Einigung, diese Behauptung zurück. Mehrfach haben FPÖ-Politiker seither dennoch erklärt, sie wollten im ORF "Optimierungen" durchsetzen.

Aber auch Journalisten anderer Medien sprechen von zunehmendem Druck durch die Politik. Anders als in Deutschland hängen viele österreichische Zeitungen beispielsweise von Regierungsinseraten ab - und bei unliebsamer Berichterstattung droht deren Wegfall und damit eine finanzielle Einbuße. Anfragen würden nicht beantwortet, heißt es zudem, bei kritischen Artikeln mit Klage gedroht.

Manche Journalisten sprechen gar von einer "Orbánisierung" Österreichs, was die Medienpolitik angehe. Reporter ohne Grenzen kommt zu dem Schluss: Die Attacken auf Journalistinnen und Journalisten in Österreich haben deutlich zugenommen.

Hasnain Kazim

2. Platz 45: USA

In den USA ist die Pressefreiheit ein Grundrecht - zumindest auf dem Papier. Sie ist als eine der "fünf grundlegenden Freiheiten" im ersten Verfassungszusatz von 1791 verankert - mit wenigen, durch die Gerichte präzisierten Einschränkungen (Obszönität, Gewaltaufrufe, Staatszersetzung).

Die Realität sieht dagegen etwas anders aus: In der 180 Länder umfassenden Pressefreiheitsrangliste von Reporter ohne Grenzen fielen die USA in diesem Jahr vom 43. auf den 45. Platz. "Amerika ist nicht länger der Vorkämpfer einer freien Presse", sagt auch Bruce Brown, Chef der Organisation Reporters Committee for Freedom of the Press.

Hauptgrund: Präsident Donald Trump, der bekanntlich wenig von der Pressefreiheit hält und oft gedroht hat, sie einzuschränken und etwa "die Verleumdungsgesetze zu verschärfen". Bisher blieb es bei den Warnungen.

Effektiver ist dagegen Trumps konstante Verteufelung missliebiger Berichte als "Fake News" und seine gezielten Twitter-Attacken auf einzelne Reporter und ganze Publikationen wie die "New York Times", CNN oder die "Washington Post" inklusive deren Besitzer, Amazon-Chef Jeff Bezos.

Die Konzentration vieler US-Medien in immer weniger Großkonzernen, das Aussterben unabhängiger Lokalredaktionen und der Einstieg konservativer Unternehmen mit einer politischen Agenda in den Fernsehmarkt im mittleren Amerika untergräbt die Pressefreiheit ebenfalls.

Hinzu kommen russische Propaganda in den sozialen Medien, die geschwundene Schutzfunktion der US-Kommunikationsbehörde FCC und die wachsende Bereitschaft amerikanischer Gerichte, den Quellenschutz für Journalisten aufzuheben. Sie stellen sich zunehmend im Namen der "nationalen Sicherheit" bei der Strafverfolgung von Informanten auf die Seite der Regierung.

Marc Pitzke

3. Platz 103: Montenegro

Bijelo Polje, ein kleiner Ort im Norden Montenegros, in der Nacht zum 2. April: Bei einer Bombenexplosion wird der Wagen des Investigativjournalisten Sead Sadikovic beschädigt. Zuvor hatte der montenegrinische Journalistenverband davor gewarnt, dass Sadikovic gefährdet sei, weil er für den Sender TV Vijesti immer wieder über das organisierte Verbrechen im Land berichtet.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten gab es eine Reihe ähnlicher Fälle in Montenegro: Journalisten wurden nicht nur mit Bomben eingeschüchtert, sondern auch krankenhausreif geprügelt oder sogar ermordet. Im Mai 2004 wurde etwa der Chefredakteur des Blattes "Dan", Dusko Jovanovic, getötet - aufgeklärt ist der Fall bis heute nicht.

Doch nicht nur Montenegro, das 2017 in die Nato aufgenommen wurde und in der Region als EU-Musterkandidat gilt, zählt zu den gefährlichsten europäischen Ländern für Journalisten. Grundsätzlich gilt die Westbalkan-Region als problematisch, neben Montenegro derzeit vor allem das Kosovo und Serbien.

Vergangenen Herbst wurde der kosovarische Journalist und Redakteur des Portals "Insajderi", Vehbi Kajtazi, in aller Öffentlichkeit in einem Café in der Hauptstadt Pristina verprügelt. Es war nur einer von zahlreichen Übergriffen auf Journalisten in dem Land. Häufig bleiben sie unbestraft.

