Pressefreiheit So gängelt Peking Journalisten

Gesperrte Gebiete, perfekte Überwachung, Katz-und-Maus-Spiel mit Aufpassern: Chinas Polizei behindert nach den Unruhen in Tibet und den Nachbarregionen die zugesagte freie Berichterstattung aus dem Olympia-Land. Erfahrungen aus der Provinz Qinghai.

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Kurz vor Mitternacht klopft die Polizei an die Hotelzimmertür: "Sie müssen von hier verschwinden", sagt eine Beamtin, die von zwei Kollegen begleitet wird. Sie greift sich Reisepass und Journalistenausweis. Erst am Morgen wird sie die Papiere zurückgeben.

Polizei in der Kleinstadt Tongren in der Provinz Qinghai: "Das ist jetzt eine besondere Zeitperiode"
REUTERS/ Kyodo

Polizei in der Kleinstadt Tongren in der Provinz Qinghai: "Das ist jetzt eine besondere Zeitperiode"

Tongren ist eine kleine Stadt in der westlichen Provinz Qinghai. Vor wenigen Tagen haben hier Tibeter gegen die chinesische Regierung protestiert. Nun patrouillieren Angehörige der Bewaffneten Polizei, einer Einheit des Militärs, links und rechts der Straße, stets bereit, neue Unruhen im Keim zu ersticken.

Eigentlich ist die Stadt für Ausländer gesperrt. Schon vor seinem Abflug rief die Polizei den SPIEGEL-Korrespondenten an mit der Botschaft, er brauche gar nicht erst loszufahren, man habe seinen Namen auf der Passagierliste entdeckt: Dennoch gelingt es, Tongren zu erreichen. Im Schutz der Dunkelheit und mit einer tief ins Gesicht gezogenen Baseballkappe schafft er es ins Zentrum und kann in einem Hotel unterkommen, weil – glücklicher Zufall - ihn niemand nach seinem Ausweis mit dem Journalistenvisum fragt.

Rund 100 Kilometer weiter nördlich holpert derweil ein Taxi mit anderen SPIEGEL-Journalisten durch die gelb-braune Landschaft, vorbei an Lehmwänden, einfachen Ziegelhäusern, Moscheen. Hier und da tauchen blau-weiß gestrichene Polizeiwachen als Farbkleckse in der kargen Umgebung auf.

Vor den Häusern hocken Männer mit langen Bärten und blicken Schulkindern in Trainingsanzügen nach, die sich nach Hause trollen. Die Gegend ist bitterarm, gepflügt wird hier nicht mit Hilfe von Traktoren, sondern mit Hilfe von Eseln.

Am Abzweig zum tibetischen Youning-Kloster ist die Fahrt zu Ende. Zwei Verkehrspolizisten und zwei Beamte in Zivil stoppen den Wagen. "Diese Gegend ist vorübergehend für Ausländer gesperrt", erklären sie. "Aus besonderen Gründen", fügen sie hinzu. Einer notiert die Namen des Taxifahrers und der Passagiere in einer blauen Mappe. Rund 50 Kilometer entfernt liegt ein besonderer Ort: Die Geburtsstätte jenes Menschen, den Peking als "Wolf in der Mönchsrobe", als "Teufel mit menschlichem Antlitz" verschmäht. In Taktser (chinesisch: Hongya) kam der Bauernjunge Tenzin Gyatso vor 73 Jahren zur Welt, hier entdeckten ihn Mönche als Reinkarnation des 13. Dalai Lama.

Gesprächspartner werden behindert, bedroht oder geschlagen

Die Straße wird gerade repariert, sie führt durch schmale Dörfer. Kein Straßenschild verweist auf das Ziel, kein Punkt auf der Landkarte. Es ist ein Ort, den es nicht gibt. "Wo ist der Dalai Lama geboren?" Ein zahnloser Muslim, eine Kuh an der Hand, gibt Auskunft: "Dort, auf der anderen Seite des Berges", antwortet er. Wieder ist die Reise zu Ende. Ein weißer Polizei-Jeep, ein Cherokee, versperrt den Weg. "Das Gebiet ist für Ausländer geschlossen", heißt es auch hier. Eine Beamtin im Auto notiert Namen. "Das ist hier sowieso keine Sehenswürdigkeit", sagen die Beamten, und: "Das ist jetzt eine besondere Zeitperiode." Reporteralltag in China knapp zwei Wochen nach den Unruhen in Tibet und den Nachbarregionen. Ein Land macht dicht. Nichts Unangenehmes soll mehr nach außen dringen und die verbliebenen Monate vor den Olympischen Spielen stören.

Nur heimlich, in einem unwürdigen Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei, können Reporter versuchen zu recherchieren, was in den Unruhegebieten an den Rändern Tibets vor sich geht. Mönche, die dabei ein hohes Sicherheitsrisiko eingehen, berichten über ihre tiefe Angst. Die Polizei demonstriert, wie perfekt sie ihren Überwachungsstaat im Griff hat.

Welch eine Niederlage für China: Vor einem Jahr noch hatte Peking der Welt verkündet, ausländische Journalisten dürften vor und während der Olympischen Spiele im ganzen Land (außer Tibet) ohne Genehmigung recherchieren – vorausgesetzt, die Gesprächspartner erklären sich mit einem Interview einverstanden. So wollte die aufstrebende Großmacht neues Selbstbewusstsein zeigen: Schaut her, wir sind ein normales Land, wir haben nichts zu verbergen, lautete die Botschaft.

Genutzt hat der Erlass des Außenministeriums manchmal, aber nicht immer. Korrespondenten werden gestoppt, festgehalten, ihre Gesprächspartner behindert, bedroht und in einigen Fällen sogar geschlagen. Seit den Unruhen in Tibet hat Peking die Uhr zurückgedreht. Verweise auf die neuen Regeln beantworten Beamte in Tongren mit einem anderen Dekret aus der Hauptstadt: In Fällen, in denen die nationale Sicherheit und das sozialistische System bedroht seien, heißt es sinngemäß, dürfe die Reiseerlaubnis eingeschränkt werden.

Nur ausgewählte Journalisten dürfen nach Lhasa

Das hindert die staatlich gelenkte Presse nicht, die angeblich voreingenommene Berichterstattung westlicher Medien über Tibet zu kritisieren. Auch im Internet sprechen chinesische Blogger Ausländern die Qualifikation ab, über die tibetischen Unruhen zu berichten. In den Korrespondentenbüros klingeln die Telefone. Am anderen Ende der Leitung sind Anrufer, die sich beschweren, dass man das Geschehen in einem Gebiet beurteile, in das man gar nicht hineindürfe.

Um die fehlende Glaubwürdigkeit internationaler Korrespondenten zu beweisen, ruft Peking patriotische Landsleute außerhalb Chinas als Zeugen auf: Sie "schlagen zurück, um oft verzerrte und manchmal unwahre Berichte westlicher Medien" zu diskreditieren, verkündete das englischsprachige KP-Sprachrohr "China Daily ".

Um das vermeintlich wahre Bild Lhasas zu zeigen, organisierten die Behörden ab heute eine kurze Gruppenreise für in Peking stationierte Journalisten in die tibetische Hauptstadt. Auf dem Programm stehen unter anderem Begegnungen mit den chinesischen Opfern.

Dabei sein dürfen aber nur wenige Auserwählte. Deutsche Medien sind ausgeschlossen. Verwunderlich ist das nicht: Gehören sie nicht zu einem Land, dessen Kanzlerin den Dalai Lama empfangen hat?

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