Presse-Show im Kreml Putin wütet, Putin behütet

Putin lädt 1400 Medienvertreter zur Jahrespressekonferenz. Journalistinnen wedeln mit "Ich bin schwanger"-Schildern - um aufzufallen, muss man sich was einfallen lassen. Der Kreml-Chef zelebriert die Erotik der Macht, doch der Auftritt ist wohl kalkuliert.

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Auf den ersten Blick wirkt bizarr, was sich da auf der jährlichen Pressekonferenz von Wladimir Putin im Internationalen Handelszentrum an der Moskwa abspielt. Russische Pressevertreter halten Schilder und kleine Transparente hoch, um auf sich aufmerksam zu machen. "Ich bin schwanger" steht auf einem. So feilschen sie um die Gunst des Präsidenten. Der Aufwand lohnt: Wer auf diese Weise in der Livesendung dazu kommt, mit Putin zu sprechen, zehrt oft jahrelang von diesem journalistischen Höhepunkt.

Doch die dreistündige Veranstaltung, an der in diesem Jahr fast 1400 Journalisten teilnahmen, auch zahlreiche Ausländer, bietet mehr als nur die banale Erotik der Macht. Es ist ein genau kalkuliertes Spektakel.

Der Kreml-Chef, sein Sprecher Dmitrij Peskow und Mitarbeiter der Präsidentenadministration haben einen professionellen Propanda-Auftritt organisiert, der in zwei Richtungen wirkt: Auf die Masse der einheimischen Bevölkerung, aber auch auf die internationale Öffentlichkeit.

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Russland: Journalisten feilschen um Putins Gunst
So erteilt Peskow zu Beginn pflegeleichten Mitarbeitern staatseigener Medien das Wort. Die liefern brav Stichworte, um das gewünschte Bild zu schaffen: Ein Staatschef, der auf jede Frage eine Antwort weiß. Und vor allem: Ein Staatschef, der in der Krise Volksnähe zeigt.

"Ich bin aus einer Arbeiterfamilie"

Es ist ein wesentliches Motiv des Auftritts. "Ich bin selbst aus einer Arbeiterfamilie", sagt Putin. Soll heißen: Er weiß, was es bedeutet, wenn die Kaufkraft der Bevölkerung in der Krise sinkt. Zugleich weist er Kritik von Journalisten an der Politik der Staatsbank und der von Premierminister Dmitrij Medwedew geführten Regierung zurück. Auch unter Putin-Anhängern sind die hohen Kreditzinsen, die Unternehmer strangulieren, sehr umstritten. Doch Putin betont, es gelte, Inflation zu verhindern. Damit lehnt er Forderungen von Hardlinern aus Patrioten-Zirkeln ab, die Wirtschaftsliberalen aus der Regierung zu werfen. Auf jede Frage eine Antwort.

Kritische Fragen kommen vor allem von ausländischen Korrespondenten, auch aus Georgien und der Ukraine. Putin begrüßt einen Korrespondenten aus der Ukraine als "Vertreter eines brüderlichen Landes". Doch dem ist die verbale Umarmung gar nicht recht. Er fragt in scharfer Form, wie glaubwürdig Putins Behauptung sei, in der Ukraine befände sich kein russisches Militär. Dabei nennt er die Namen zweier Offiziere der russischen Militäraufklärung, die im Donbass in ukrainische Gefangenschaft geraten sind. Putin versucht, das heikle Thema abzumoderieren: Es handele sich nur um einzelne Militärs und nicht um "reguläre Streitkräfte". Man sei an einem Austausch von Gefangenen interessiert.

Drastisch äußerte sich der Präsident über die Führung der Türkei, der er unterstellte, sie wollte womöglich "die Amerikaner an einer bestimmten Stelle lecken". Versöhnung sei ausgeschlossen. Gerade solche deftigen Akzente lieben viele Russen an ihrem Staatschef, als Ausdruck maskuliner Stärke und imperialer Kraft. Stichwort Volksnähe.

Fremdsprachen zur "Gehirn-Gymnastik"

Dass der Präsident auch um die problematischen Seiten solch imperialer Kraftmeierei weiß, zeigt er durch mäßigende Einlagen. So betont er, Russland sei "ein offenes Land", das sich nicht abschotte und empfahl das Erlernen von Fremdsprachen "als beste Gymnastik für das Gehirn". Und er lobt US-Außenminister John Kerry, mit dem er kurz zuvor über die Syrien-Krise gesprochen hatte. Die USA, so Putin, bewegten sich "in Richtung auf eine gemeinsame Entwicklung" von Politik zur Lösung der syrischen Krise. Dies sei eine "gesunde Entscheidung". Russland, so Putin wolle "die Beziehungen zu den USA entwickeln".

Dann wird es noch einmal ungewöhnlich persönlich. Erstmals antwortet Putin auf die Frage eines oppositionellen russischen Journalisten zu Vorwürfen, eine seiner Töchter profitiere von ihrer familiären Verbindung zum Präsidenten. Seine beiden Töchter, so Putin hätten "nur in Russland studiert", führten "nicht das Leben von Stars" und betrieben "weder Business noch Politik".

Dafür lobt er die Fremdsprachenkenntnisse der beiden jungen Frauen und bekennt, was ein Vater, zumal ein um Volksnähe bemühter, gern bekennt: "Ich bin stolz auf sie".

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