Auch in Serbien, das ebenfalls als EU-Beitrittsfavorit gilt, gab es 2017 Dutzende Attacken auf Journalisten. Staatspräsident Aleksandar Vucic macht aus seiner tiefen Abneigung gegen kritische Medien keinen Hehl. Aus Protest gegen die schlechte Situation waren im vergangenen Herbst die Webseiten von 150 serbischen Medien und Nichtregierungsorganisationen vorübergehend nicht erreichbar.

Keno Verseck

4. Platz 138: Indien

Am 5. September 2017 parkt die indische Journalistin und Aktivistin Gauri Lankesh vor ihrem Haus im südindischen Bangalore. Sie steigt aus ihrem Wagen, ihr Mörder nähert sich ihr von hinten. Er feuert viermal auf die 55-Jährige; sie stirbt noch an Ort und Stelle. Eine Videokamera zeigt den Angreifer in schwarzer Jacke, ein Helm verdeckt sein Gesicht.

Lankesh war eine bekannte und unverblümte Kritikerin der Regierung. Sie trat für die Rechte von Minderheiten ein und kämpfte gegen religiösen Fanatismus. Sie war sich der Gefahr ihrer Arbeit bewusst: Viele Jahre lang drohten ihr Hindunationalisten mit Mord. Lankesh ist eine von mindestens drei indischen Journalisten, die 2017 ihr Leben lassen mussten, weil sie ihre Arbeit taten. Keines der Verbrechen wurde bislang aufgeklärt. Damit gilt Indien als eines der gefährlichsten Länder der Welt für Journalisten.

Dabei ist Indien stolz darauf, die größte Demokratie der Welt zu sein - durchaus zu Recht: Indien ist in vielen Teilen noch immer ein armes Land, aber es gibt hierzulande eine lebendige Medienlandschaft, Demonstrationen werden in der Regel nicht niedergeknüppelt, Inder tun ihre Meinung mit Leidenschaft kund.

Aber gerade in ländlichen Gebieten müssen Journalisten um ihr Leben fürchten, wenn ihre Recherchen mächtigen Interessen in die Quere kämen. Und seitdem die BJP, eine Partei mit hindunationalistischer Agenda, an der Macht ist, erleben viele Reporter Einschüchterungsversuche.

Wer allzu kritisch über die Regierung berichtet, dem drohen fanatische Hindunationalisten im Internet mit Vergewaltigung - oder mit Mord, wie bei Gauri Lankesh. In der Rangliste zur Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen ist Indien daher zum zweiten Mal in Folge abgerutscht: auf Platz 138 von 180.

Laura Höflinger

5. Platz 139: Pakistan

Die Lage von Journalisten in Pakistan hat sich in den zurückliegenden Monaten dramatisch verschlechtert. Drohungen, gewalttätige Übergriffe, illegale Festnahmen, Entführungen und Ermordungen kommen regelmäßig vor. Die Zahl der registrierten Fälle hat zuletzt zugenommen, gleichzeitig wird die politische Lage immer instabiler.

Die pakistanische Organisation Freedom Network registrierte in den zwölf Monaten bis zum 1. April 2018 insgesamt 157 Fälle, darunter fünf Morde, elf versuchte oder gelungene Entführungen und 39 illegale Festnahmen. Beobachter machen islamistische Gruppierungen sowie das Militär mit seinen Geheimdiensten gleichermaßen verantwortlich für die Angriffe auf die Pressefreiheit. Wer zu kritisch berichtet, begibt sich in Gefahr. Reporter ohne Grenzen listet das Land auf Platz 139 in seiner Liste der Pressefreiheit.

Zuletzt wurde im März 2018 der größte pakistanische Nachrichten-TV-Sender, Geo TV, in weiten Teilen des Landes geschlossen - Regierung und Behörden erklären, sie hätten damit nichts zu tun, und verweisen auf das Militär, das über die regierungsfreundliche und militärkritische Berichterstattung verärgert sei. Beobachter sprechen von einem regelrechten "Krieg gegen Journalisten", den die Generäle derzeit führten.

Hasnain Kazim

6. Platz 143: Venezuela

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Präsident Nicolás Maduro gegen das Portal armando.info vorgehen würde: Die Männer und Frauen, die sich in diesem Kollektiv zusammengeschlossen haben, recherchieren seit vier Jahren, wie sich die Mächtigen in Caracas auf Kosten der notleidenden Bevölkerung bereichern.

