Pressefreiheit in Tunesien "Bei uns sind alle Dämme gebrochen"

Vor einer Woche noch ganz hinten - und plötzlich ganz vorn. Tunesiens Presse durchlebt eine Revolution im Eiltempo, nach Jahren drückender Zensur sind auf einmal alle Kontrollen entfallen. Journalisten arbeiten wie im Rausch die Nächte durch, und ihr Publikum diskutiert: Politik, Politik, Politik.

AFP

Aus Tunis berichtet


"Schlösser in Frankreich, Konten in der Schweiz, Großgrundbesitz in Argentinien!" heißt es in großen Buchstaben auf der Titelseite der Zeitung "al-Chourouk". "Wir haben die Jagd auf die Reichtümer Ben Alis eröffnet", lautet der Untertitel, mit dem der tunesische "Sonnenaufgang" am Mittwoch um Leser buhlt.

Auch die Konkurrenz versucht, Käufer zu locken: Sie zeigt das Bild eines in Flammen stehenden Menschen. Die Story dazu: Seit der durch die Selbstverbrennung eines arbeitslosen Akademikers ausgelösten Revolution in Tunesien haben sich in mehreren Ländern der arabischen Welt Menschen in Brand gesteckt. Die Selbstmörder hofften, dadurch auch in ihrer Heimat eine Revolution zu entfachen, berichtet das Blatt "as-Sarih", zu Deutsch "Unverblümt".

Die beiden größten Zeitungen Tunesiens haben in nicht einmal einer Woche eine radikale Wandlung durchgemacht. Früher schmückte das Konterfei des Despoten Ben Ali jede Titelseite, heute wird auf ihnen zur Jagd auf den Staatschef geblasen.

Denn die Flucht Ben Alis ins Ausland war am Wochenende auch die Geburtsstunde der Pressefreiheit. Der nächste Schritt erfolgte bei der Bildung der Übergangsregierung: "Das Informationsministerium wird nicht neu besetzt", verkündete Innenminister Ahmed Friaa. "Die Presse ist frei." Tunesien hatte sich damit auf einen Schlag vom Schlusslicht in den jährlich erstellten Pressefreiheits-Rankings zum Spitzenreiter in der arabischen Welt gewandelt. Bislang galt der Libanon als das Land, in dem Journalisten der Region am besten arbeiten können.

"Bei uns sind alle Dämme gebrochen", sagt ein völlig übernächtigter Schekir Bisbes. Seit das Regime kollabiert ist, ist der Radioreporter für Tunesiens beliebtesten Privatsender "Mosaique FM" kaum noch zu Hause gewesen. Von drei oder vier Nachrichtenblöcken täglich hat der Sender über Nacht auf eine Live-Berichterstattung rund um die Uhr umgestellt. Berichte von der Straße und politische Analysen wechseln sich mit Anrufsendungen ab: Der Hunger der Hörer nach Information ist genauso groß wie ihr Mitteilungsbedürfnis. Nach 23 Jahren Schweigen tun die Tunesier derzeit nichts lieber, als über Politik zu reden.

Viele Angestellte von "Mosaique FM" gehen inzwischen selbst zum Schlafen nicht nach Hause. "Unsere Techniker sind hier eingezogen", sagt Bisbes vor einem Konferenzraum, in dem mit Spannbettlaken bezogene Matratzen liegen.

Ärger über die Lorbeeren für al-Dschasira

Trotz der Schlafmangels ist Bisbes in diesen Tagen ein glücklicher Mann. Endlich darf er seinen Beruf ausüben. "Als ich live von den Demos berichtete, habe ich mich zum ersten Mal als echter Journalist gefühlt." Nun heißt es, einen kühlen Kopf zu bewahren: "Wir bemühen uns, ausgeglichen zu berichten, uns nicht auf eine Seite zu schlagen", sagt Bisbes. Im Streit um die Legitimation der Übergangsregierung gebe es für Radio Mosaique nur eine Position. "Wir stehen an der Seite des Volkes."

Bisbes genießt seine neue Rolle, warnt aber davor, die Macht der neuerdings freien Presse in seinem Land zu überschätzen. Die Tunesier hätten jahrzehntelange Übung darin, sich auch ohne glaubwürdige Medien ein Bild der Lage zu machen. "Jetzt reden alle darüber, dass dies eine al-Dschasira-Revolution war", ärgert sich Bisbes über die Bedeutung, die der Tunesien-Berichterstattung des panarabischen Kanals zugesprochen wird. "Das ist maßlos übertrieben. Facebook, Twitter und al-Dschasira haben nur die Impulse verstärkt, die aus dem Volk kamen." Al-Dschasira hatte schon kurz nach Beginn der Unruhen eine intensive Berichterstattung begonnen.

