Internationale Reaktionen "Wer braucht Feinde bei solchen Verbündeten"

Die internationale Presse kritisiert US-Präsident Obama scharf. In der möglichen Überwachung des Handys von Kanzlerin Merkel sehen sie eine neue Dimension der Geheimdienstaffäre. "Die Geringschätzung der USA gegenüber ihren Verbündeten ist unerträglich."


Hamburg - Die mögliche Überwachung des Handys von Kanzlerin Angela Merkel durch US-Geheimdienste hat international Empörung ausgelöst.

  • Nach Ansicht des "Guardian" hat die Wut über die Massenüberwachung durch die USA ein "neues, explosives Niveau" erreicht. "Wer braucht Feinde, wenn er solche Verbündeten hat?", fragt die britische Zeitung. Deutschland und Frankreich seien Nato-Partner der USA. "Ihre Soldaten haben in Afghanistan neben amerikanischen Truppen gekämpft und sind dort gestorben. Mexiko kämpft mit und für Amerika einen blutigen Krieg gegen die Drogenkartelle." Wer nicht zur Fünfer-Allianz gehöre - also USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland -, der müsse damit rechnen, dass seine Kommunikation überwacht werde, "unabhängig davon, wie hochrangig er ist oder für wie eng er seine Freundschaft zu Washington oder London hält".
  • "Obama treibt es zu bunt", kommentiert die niederländische Zeitung "De Telegraaf". "Ohne persönliche Beziehungen und diplomatisches Fingerspitzengefühl kommt man international nicht weit." Die Wut von Merkel, die in der DDR aufgewachsen ist, "wo stets jemand mithörte", sei verständlich. "Es geht einfach viel zu weit, das persönliche Telefon eines befreundeten Regierungschefs abzuhören."
  • Die Regierung von Barack Obama könne angesichts der massiven Verletzung von Persönlichkeitsrechten nicht weiter schweigen und Aufklärung behindern, meint die spanische Zeitung "El País". "Es ist schwer zu akzeptieren, dass für den Anti-Terror-Krieg Millionen von Bürgern anderer Ländern abgehört werden müssen." Zwar hätten die europäischen Staaten bislang sehr zurückhaltend auf die Vorwürfe reagiert, "auch weil sie sehr viel über ihre eigenen Geheimdienste zu verschweigen haben". Aber "die Dimension des neuen Falles und die Art, wie Washington jeder Forderung nach Aufklärung ausweicht, machen die Geringschätzung der USA gegenüber ihren Verbündeten einmal mehr deutlich und unerträglich".
  • Die französische Zeitung "Le Figaro" verweist auf den Anruf von Frankreichs Präsident François Hollande am Montag bei US-Präsident Barack Obama als Reaktion auf einen Bericht von "Le Monde" über massenhafte Spähaktionen in Frankreich. Seit Juli dringe Hollande auf eine härtere Reaktion gegenüber Washington, Merkel habe ihn nicht unterstützt, schreibt "Le Figaro". Am Vorabend des EU-Gipfels an diesem Donnerstag seien die neuen Enthüllungen und die Reaktion der deutschen Regierung aber ein Warnschuss in Richtung der USA "und ein Aufruf zu einer gemeinsamen und starken Reaktion der EU". Der NSA-Skandal sei nicht neu für Europa. "Aber da Angela Merkel jetzt persönlich betroffen ist, hat die Affäre plötzlich ein spektakuläres Ausmaß angenommen."
  • Auch in Italien ist die Aufregung groß. Die Zeitungen schreiben vom "Datagate". Im bürgerlichen "Corriere della Sera" heißt es, mit dem Vorfall werde "eine Schwelle überschritten". Niemand könne den USA vorwerfen, Informationen zu sammeln. "Doch welchen Sinn hat es (abgesehen von Gründen, die nichts mit Sicherheit zu tun haben) Regierungschefs aus Ländern auszuspionieren, deren Länder mit den USA Ideale, Interessen und strategische Verpflichtungen teilen?", heißt es. Die linksliberale "Repubblica" geht im Leitartikel mit dem Titel "Die Arroganz Amerikas" mit den USA hart ins Gericht. Der Autor kritisiert auch die in seinen Augen schwache Reaktion Washingtons. "Das Weiße Haus und ganz Amerika reagieren völlig unvorbereitet auf den Zorn der Verbündeten", heißt es. "Falsche Dementis und (…) Lügen verraten Verlegenheit und Faulheit, falsche Einschätzungen oder Arroganz."
  • Im Nahen Osten und Lateinamerika werden die Enthüllungen - und die ungewöhnlich scharfe Reaktion der Kanzlerin - ebenfalls aufmerksam verfolgt.
  • In den USA äußert vor allem die "New York Times" die Sorge, dass die Beziehungen der USA zu wichtigen Bündnispartnern immer stärker beschädigt werden könnten. "Wenn US-Geheimdienste tatsächlich Frau Merkels Telefon abgehört oder ihre eingehenden oder abgehenden Anrufe registriert haben, könnte das Vertrauen zwischen Berlin und Washington nachhaltig gestört sein."

kgp/fab/wal/dpa



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insgesamt 212 Beiträge
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Seite 1
agilophil 24.10.2013
1. optional
Die Geringschätzung der USA gegenüber ihren Verbündeten ist unerträglich!
Clateros 24.10.2013
2. Usa
Netter Topic. Die Amerikaner scheinen in einer Art paranoider Episode zu leben. Irgendwie scheint alles und jeder (sogar die eigenen Leute) eine Gefahr darzustellen. Die Geheimdienste scheinen außer Kontrolle zu sein. Zu viel Macht an falscher Stelle.
klaus64 24.10.2013
3. Zum Tiefpunkt !
Es hat den Anschein, dass sich die USA auf einen wirtschaftlichen, politischen und moralischen Tiefpunkt hinbewegen. Die Europäer sollten sich auf den Tag X vorbereiten, der eine geschwächte Supermacht USA mit in das Kalkül zieht.
AhzekAhriman 24.10.2013
4. nur ein Verbündeter
Die USA kennen nur einen Verbündeten und das sind sie selbst. Alle anderen werden geduldet, benutzt und ausgenutzt. Das sollte allen klar sein die sich mit den USA einlassen.
thomas_gr 24.10.2013
5.
Zitat von ClaterosNetter Topic. Die Amerikaner scheinen in einer Art paranoider Episode zu leben. Irgendwie scheint alles und jeder (sogar die eigenen Leute) eine Gefahr darzustellen. Die Geheimdienste scheinen außer Kontrolle zu sein. Zu viel Macht an falscher Stelle.
Worin unterscheiden sich darin die Amis von den Deutschen? Glauben Sie, dass uns der BND und Konsorten nicht überwachen? Die Äußerungen hierzu und die grundsätzliche Haltung zur Balance zwischen Sicherheit und Freiheit von Friedrich sind entlarvend.
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