Als armando.info Anfang des Jahres aufdeckte, wie hohe Staatsfunktionäre Millionen Dollar beim Import subventionierter Lebensmittel abzweigen, verließen die verantwortlichen Redakteure kurz darauf das Land: Ein kolumbianischer Geschäftsmann, der bei dem Deal eine Schlüsselrolle spielen soll, verklagte die Journalisten wegen Verleumdung, ihnen droht eine hohe Geldbuße und Gefängnisstrafe. Da die Justiz in Venezuela von der Regierung kontrolliert wird, haben sie keine Chance auf einen fairen Prozess.

Reporter ohne Grenzen berichtet, dass die Pressefreiheit in Venezuela im vergangenen Jahr weiter eingeschränkt wurde. Seit Jahren versucht Präsident Maduro systematisch, alle Medien im Land gleichzuschalten. Den letzten regierungskritischen Fernsehsender Globovisión kaufte die Regierung auf, auch die meisten Radiostationen werden von der Regierung kontrolliert. Der Direktor der regierungskritischen Zeitung "El Nacional" ging ins Exil. Dennoch bleibt das Blatt ein wichtiges Sprachrohr der Opposition.

Auch gegen internationale Journalisten geht die Regierung immer härter vor. Der Korrespondent der "New York Times" durfte nach einem Urlaub nicht mehr einreisen, die Zeitung musste ihr Büro in Caracas schließen. Um die internationale Berichterstattung zu unterdrücken, haben die Behörden nach kubanischem Vorbild eine strenge Visumsregelung für Journalisten eingeführt.

Ein Visum ist allerdings auch keine Garantie für ungestörtes Arbeiten: Der Korrespondent des "Miami Herald" wurde vor zwei Jahren bei der Einreise festgenommen und ausgewiesen, obwohl er ein Journalistenvisum besaß. Er wollte über eine Kundgebung der Opposition berichten.

Jens Glüsing

7. Platz 147: Mexiko

Seit dem 23. März 2017 ist Patricia Mayorga ständig unterwegs, immer weit weg von daheim. Mexiko-Stadt, Südamerika, New York. Jetzt gerade mal wieder Mexiko, wenn diese Zeilen erscheinen, ist sie schon wieder an einem anderen sicheren Ort.

Die Journalistin aus dem nordmexikanischen Bundesstaat Chihuahua muss sich verstecken, damit ihr das Schicksal ihrer Kollegin Miroslava Breach erspart bleibt. Diese wurde vor gut 13 Monaten getötet. Neben der Leiche fand sich ein Zettel mit der Botschaft: "Por lengüona". "Weil du zu viel geredet hast".

"Wir haben praktisch bei allen Themen zusammengearbeitet, wir fühlten uns so sicherer", erzählt Mayorga. Sie schreibt für das Nachrichtenmagazin "Proceso", Breach für die linke Tageszeitung "La Jornada".

Beide schrieben über Dinge, die Politiker und das organisierte Verbrechen stören. Sie prangerten Vertreibungen und Morde an, Verquickungen von Politik und organisiertem Verbrechen und wie die Kartelle ihre Kandidaten auf Wahllisten setzen - in Absprache mit Politikern und Parteien.

"Mexiko ist im Krieg, und zwar nicht gegen die Drogenkartelle, sondern gegen die eigene Bevölkerung", sagt die 45-Jährige. "Wir sind Kriegskorrespondenten in unserem eigenen Land. Wir sind darauf aber nicht vorbereitet, die Opfer sind deine Familie und deine Nachbarn."

Mexiko ist das gefährlichste Land der Welt für Reporter, noch vor Syrien und Irak. 2017 wurden zwölf Medienvertreter ermordet, dieses Jahr bereits drei. Die Journalistenschutzorganisation "Article 19" hat 115 tote Reporter und Journalisten seit 2000 gezählt, allein 42 in der knapp sechsjährigen Amtszeit des amtierenden Präsidenten Enrique Peña Nieto. Auftraggeber der Verbrechen sind Kartellbosse, Polizisten, Politiker und Gouverneure. Und die Täter müssen sich keine großen Sorgen machen. 98 von 100 Verbrechen in Mexiko bleiben straflos.