Nächtliche Drohanrufe, Razzien, immer Angst vor dem Gefängnis: Nuredine Butar, Chefredakteur von "Mosaique FM", wurde jahrelang unter Druck gesetzt. "Wir haben versucht, in den uns gesetzten Grenzen so guten Journalismus wie möglich zu machen", sagt er. Manchmal jedoch seien er und seine Kollegen gescheitert. Er sucht als Beispiel ein altes Fax hervor. Es ist datiert vom Oktober vergangenen Jahres, als es einen Kidnapping-Skandal in Tunesien gab. Ein Neffe des Präsidenten stritt sich mit einem Konkurrenten um eine Exportlizenz. Als der andere nicht nachgeben wollte, ließ der Neffe dessen kleinen Sohn entführen. Der Vorfall wurde hinter vorgehaltener Hand weitererzählt, das Radio griff die Geschichte auf. Doch am nächsten Morgen ging das Fax ein: Ein Richter verbot dem Sender, die Story weiterzuverfolgen.

Von "TV7" zum Nationalen Tunesischen Fernsehen

Noch vor einer Woche war die Hauptnachrichtensendung des staatlichen tunesischen Fernsehsenders eine wirksame Einschlafhilfe. Jeden Abend begann sie mit langen Berichten über den Tagesablauf der Ben Alis: Der Präsident berät sich mit seinen Ministern, die First Lady tafelt mit Botschaftergattinnen. Vor fünf Jahren heuerte Walid Abdallah trotzdem beim Sender TV7 an. "Meine Familie hat mir seitdem immer vorgeworfen, meine Seele verkauft zu haben", sagt der Fernsehreporter.

Auch deswegen war der vergangene Samstag für ihn ein ganz besonderer Tag: Als er an diesem Tag eins nach dem Ende der Herrschaft Ben Alis von der Arbeit nach Hause kam, begrüßte ihn seine Mutter jubelnd. "Plötzlich ist sie stolz auf mich", sagt der 34-Jährige. Denn nur Stunden zuvor hatte der Sender seinen politischen Kurs gewechselt: Gewerkschaftsmitglieder unter den Angestellten waren vor die Kamera getreten und hatten zugegeben, dass sie bislang nur staatliche Propaganda unters Volk gebracht hätten. Damit sei nun Schluss. Gleichzeitig änderte der Sender seinen Namen: Aus TV7 - die sieben war zu Ehren der Machtergreifung Ben Alis am 7. November 1987 Teil des Namens - wurde das Nationale Tunesische Fernsehen.

Die Umbenennung geschah gegen den erklärten Willen der Direktorenriege. "Die wollten, dass alles beim Alten bleibt", sagt Abdallah. Wie die Chefs hätten auch viele Angestellte des Senders beste Beziehungen zum Regime gepflegt. "Freunde und Familie von Parteibonzen bekamen bei uns Versorgungsposten." Die Systemtreuen seien nun schlagartig zu den Underdogs geworden. "Früher haben sie den Ton angegeben, jetzt sind sie ganz kleinlaut", sagt Abdallah. Er glaubt, dass der Sender aufräumen wird: "Noch kommen die Regime-Anhänger zur Arbeit", sagt er. "Noch."

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insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
Holzhausbau 20.01.2011
1. Prima!
Zitat von sysopVor einer Woche noch ganz hinten - plötzlich ganz vorn. Tunesiens Presse durchlebt eine Revolution im Eiltempo, nach Jahren drückender Zensur sind auf einmal alle Kontrollen entfallen. Journalisten arbeiten wie im Rausch die Nächte durch, und ihr Publikum diskutiert: Politik, Politik, Politik. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,740539,00.html
Und wann passiert sowas endlich auch bei uns?
avollmer 20.01.2011
2. Wird es ein unabhängiges Rechtswesen geben?
Neben der Presse wird ein zentrales Element zur nachhaltigen Demokratisierung ein Richterstand ohne tendenziöse oder korrupte Mitglieder sein.
onecomment 20.01.2011
3. .
Zitat von HolzhausbauUnd wann passiert sowas endlich auch bei uns?
Sie haben doch mit ihren 195 Beiträgen bewiesen daß hier schon ein wenig länger diskutiert wird.
Bobastro, 20.01.2011
4. Warten auf Godot
Zitat von HolzhausbauUnd wann passiert sowas endlich auch bei uns?
Mit einer Presse die so politisch korrekt ist kannst Du lange warten.
shaim74, 20.01.2011
5. Frankreich?
Europa in Form Frankreichs soll sich aus den Maghreb zurückhalten, sie haben bereits genug verbrannte Asche hinterlassen.
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