Klaus Ehringfeld

8. Platz 148: Russland

Kritik mag man im Kreml nicht gern: Seit Wladimir Putin 2000 an die Macht kam, hat die Staatsführung die Konzerne privater Medienmogule zerschlagen und deren TV-Kanäle gleichgeschaltet. Das Fernsehen ist das populärste Medium in Russland. Die Leserschaft von Zeitungen und Internetportalen ist hingegen überschaubar.

Der Kreml setzt auf Kontrolle über Information und Bild. Immer wieder gibt es Berichte ehemaliger TV-Mitarbeiter, die Präsidialverwaltung gebe den Sendern in "Stopplisten" vor, worüber nicht berichtet werden dürfe. So wird der Oppositionelle Alexej Nawalny weitgehend von den drei größten Sendern Rossija 1, Perwy Kanal und NTW ignoriert.

Das Fernsehen verbreitet unablässig Propaganda der Führung und Desinformation, was zuletzt im Fall des vergifteten Ex-Agenten Sergej Skripal deutlich wurde. Die Sender veröffentlichten ständig neue Behauptungen und Lügen über die Hintergründe des Anschlags - eine Taktik, um einen Nebel aus Informationen zu schaffen, in dem nichts mehr klar zu sein scheint, vor allem Moskaus Rolle.

Reporter ohne Grenzen listet das Land derzeit auf Rang 148 von 180 seines Pressefreiheit-Rankings. Die wenigen Medien, die noch von der offiziellen Linie abweichen, bekommen Repressionen zu spüren. Diese wurden seit der Krim-Annexion, dem Krieg in der Ostukraine und den Vorwürfen der Beeinflussung der US-Präsidentschaftswahl kontinuierlich verschärft.

Nun können ausländische Medien als "ausländische Agenten" gebrandmarkt werden. Russische Journalisten und Blogger, die allzu kritisch sind, bekommen es mit der Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor zu tun - insbesondere, wenn es um Sicherheitsstrukturen und Korruption in der Machtelite geht. Die Behörde geht oft willkürlich auf Grundlage schwammiger Gesetze vor, spricht Verwarnungen aus und sperrt jeden Tag den Zugang zu Dutzenden Internetseiten.

Mittlerweile wird auch Druck auf internationale Internetdienste wie Instagram gemacht. Das Portal löschte zuletzt Bilder des kremlnahen Oligarchen Oleg Deripaska.

Christina Hebel

9. Platz 157: Türkei

Präsident Recep Tayyip Erdogan hat dafür gesorgt, dass Journalismus in der Türkei zu einem Wagnis geworden ist: Die meisten Medien sind im Besitz von Freunden des Staatschefs. Die Reporter, die sich um unabhängige Berichterstattung bemühen, sind dem ständigen Risiko ausgesetzt, ihren Job zu verlieren oder verhaftet zu werden.

Erst vergangene Woche wurden Murat Sabuncu, der Chefredakteur der "Cumhuriyet", einer der letzten verbliebenen regierungskritischen Zeitungen, und mehrere seiner Mitarbeiter zu langen Freiheitsstrafen verurteilt. Mehr als hundert Journalisten sitzen in der Türkei in Haft, 180 Medienhäuser wurden seit dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 geschlossen. Die Türkei ist das größte Gefängnis der Welt für Journalisten.

Doch trotz all der Repressionen gibt es nach wie vor zahlreiche Menschen im Land, die für Pressefreiheit kämpfen, die die Hoffnung auf Demokratie längst noch nicht aufgegeben haben: Jenseits der etablierten Medien und von der europäischen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt sind eine Reihe erfolgreicher journalistischer Neugründungen entstanden.

"Diken", eine Website, die beinahe altmodischen Nachrichtenjournalismus betreibt, ist inzwischen eine ernsthafte Alternative zu "Hürriyet", der größten Tageszeitung des Landes. Hinzu kommen Seiten wie "Bianet" oder das Portal "T24", die kritisch über Politik berichten. "Der Druck durch die Regierung mag noch so groß sein", sagt "Cumhuriyet"-Chef Sabuncu. "Wir beugen uns nicht."

Maximilian Popp

10. Platz 161: Ägypten

Seit fast fünf Jahren sitzt der Fotojournalist Mahmud Abu Zeid, den alle nur "Shawkan" nennen, im ägyptischen Hochsicherheitsgefängnis Tora am Stadtrand von Kairo in Untersuchungshaft. Ihm droht die Todesstrafe. Sein Verbrechen: Er hat als Reporter Aufnahmen von der gewaltsamen Räumung eines Protestcamps in Kairo gemacht. Bei dem Massaker am 14. August 2013 töteten die ägyptischen Sicherheitskräfte mindestens 800 Menschen.

An jenem Tag nahmen die Behörden Shawkan fest. Sie beschlagnahmten seine Fotoausrüstung und die gemachten Aufnahmen. In dem Prozess gegen ihn, der sich seit Jahren hinzieht, wurden die Bilder jedoch kein einziges Mal als Beweismittel herangezogen. Dass er als Fotograf seit 2010 für ägyptische und ausländische Medien tätig war, interessiert das Gericht ebenso wenig. Stattdessen bezeichnet ihn die Anklage als Angehörigen der Muslimbruderschaft - und damit als Mitglied einer terroristischen Vereinigung.

Shawkan leidet an Hepatitis, Blutarmut und psychischen Problemen. Die lange Haftzeit hat ihn mürbe gemacht. Ein Urteil ist weiterhin nicht in Sicht. Als Zeichen der Unterstützung hat die Unesco ihm in diesem Jahr ihren Preis für Pressefreiheit verliehen, die Regierung in Kairo protestierte vehement gegen die Auszeichnung.

Shawkan ist einer von mindestens 30 Journalisten, die derzeit in Ägypten wegen ihrer Arbeit in Haft sitzen. Die Vorwürfe sind oft vage, meist wirft ihnen die Justiz die Verbreitung falscher Nachrichten oder die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor. Der Verbreitung falscher Nachrichten kann sich schon schuldig machen, wer die Meldungen der Armee über Anschläge oder den Kampf gegen Terroristen auf dem Sinai auch nur infrage stellt.

In den wenigsten Fällen haben die Verfahren bisher auch zu Verurteilungen geführt. Aber während die Prozesse laufen, werden die Reporter über Jahre in Untersuchungshaft gesperrt. So sollen kritische Berichterstatter eingeschüchtert werden.

Christoph Sydow

11. Platz 164: Iran

Iran schaffte es 2018 auf Platz 164 der Rangliste von Reporter ohne Grenzen. Nach Angaben der Organisation sind in dem Land derzeit mindestens 25 Menschen wegen ihrer journalistischen Tätigkeit in Haft - damit gehört Iran zu den fünf Ländern mit den meisten inhaftierten Medienschaffenden in der Welt.

Hoffnungen, unter dem als gemäßigt geltenden Präsidenten Hassan Rohani würde sich die Lage für Journalisten verbessern, haben sich nicht erfüllt. Seit seiner Wahl im Sommer 2013 wurden mindestens hundert Journalisten inhaftiert und elf Zeitungen geschlossen. Journalisten, Autoren, Schriftsteller, aber auch Künstler stehen in Iran unter Druck, nichts zu tun, was die Regierung in einem schlechten Licht erscheinen lassen könnte.

Zensur ist üblich, auch im Internet. Vor allem Blogger stehen unter Beobachtung. Behörden berufen sich dabei auf das Pressegesetz von 1986, das ihnen das Recht gibt, sicherzustellen, dass Publikationen nicht den "Bestand der Islamischen Republik" gefährden, nicht den "Revolutionsführer" beleidigen und keine "falschen Informationen" verbreiten.

Ausländische Journalisten müssen beim Beantragen eines Visums die Themen angeben, zu denen sie recherchieren wollen. Vor Ort sind sie meist verpflichtet, einen vom Kulturministerium gestellten Übersetzer zu beschäftigen, der sie zu Recherchen begleitet.

Auch wenn diese Übersetzer von den ausländischen Journalisten bezahlt werden müssen und für iranische Verhältnisse relativ hohe Preise verlangen, sieht die Regierung diese Maßnahme als ein Zeichen der Gastfreundschaft, um den Reportern den Aufenthalt zu erleichtern. Als Kontrolle will sie diese Auflage nicht verstanden wissen.

Hasnain Kazim

12. Platz 169: Saudi-Arabien

Die Eröffnung von Kinos, Führerscheine und eine Lockerung der Kleidungsvorschriften für Frauen: Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman hat in den vergangenen Monaten eine Vielzahl von gesellschaftlichen Veränderungen angestoßen. In Sachen Pressefreiheit ist jedoch bislang keine Liberalisierung in Sicht.

Nach Angaben von Reporter ohne Grenzen haben die Behörden in Saudi-Arabien allein seit September mindestens 15 Journalisten und Blogger festgenommen. Der prominenteste von ihnen ist Saleh al-Shehi. Er ist unter anderem als Kolumnist für die Tageszeitung "al-Watan" bekannt geworden.

In einem TV-Interview hatte Shehi im Dezember Korruption und Vetternwirtschaft innerhalb der saudischen Königsfamilie angeprangert. Daraufhin verurteilte ihn ein Gericht im Februar wegen Majestätsbeleidigung zu fünf Jahren Gefängnis. Außerdem darf er nach Absitzen seiner Haftstrafe für weitere fünf Jahre das Land nicht verlassen.

Ein weiterer Fall ist der Blogger und Unternehmer Essam al-Zamil. Im September hatte er noch als Teil einer offiziellen Delegation die USA besucht, nach seiner Rückkehr wurde er in Saudi-Arabien festgenommen. Zum Verhängnis sollen ihm mehrere Tweets geworden sein, in denen er den bevorstehenden Börsengang des staatlichen Ölunternehmens Aramco kritisierte. Die Justiz wirft ihm deshalb Aufwiegelung gegen den Staat vor.

Auch andere Journalisten, die sich kritisch zum Reformkurs von Kronprinz Mohammed bin Salman äußern, berichten von Schikanen. Sie verlieren auf Druck des Herrscherhauses ihre Jobs und werden dadurch ins Ausland gedrängt. Zu ihnen gehört auch der Journalist Jamal Khashoggi, der sich im SPIEGEL kritisch über die Repressalien des Thronfolgers geäußert hatte.

Christoph Sydow

13. Platz 176: China

Vor ein paar Tagen fuhr ich in die chinesische Provinz. Es ging um eine Wirtschaftsrecherche, politisch unverfänglich. Die Bewohner eines Dorfes hatten sich über Nacht bereit erklärt, einen Teil ihrer Weizenfelder zu räumen, um einem Bautrupp Platz zu machen: In der Nähe wird eine neue Strecke für einen Hochgeschwindigkeitszug gebaut.

Wie oft in China waren die Bewohner des Dorfes bereit, mit meiner chinesischen Mitarbeiterin und mir zu sprechen. Dann luden sie uns in den Dorfrat ein. Als wir dort ankamen, wurde die Zahl unserer Gesprächspartner immer größer, die Atmosphäre aber immer kühler. Am Ende gab es keine Antworten mehr, sondern nur Gegenfragen der Funktionäre: "In welchem Hotel wohnen Sie? Wo waren Sie, bevor Sie in unser Dorf kamen? Wo fahren Sie als Nächstes hin?"

China steht auf Platz 176 des World Press Freedom Index, gefolgt von Syrien, Turkmenistan, Eritrea und Nordkorea. Vor allem chinesische Journalisten werden überwacht. Aber auch für ausländische Korrespondenten machen die Schikanen, manchmal sogar Übergriffe der Behörden, die Arbeit mühsamer. Größtes Problem aber ist der Argwohn, den die Kommunistische Partei gegenüber Journalisten verbreitet. Selbst gute Nachrichten sind immer schwieriger unabhängig zu recherchieren.

Unsere Recherche endete mit einer Verfolgungsjagd. Da ich den Beamten nicht sagen wollte, wo wir als Nächstes hinfahren, fuhren sie uns nach - bis ich Gas gab und sie im Straßengewirr abschüttelte. Dachten wir zumindest. Als wir eine Stunde später auf die Autobahn auffuhren, warteten unsere Verfolger schon auf uns: "Wo wohnen Sie? Wo waren Sie? Wo fahren Sie als Nächstes hin?"

Bernhard Zand

Autoren: Korrespondenten, Reporter und Autoren des SPIEGEL und von SPIEGEL ONLINE

Redaktion: Kevin Hagen, Johannes Korge, Britta Kollenbroich

Schlussredaktion: Sebastian Hofer

Produktion: Anna van Hove

Bildredaktion: Maxim Sergienko

Layout: Katja Braun, Hanz Sayami

Programmierung: Guido Grigat, Frank Kalinowski, Chris Kurt

*Länder sortiert nach Reihenfolge in der Rangliste der Pressefreiheit 2018 von Reporter ohne Grenzen

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